Gesundheit : Verständigung

Das Willy–Brandt–Zentrum der Universität Breslau

Tom Heithoff

30 Jahre nach Willy Brandts berühmtem Warschauer Kniefall schmückt sein in Polen hoch geschätzter Name ein wissenschaftliches Institut. An der Universität Wroclaw (früher Breslau) hat im vergangenen Jahr das „Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien“ (WBZ) seine Arbeit aufgenommen. Die Universität Breslau reiht sich mit diesem Projekt in eine Riege mit Harvard, Berkeley und der Sorbonne ein, die ebenfalls koordiniert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst Deutschlandstudien betreiben.

„Wir sind keine politische Einrichtung“, stellte Direktor Krzysztof Ruchniewicz am Dienstag in Berlin klar, wo das Zentrum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Doch auch in der Wissenschaft dürfe die Leistung Brandts, die Versöhnung und Verständigung zwischen West- und Osteuropa, als Vorbild dienen. „Wenn man über Kultur spricht, darf man nicht über Politik schweigen“, forderte Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Eine deutsch-polnische Wissenschaftskooperation habe immer auch eine europäische Dimension. Die beiden „Schlüsselländer in der Mitte Europas“ seien Vorbild für andere Länder. Bingen ist überzeugt, dass ein „wissenschaftliches und kulturelles Netzwerk“ zwischen zwei Ländern zu so viel Verbundenheit führt, dass man auch in politisch stürmischen Zeiten nicht leicht auseinander gerissen wird.

Obwohl das WBZ vorrangig Grundlagenforschung betreibt, will es auch die Brücke zur Praxis schlagen. Deutsche und europäische Rechts- und Wirtschaftssysteme, Funktionen sozialer und politischer Systeme, deutsche Geschichte, Kunst-, Literatur-, und Sprachwissenschaft und Kultur-und Kommunikationswissenschaft – sind die Sektionen, in denen das WBZ zweijährige Aufbau- oder dreijährige Graduiertenstudien anbietet. Der Anspruch des Instituts, grenzüberschreitende Forschung zu fördern, aber auch Vermittlung für die Wirtschaft anzubieten, zeigt klar, dass aus dem Zentrum kein Elfenbeinturm werden soll. Im Dienstleistungszentrum werden Unternehmen bei der Einführung neuer Produkte und über kulturtypische Verhandlungsstrategien beraten.

Das Bewusstsein, in anderen Kulturen zu kommunizieren, hält Michael Fleischer vom WBZ für wesentlich, um den anderen besser zu verstehen. Als zentrale Aufgabe sieht er die „Integration von zwei verschiedenen Kultursystemen“. Um „Europafähigkeit“ zu erlangen, müssten „Übersetzungsszenarien“ herausgearbeitet werden. Beispiel sei ein deutscher Unternehmer, der sich auf dem Warschauer Flughafen von seinem Geschäftspartner vergessen glaubte und erbost wieder zurückflog. „Er hatte geglaubt, dass die Terminvereinbarung drei Monate zuvor ausreichen würde. Aber in Polen erwartet man kurz vor dem Treffen eine Bestätigung.“ Auch so etwas gehöre zur „praxisbezogenen Grundlagenforschung“. Hier soll Wissen vermittelt werden, „das am Markt angeboten werden kann“ und in einen Beruf führt.

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