Gesundheit : Verkürzung der Schulzeit?: 12-Jahresabitur im Trend

Bärbel Schubert

Nach vielen Jahren mit stark ideologisch geprägten Schulzeitdebatten geht der Wandel jetzt nahezu lautlos vor sich. Der Trend geht zum Abitur nach zwölf Schuljahren. Mittlerweile sprechen sich alle Parteien für die Verkürzung der bisher üblichen 13 Schuljahre aus.

Die SPD-geführten Bundesländer haben sich nach und nach für flexible Lösungen geöffnet. Am vergangenen Wochenende verständigten sich ihre Schulminister und die Sprecher der SPD-Landtagsfraktionen in Potsdam darauf, begabten Schülern künftig bundesweit die kürzere Schulzeit auf dem Gymnasium zu ermöglichen. Generell wollen sie aber bundesweit die Möglichkeit erhalten, die Hochschulreife in 13 Jahren zu erwerben. "Unser Ziel ist es, deutlich mehr Jugendliche als bisher zum Abitur zu führen", heißt es in dem Beschluss. Das soll durch eine Schulzeitverkürzung nicht konterkariert werden.

Um bundesweit gleichwertige Bildungsabschlüsse zu erhalten, haben die Kultusminister eine bestimmte Mindeststundenzahl vereinbart, die jeder Schüler bis zum Abitur an Unterricht bekommen muss. Schon heute schaffen nicht alle Schüler das Pensum in der kürzeren Zeit. Zu viel muss gerafft und in Eigeninitiative wiederholt werden. Da der Arbeitsmarkt aber seit Jahren steigende Anforderungen an das Ausbildungsniveau der Absolventen stellt, soll die Bildungsbeteiligung nicht geringer werden, sondern steigen. Schon heute ist Deutschland mit 25 Prozent Abiturienten europaweit ins Hintertreffen geraten. Frankreich beispielsweise strebt inzwischen eine 80-Prozent-Quote an. Auch Schweden und Norwegen haben einen Abiturientenanteil um die 70 Prozent.

Die CDU hat vor einer Woche bei ihrem kleinen Parteitag in Stuttgart die Forderung nach Einführung des 12-Jahresabitur im ganzen Bundesgebiet beschlossen. In derselben Woche beschloss das Saarland als erstes Bundesland, die kürzere Schulzeit flächendeckend einzuführen. Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (CDU) bereitet dies ebenfalls vor. Wenn sie im kommenden Jahr Präsidentin der Kultusministerkonferenz sein wird, erwarten viele, dass auch die Schulzeitfrage erneut in dieser Runde thematisiert wird.

Die CDU-geführten Bundesländer Sachsen und Thüringen haben die in der DDR übliche kürzere Schulzeit ohnehin beibehalten. Allerdings ist immer wieder zu hören, dass die von der Kultusministerkonferenz vereinbarte Stundenzahl unterschritten wird.

Die FDP erhebt schon länger die Forderung nach kürzeren Ausbildungszeiten. Da sie in den Länderparlamenten aber wenig vertreten ist und bundesweit nur eine Wissenschaftsministerin (Hessen) aber keine Schulminister stellt, kommt dies nur wenig zum Tragen.

Rheinland-Pfalz hat in den vergangenen zwei Jahren schon Erfahrung mit einer geringen Schulzeitverkürzung gesammelt. Dort sind inzwischen 12,5 Jahre üblich. Damit sollte der Leerlauf nach den Abiturprüfungen beseitigt werden, wenn die Schüler eigentlich schon nichts Neues mehr lernten, aber weiterhin bis kurz vor den Sommerferien in die Schule gehen mussten. Nordrhein-Westfalen bietet neuerdings für leistungsstarke Schüler verstärkt die Möglichkeit, die elfte Klasse zu überspringen oder in ein Auslandsjahr zu verwandeln. Was in dem bevölkerungsreichsten Bundesland geschieht, prägt ohnehin bundesweit die Bildungspolitik. Denn NRW hat etwa so viele Bürger wie alle ostdeutschen Länder zusammen.

Brandenburg, das das 13. Schuljahr gleich nach der Wende eingeführt hatte, hat in diesem Jahr angefangen, Modellversuche zur Verkürzung zu planen. Sachsen-Anhalt ist in einer wenig komfortablen Situation. Zu diesem Schuljahr wird zwar das 13. Schuljahr eingeführt. Doch gleichzeitig starten auch Versuche zum rheinland-pfälzischen Modell mit 12,5 Jahren.

Der öffentliche Druck für kürzere Ausbildungszeiten hat im Zuge der Europäisierung des Arbeitsmarktes zugenommen. Dass jüngere Schulabgängeraus anderen europäischen Ländern langfristig bessere Chancen als ihre deutschen Mitbewerber haben, war so lange nicht so schlimm, wie das gute deutsche Ausbildungsniveau nicht in Frage stand. Doch das hat sich geändert, seit beispielsweise die internationale Mathematikuntersuchung Timss den deutschen Schülern eher schlechte Leistungen bescheinigte.

Die Unzufriedenheit der Eltern über eine unzureichende Berufsvorbereitung vieler Schulen in Deutschland war angesichts des Lehrstellenmangels schon vorher groß. Dieser Engpass erschwert auch jetzt eine Umstellung der gymnasialen Oberstufe auf 13 Jahre. Denn die Abiturienten drängen dann bereits früher auf den Arbeitsmarkt und rund ein Drittel von ihnen nimmt zunächst eine Lehre auf. Trotz der gegenteiligen Appelle der Kultusminister, doch lieber zu studieren, ist dabei die Tendenz steigend. Die Abiturienten verdrängen aber schon jetzt Abgänger anderer Schularten auf dem Lehrstellenmarkt - insbesondere bei zukunftsträchtigen Berufen. Die Lehrstellenknappheit durch steigende Schulabsolventenzahlen wird den Prognosen zufolge noch mindestens bis zum Jahr 2005 anhalten und dann nur langsam nachlassen. Eine Schulzeitverkürzung zum jetzigen Zeitpunkt würde diesen Verdrängungswettbewerb sowie die Lehrstellenknappheit noch verschärfen.

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