Gesundheit : Vermessen

Die SS hatte eine Kernwaffe, heißt es in „Hitlers Bombe“ – doch der Autor interpretiert Bodenproben falsch

Thomas de Padova

„Dieses Buch enthüllt eine Sensation: Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben.“

So steht es auf der schwarzen Schutzhülle des Buches „Hitlers Bombe“, das vor Rainer Karlsch auf dem heimischen Wohnzimmertisch in Berlin-Weißensee liegt. Der 47-jährige hat in Russland neue Dokumente gefunden, er hat Augenzeugenberichte zusammengetragen und Wissenschaftler dafür bezahlt, Messungen der Radioaktivität am Ort der vermeintlichen Explosion in Thüringen vorzunehmen. Die physikalischen Messwerte sollten ihm die wichtigsten Beweismittel liefern: „Mit der Gammaspektrometrie konnten deutlich über dem Landesdurchschnitt liegende Werte bei Cäsium-137 festgestellt werden“, schreibt er. Das sei ein „ Indiz für einen nuklearen Fallout“.

Das Buch ist in dieser Woche erschienen – aber die Beweisführung an dieser entscheidenden Stelle ist nicht stichhaltig. Ein bisher unbekannter Kernwaffentest im März 1945 habe charakteristische Spuren auf dem Truppenübungsplatz im thüringischen Ohrdruf hinterlassen, behauptet der Autor. Doch der von Karlsch herbeigewünschte nukleare Fingerabdruck von Hitlers Bombe ist gar keiner.

Karlsch mag noch so eindrucksvoll ausführen, dass das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den Landesdurchschnitt für Cäsium-137 in Thüringen mit 11 bis 28 Becquerel pro Kilogramm beziffert, während die Proben, die er und im Buch zitierte Forscher genommen haben, Werte zwischen 27 und 70 aufwiesen – also deutlich höhere. Trotzdem sind die Werte in keiner Weise aussagekräftig - und das hätte auch er bei eben diesem Bundesamt erfahren können.

Der Landesdurchschnitt, den Karlsch bemüht, sagt noch nichts über die Schwankung der Radioaktivität in Thüringen aus. „Wählt man ein paar x-beliebige Standorte in Thüringen aus, dann gehen die Einzeldaten bis hinauf zu 200 Becquerel pro Kilogramm“, erläutert Gerald Kirchner, Leiter des Fachbereichs Strahlenschutz und Umwelt beim BfS. Sind 70 Becquerel also auffällig? Lässt sich damit ein nukleares Ereignis nachweisen, das vor 60 Jahren dort stattgefunden haben soll?

„Das ist absolut kein Beweis“, sagt Kirchner. „Es liegt im Bereich dessen, was wir überall und bei jeder Messung erwarten würden.“ Und auch die gefundenen Plutonium- Spuren gäben keine Hinweise. „Das ist das, was man aus dem Fallout der nach dem Krieg gemachten Kernwaffentests kennt“, sagt Kirchner.

Was vor allem für einen Beweis fehle, sei der Nachweis langlebiger Radionuklide wie Europium, die bei Kettenreaktionen in hoher Konzentration entstehen und nicht aus anderen Quellen wie etwa dem Reaktorunfall von Tschernobyl stammen können, weil sie damals nicht in nennenswerten Mengen nach Europa gelangt sind.

Rainer Karlsch legt die Hände auf seine braune Tuchhose und wendet sich ab. Er hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Interviews gegeben, hat mit Journalisten und Historikern gesprochen. Jetzt schaut er vor sich auf den grauen Teppich.

In seinem Buch gebe er „nur das wieder, was Strahlenphysiker herausbekommen haben“, sagt der promovierte Wirtschaftshistoriker. „Das sind die Daten, die mir jetzt vorliegen.“

Er steht auf, geht im Zimmer auf und ab und spricht von Messergebnissen, die bei der Physikalisch Technischen Bundesanstalt bereits vorlägen, auf die er aber nicht mehr habe warten können. Schließlich erzählt er, wie die Bodenproben unter Aufsicht der Bundeswehr auf dem Übungsgelände genommen wurden: Zunächst musste er anhand der Augenzeugenberichte die Stelle finden, an der der vermutete Kernwaffentest im März 1945 stattgefunden haben könnte. Schon das sei nicht leicht gewesen. „Die ersten Messungen haben wir an einem Krater gemacht, der ziemlich groß war“, sagt er. Bereits dort seien die Cäsium-Werte „hoch“ gewesen. Mit Hilfe von Luftbildern der US-Luftwaffe stellte er jedoch fest, dass es an dem verdächtigen Platz im Sommer 1945 noch gar keinen Krater gab. Es handelte sich also auf keinen Fall um jenes Loch, das der von ihm vermutete Kernwaffentest hinterlassen hatte.

Eine andere, flachere Mulde mit etwa 50 Metern Durchmesser habe allerdings nur etwa 800 Meter entfernt gelegen. „Je näher wir der Stelle kamen, umso stärker stiegen die Werte an.“ Bis zum Zentrum des Kraters gelangte der kleine Messtrupp allerdings nicht. Die Bundeswehr ließ Karlsch&Co nicht weiter auf das Übungsgelände vordringen. Daher stammen die entnommenen Bodenproben aus 200 Metern Abstand und mehr vom „wahrscheinlichen Explosionszentrum“.

Wie beweiskräftig sind diese Messungen?

Dass in einer wo auch immer gelegenen Mulde eine lokal erhöhte Radioaktivität gemessen wird, sollte niemanden wundern. Nach dem Reaktor-Unglück von Tschernobyl 1986 wurden radioaktive Stoffe über weite Entfernungen hinweg transportiert und dann mit dem Regen ausgewaschen. Die Konzentration sammelte sich dort, wo das Wasser stehen blieb: in Vertiefungen des Bodens.

Karlsch geht hinauf in sein Arbeitszimmer und kommt mit einem grünen Ordner zurück: mit Beweismitteln, die ihm erst nach der Buchveröffentlichung in die Hände gefallen sind. Er ist sich sicher, dass der Kernwaffentest in Thüringen stattgefunden hat. Die Zeitzeugen, die russischen Quellen. „Das passt alles zusammen.“

In seinem Buch passt etliches zusammen – und das meiste davon ist auch gut belegt. Insofern ist es bedauerlich, dass der Autor die wertvollen Mosaiksteine einer so spektakulären wie windigen These geopfert hat.

Karlsch hat die Forschung um etliche neue Quellen bereichert, die er unter anderen im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft in Moskau aufgetan hat. „Dass es eine Atombombe gab, den Beweis bleibt das Buch schuldig“, sagt Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Aber Karlsch habe wichtige Fakten dafür zusammengetragen, „dass es durchaus in Deutschland Leute gab, die sich in bisher unbekanntem Maß mit militärtechnischen Aspekten befasst haben“. Im Fokus stehe dabei eine Gruppe des Heereswaffenamtes um Kurt Diebner.

Schon 1939 legte der Nobelpreisträger Werner Heisenberg dem Heereswaffenamt ein Gutachten vor, in dem er technische Möglichkeiten zum Bau einer „Uranmaschine“, eines Reaktors, beschreibt. Heisenberg führt darin zudem aus, dass sich aus einem der Uranisotope ein völlig neuer Sprengstoff herstellen ließe - wenn das Material in angereicherter Form zur Verfügung stünde. Auf Grund dieses Gutachtens blieb Heisenberg in Deutschland den ganzen Krieg über die Autorität in der Kernforschung. Aber anders als viele Kollegen seiner Zeit wie etwa der Raketenforscher Wernher von Braun, versuchte Heisenberg nicht, aus seinem Forschungsgebiet ein großindustrielles Projekt zu machen. Obwohl er dies womöglich hätte erreichen können.

Heisenberg war kein NSDAP-Mitglied, Kurt Diebner schon. „Aber auch die strammsten Nationalsozialisten hatten nicht unbedingt die besseren Karten“, sagt der Historiker Wolfgang Schieder von der Uni Köln. Es gab keine zentrale Wissenschaftssteuerung, Diebner, obschon Experte für Kernphysik und Sprengstoffe in der Heeresforschung, fehlte die wissenschaftliche Reputation. Heisenberg mied ihn, und Diebner wurde durch die Darstellungen namhafter Kollegen nach dem Krieg lange als Randfigur in der Forschung betrachtet.

Der US-Historiker Mark Walker hat jedoch belegt, dass Diebner durchaus ein guter Physiker war. Sein Projekt zur Energieerzeugung aus Uran war sogar das erfolgreichere. Der Theoretiker Heisenberg verfolgte ein Konzept, bei dem das Uran geschichtet wurde. „Das war leichter zu berechnen“, sagt Günther Marx vom Institut für Chemie der Freien Universität Berlin. Uranwürfel, die Diebner bevorzugte, waren aber besser geeignet, eine nukleare Kettenreaktion auszulösen, was Heisenberg erst spät aufging.

Karlsch hat unter anderem Briefe von Diebner an Heisenberg entdeckt, die auf einen bis dato nicht bekannten Reaktorversuch Diebners schließen lassen. Was Mark Walker an dem nun erschienenen Buch noch wichtiger findet, ist, dass es auch in Deutschland Leute gegeben habe, die mit allen Mitteln versuchten, Kernwaffen zu bauen. Und dabei kam neben Diebner dem Physiker Walther Gerlach eine Schlüsselrolle zu.

Dessen Aktivitäten belegt Karlsch detailliert und macht plausibel, dass sich Gerlach schließlich regelrecht im Würgegriff des NS-Regimes befand. Vor diesem Hintergrund werde auch deutlich, dass sich Gerlach nach dem Abwurf der US-Atombomben wie ein „besiegter General“ gesehen habe, sagt Hoffmann.

Wie weit Gerlachs Initiativen zum Bau „taktischer Kernwaffen“ oder „schmutziger Bomben“ letztlich führten, ist ungewiss. Hier gibt es in der Forschung viele Lücken – die Karlsch mit einer gewagten Hypothese gestopft hat. „Vielleicht habe ich mich damit übernommen“, sagt er einmal während des Gesprächs.

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