Gesundheit : Verrat am Nil

Ein ägyptischer Krimi mit rätselhaftem Ende – warum die mächtige Königin Nofretete plötzlich von der politischen Weltbühne verschwand/Tauchte sie unter oder war es Mord?

Michael Zick

Die schöne Nofretete – eine gemeine Landesverräterin? Wollte die anmutige Gemahlin Echnatons das ägyptische Reich an den Todfeind im Norden, an die Hethiter, verschachern? Folgt man dem Ägyptologen Nicholas Reeves, so ist dieser ungeheuerliche Gedanke wissenschaftlich belegt. Und in der Tat mischen sich am Pharaonenhof zwischen 1371 und 1354 v. Chr. alle Ingredenzien für ein Königsdrama Shakespearschen Ausmaßes: Ein monomanischer König kämpft gegen den Klerus, eine königliche Gemahlin taucht unter, eine gefährliche Nebenbuhlerin verschwindet, Dunkelmänner agieren im Tempel, es werden seltsame Briefe verschickt, ein Prinz wird ermordet.

Nicholas Reeves, britischer Archäologe und Leiter des Amarna Royal Tombs Project, fügt diese Sonderlichkeiten zusammen und zeichnet in seinem neuen Buch „Echnaton“ (Philipp von Zabern Verlag, Mainz 2002, 29 Euro) ein ebenso verblüffendes wie aufregendes Bild der revolutionären „Amarna-Zeit“.

Der Ketzerpharao

Die ist untrennbar mit den Namen Amenophis IV. verbunden, der sich später Echnaton nannte. Die unstrittigen Fakten: Der oft als „Ketzerpharao“ titulierte Herrscher verordnete dem traditionsverkrusteten Altägypten im 14. Jahrhundert v. Chr. eine Kulturrevolution ohne gleichen: Er schloss unter anderem den übervollen ägyptischen Götterhimmel und verlangte die Anbetung nur eines Überirdischen, seines Sonnengottes Aton. Nach 17 Jahren Regierungszeit scheiterte der königliche Religionsstifter. Über sein Ende ist nichts bekannt. Er wurde von seinen Nachfolgern aus den offiziellen Königslisten getilgt und so für rund 3000 Jahre dem Vergessen anheim gegeben.

Das allein schon gab und gibt Stoff genug für wissenschaftliche Griffelspitzerei und fantasievolle Mythen. Noch rätselhafter aber ist „Nofretete“ – ein Name wie ein Versprechen: „Die Schöne ist gekommen“. In der altägyptischen Öffentlichkeit war die Königin über alle Tradition hinaus präsent. In der königlichen Propaganda auf Wandgemälden und Reliefs tritt Echnaton stets zusammen mit Nofretete auf. Sie ist – höchst ungewöhnlich für altägyptische Staatsauffassung – auch bei den Kulthandlungen immer dabei, manchmal vollzieht sie die Opferhandlungen sogar selbst. Familienszenen mit Mann und Kindern finden sich ebenso auf Reliefbildern wie das turtelnde Ehepaar im Streitwagen. Nofretete hatte zweifellos eine starke Stellung im Machtgefüge des königlichen Hofes. Ihre Titel: „Große Königliche Gemahlin“ und „Herrin beider Länder“. Sechs Kinder gebar sie, alles Töchter, keinen Thronfolger.

Zwischenzeitlich tauchte eine andere Frau auf: Kija, wohl eine ausländische Prinzessin aus dem königlichen Harem, stieg zur Favoritin des Pharao auf. Die meisten Ägyptologen sehen in ihr die Mutter des einzigen Echnaton-Sohnes Tutanchamun. So jäh wie sie aufstieg, fiel Kija wieder ins Nichts zurück, es gibt keine Nachrichten über ihr Schicksal.

Aber auch Nofretete verschwindet. Nach dem zwölften Regierungsjahr Echnatons taucht sie nicht mehr in den offiziellen Darstellungen auf. Was war mit der „Großen königlichen Gemahlin“ geschehen? Verbannung? Gestorben, ermordet vielleicht?

Das Rätsel Nofretete ist ungelöst – es sei denn man folgt Nicholas Reeves. Seine komplizierte archäologisch-philologische Beweisführung stützt sich auf verschiedene, scheinbar nicht zusammengehörende Einzelheiten. So wird Nofretete auf Reliefs schon früh bei der symbolischen Handlung „Erschlagen der Feinde“ dargestellt – ein Bildtyp, der bis dahin allein dem König zustand. Eine Statue mit allen Machtinsignien eines Königs, aber fehlenden Genitalien wird heute nicht mehr als Eunuchen-Echnaton gedeutet, sondern als königliche Kolossalskulptur seiner Frau. Nofretete legt sich kurz vor ihrem Verschwinden einen weiteren Namen (Nefernefruaton) zu. Als die große Gemahlin scheinbar vom höfischen Parkett abtritt, erscheint auf den offiziellen Darstellungen ein Mitregent Echnatons mit Namen Anchcheprure-Nefernefruaton. Den identifiziert Reeves über weitere Indizien als Nofretete, die dann nach dem Tod ihres Mannes als „Semenchkare“ alleinige Herrscherin Ägyptens wird. Reeves: „Nofretete war nachweislich Königin geworden.“

Sie wurde Königin über ein wirtschaftlich zerrüttetes Land mit heftigen innenpolitischen Zerfallserscheinungen. Außenpolitisch war die Situation für die Großmacht Ägypten nicht minder gefährlich: Die penibel austarierte Machtbalance im Vorderen Orient zwischen Babylonien, Mitanni und Ägypten wurde rabiat gestört. Die Hethiter drängten in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. aus ihrem Stammland Anatolien weit nach Süden.

Während eines Kriegszuges gegen einen ägyptischen Vasallenstaat erhielt der hethitische Großkönig Schuppiluliuma einen Brief mit einem Friedensangebot einer ägyptischen Königin: „Mein Gatte starb. Einen Sohn habe ich nicht. Aber du, so sagt man, hast viele Söhne. Gäbest du mir einen deiner Söhne, würde er mein Gemahl.“

Die Briefschreiberin wird in der hethitischen Abschrift als „Dahamunzu“ personalisiert. Wer war Dahamunzu? Über den Namen des verstorbenen Pharaos kommt man nicht eindeutig weiter, der wird in den hethitischen Annalen „Nibhururija“, genannt. Den können die Ägyptologen sowohl dem Vornamen Echnatons (Nefercheprure) wie dem seines Sohnes Tutanchamun (Nebcheprure) zuordnen. Die Kontaktsuchende wäre dann entweder die – unbedeutende – Witwe des Tutanchamun oder die machtvolle Nofretete gewesen. Für Nicholas Reeves steht fest: „Dahamunzu war Nofretete selbst.“

Auf dem Weg zur Macht ermordet

Die Briefschreiberin macht ein unvorstellbares Angebot: Es entstünde ein Reich unter hethitischer Herrschaft vom Schwarzen Meer bis zum schwarzafrikanischen Nubien. Dem kann kein Machtmensch widerstehen. Also wurde Hethiter-Prinz Zananza nach Ägypten geschickt. Er kam nie an. Auf dem Weg zur Weltherrschaft wurde er ermordet. In Ägypten gewannen die konservativen Kräfte aus Priesterschaft und Militär endgültig die Oberhand und revidierten die Neuerungen Echnatons.

Das weitere Schicksal Nofretetes liegt völlig im Dunkeln. Eins ist für Reeves aber klar: Beim Tod der schönen Nofretete dürften „natürliche Ursachen eine untergeordnete Rolle“ gespielt haben.

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