Gesundheit : Verordnet und verleugnet

Medikamentenabhängigkeit gefährdet vor allem ältere Menschen

Rosemarie Stein

Die Ärzte schlugen sich an die eigene Brust. Denn es ging um ein weitverbreitetes Leiden, an dem sie sich mitschuldig fühlen, das sie zudem oft verkennen und selten behandeln: die Arzneimittelabhängigkeit. Jetzt war sie, zusammen mit der Alkoholkrankheit, ein Schwerpunkt beim 31. Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundesärztekammer in Berlin.

Die Medikamentensucht nimmt den dritten Platz hinter der Tabak- und der Alkoholabhängigkeit ein. Man schätzt, dass in Deutschland etwa 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen betroffen sind, weit mehr Frauen als Männer. Sichere Daten gibt es nicht, weil umfassende Studien fehlen. Hans-Jürgen Rumpf von der Lübecker Psychiatrischen Universitätsklinik teilte aber Ergebnisse kleinerer Studien mit. Danach waren ein Prozent der 18- bis 59-jährigen Probanden von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, 2,2 Prozent von Schmerzmitteln abhängig. Eine Lübecker Studie ergab, dass im Allgemeinkrankenhaus 4,7 Prozent der 18- bis 70-jährigen Patienten arzneimittelabhängig waren. Nur wenige nehmen deshalb Hilfe in Anspruch, die Dunkelziffer ist hoch.

Ungefähr sechs Prozent aller verordneten Arzneimittel werden häufig missbraucht und können abhängig machen, sagte Christoph Freiherr von Ascheraden, Arzt für Allgemeinmedizin in St. Blasien. Der Abhängigkeitskrankheit geht meist ein Missbrauch voran, also eine unnötige oder übermäßige Anwendung einer Substanz. Das sind meist Wirkstoffe, die psychische Funktionen verändern, vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie bestimmte schmerzstillende Medikamente. Als besonders problematisch nannte von Ascheraden hier die Benzodiazepine (zum Beispiel „Valium“, „Rohypnol“, „Dalmadorm“, „Mogadan“), nicht nur wegen der Nebenwirkungen auf den gesamten Organismus. Sie können nämlich schon in gleichbleibend niedriger Dosierung nach kurzer Zeit abhängig machen. Wird solch ein Tranquilizer dann plötzlich abgesetzt, kann es ähnlich wie bei Alkohol- und Drogenkranken zu Entzugssymptomen kommen, etwa zu Schmerz-, Unruhe- und Angstzuständen, auch zu Verwirrtheit und sogar zu Krämpfen und Halluzinationen.

Zum Glück geht die Verordnung von Benzodiazepinen wegen ihres Suchtpotenzials seit Jahren zurück. Stattdessen verschreiben Ärzte jetzt manchmal ähnlich, aber sehr kurz wirkende neue Stoffe, die Benzodiazepin-Agonisten. Im Wesentlichen sind das die Wirkstoffe Zolpidem („Stilnox“), Zopiclon („Ximovan“) und Zaleplon („Sonata“). Tierversuche und klinische Studien weisen darauf hin, dass sie weniger abhängig machen. Deshalb empfiehlt die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, sie Benzodiazepinen vorzuziehen.

Inzwischen wurden auch hier Fälle von Abhängigkeit bekannt, und die Weltgesundheitsorganisation stellte das Suchtpotenzial von Zolpidem dem der Benzodiazepine gleich. Fritz Hohagen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, beobachtete in der Lübecker Universitätsklinik bei beiden Substanzgruppen ähnliche Entzugssymptome, wie er auf der Tagung berichtete. Anfällig scheinen vor allem Patienten zu sein, die schon von anderen Medikamenten oder von Alkohol abhängig sind.

Gegen Medikamentenabhängigkeit wirkt Vorbeugung am besten. Ärzten und Patienten riet von Ascheraden, kritisch zu prüfen, ob ein Mittel mit Suchtpotenzial unbedingt notwendig ist und falls ja, in welcher Dosierung und wie lange (Tage bis höchstens Wochen). Der erfahrene Hausarzt machte auf etwas oft Übersehenes oder Vernachlässigtes aufmerksam: Alte, pflegebedürftige Patienten sind besonders gefährdet.

Die Folgen des übermäßigen Arzneimittelkonsums und die Entzugserscheinungen werden oft als solche nicht erkannt und mit noch mehr Medikamenten behandelt. „Wenn die Angehörigen uns nach dem Tod des Patienten zwei pralle Aldi-Tüten voll Arzneimittel bringen, sehen wir Ärzte, dass wir versagt haben“, rief von Ascheraden aus.

Durch frühes Eingreifen mit wenig Aufwand sind bei Suchtgefährdeten große Erfolge zu erzielen. Für eine erste Fahndung schlug Hans-Jürgen Rumpf einen simplen Test vor: Der Patient wird gefragt, ob er sich Sorgen über seinen Arzneimittelkonsum macht, sich unter Medikamenten leistungsfähiger fühlt, schon daran gedacht hat, davon loszukommen, und ob seine Umgebung annimmt, dass er ein Arzneimittelproblem hat.

Ärzte stellen solche Fragen nicht gern, aus Furcht, Patienten zu verlieren. Zu Unrecht, sagte Rumpf. Studien zeigen, dass Suchtgefährdete eine Nachfrage sogar schätzen. Gespräche, ein Ratschlag, sogar eine Broschüre können überraschend wirksam sein.

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