Gesundheit : Verschleppte Volkskrankheit

„Gegen Rheuma kann man nichts machen“, denken viele. Vom Fachkongress in Berlin hört man etwas anderes. Wie die chronischen Gelenkentzündungen entstehen – und wie man sie lindern kann

Dagny Lüdemann

WAS IST RHEUMA?

Wenn es in den Muskeln zieht und morgens die Gelenke schmerzen, denken viele sofort an Rheuma. Hinter diesem Begriff verbergen sich allerdings 300 bis 400 Krankheiten – je nachdem, wie man Rheuma definiert. Zwar wird per Definition auch die Altersarthrose durch Verschleiß der Gelenke zu den Rheuma-Leiden gezählt. Doch sie entsteht ganz anders als die eigentliche Volkskrankheit: die Rheumatoide Arthritis. Bei dieser Autoimmunerkrankung greift die körpereigene Abwehr gesundes Gewebe an. Daneben gibt es eine Reihe seltener Bindegewebs- und Gefäßleiden, die ebenfalls vom Rheumatologen behandelt werden.

WIE VIELE MENSCHEN SIND BETROFFEN?

Geschätzte 1,5 Millionen Deutsche leiden an einer rheumatischen Krankheit. „Vermutlich liegt die Zahl noch höher, wenn man diejenigen einbezieht, die von Orthopäden behandelt werden und daher in der Rheumatologie nicht auftauchen“, sagt Gerd-Rüdiger Burmester, Leiter der Klinik für Rheumatologie und Immunologie der Charité. Wie die Versorgung verbessert werden kann, war ein Thema auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) in Berlin, der am Samstag zu Ende ging. Allein 500 000 Menschen in der Bundesrepublik sind von Rheumatoider Arthritis betroffen. Bei Frauen ist diese Form des Rheumas dreimal so häufig wie bei Männern. Die ersten Beschwerden treten meist im Alter um die 40 Jahre auf.

KÖNNEN KINDER RHEUMA BEKOMMEN?

Ja, es gibt eine juvenile Form der Arthritis. In Deutschland leben etwa 15 000 Kinder und Jugendliche damit.

WELCHE BESCHWERDEN

HABEN DIE PATIENTEN?

Von geschwollenen Gelenken an Händen und Füßen über Rückenschmerzen bis hin zu Schlafstörungen und Magen-Beschwerden – die Symptome sind vielseitig und individuell. Bei einer Rheumatoiden Arthritis sind Finger-, Hand- oder Fußgelenke meist zuerst betroffen. Steife Glieder am Morgen und Schmerzen beim Bewegen sind erste Anzeichen dafür, dass die Gelenke entzündet sind. Da das Immunsystem ständig auf Hochtouren arbeitet, fühlen sich die Betroffenen schlapp, wie bei einer Grippe. Manche bekommen sogar Fieber. Meist verläuft die Krankheit chronisch und in Schüben, wobei es auch Phasen ohne Beschwerden gibt.

WORAN ERKENNT DER ARZT, DASS ES WIRKLICH RHEUMA IST?

Gerade im frühen Stadium ist die Diagnose nicht leicht. Am besten eignen sich Antikörpertests zur Früherkennung. „Sie sind in Deutschland mittlerweile Standard“, sagt Gerd-Rüdiger Burmester. Durch die Entzündung wird im Körper der Proteinbaustein Citrullin gebildet, gegen den die Immunabwehr Antikörper bildet. Diese Antikörper sind nachweisbar, bevor im Ultraschall eine Veränderung der Gelenke zu sehen ist. Charité-Mediziner haben außerdem festgestellt, dass sich die Knochendichte in den Fingern bereits Wochen nach Ausbruch der Krankheit verringert. Diesen Knochenschwund misst ein Diagnose-Gerät, das in Berlin entwickelt wurde und künftig neben anderen Verfahren eingesetzt werden soll.

WELCHE THERAPIEN GIBT ES?

Seit langem wird Rheuma mit Kortison und dem aus der Krebstherapie stammenden Mittel Methotrexat behandelt. Diese Medikamente drosseln die Immunabwehr, haben aber recht starke Nebenwirkungen. Gezielter wirken gentechnisch hergestellte „Biologicals“. Diese Eiweiße blockieren entweder den Botenstoff, der die Entzündung auslöst, zerstören Zellen, auf die das Immunsystem reagiert oder greifen direkt in die Immunreaktion ein, so dass gar nicht erst Antikörper gebildet werden. „Heute werden Biologicals in Kombination mit den herkömmlichen Mitteln eingesetzt“, sagt der Charité-Arzt Burmester. Einige lebensgefährlich an Rheuma erkrankte Patienten wurden sogar mit einer Stammzelltherapie behandelt – darunter auch Kinder. Ihnen wurden Immunstammzellen entnommen, bevor man mit einer Chemotherapie alle Immunzellen im Körper abtötete. Danach wurden ihnen die eigenen Stammzellen gespritzt, die das Immunsystem neu aufbauten. Diese Therapie darf aber nur bei schwerkranken Rheuma-Patienten angewandt werden, denn es kann zu lebensgefährlichen Infektionen kommen.

WANN SOLLTE MAN ZUM ARZT GEHEN?

Möglichst schnell. „Innerhalb der ersten drei Monate kann ein chronischer Verlauf noch verhindert werden“, sagt Rheumatologe Burmester. Je später mit der Behandlung begonnen wird, desto stärker sind die bleibenden Schäden. Doch noch immer dauert es im Durchschnitt länger als ein Jahr, bis Patienten zum Spezialisten kommen – zum Teil liegt das auch an den langen Wartezeiten auf einen Termin. Außerdem gibt es hierzulande nach Ansicht der DGRh zu wenige Spezialisten. Vor allem im Medizinstudium müsse das berücksichtigt werden, damit mehr junge Ärzte Rheumatologen werden.

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