Gesundheit : Versteinertes Leben

In Franken wurde ein fossiles Vogelnest mit vier Eiern entdeckt – ein weltweit einzigartiger Fund. Aber wie alt ist er?

Mathias Orgeldinger

Paläontologen sollten vorsichtig sein, wenn in der Würzburger Gegend plötzlich ein Fossil auftaucht, das äußerst plastisch und naturgetreu erscheint. Schon einmal, 1725, narrten zwei junge Burschen aus Eibelstadt den Gelehrten Johannes Bartholomäus Adam Beringer mit angeblichen Versteinerungen von Fröschen, Spinnen und allerlei Kuriositäten. Der Schwindel mit nahezu 2000 „Würzburger Lügensteinen“ flog erst auf, als Beringer ein „Fossil“ fand, auf dem sein Name zu lesen war.

Vor wenigen Tagen präsentierte auch das Stadtmuseum Schwabach eine kuriose Versteinerung: Ein Vogelnest mit vier Eiern – weltweit einzigartig. Das vollständig erhaltene Nest ist drei bis vier Zentimeter hoch und misst neun Zentimeter im Durchmesser. Der Fund stammt aus Sulzfeld am Main, keine zehn Kilometer von Eibelstadt entfernt. Museumsgeologe Johannes Mehl hat allerdings keinen Grund, die Echtheit des Nestes anzuzweifeln, obwohl es „über dunkle Kanäle“ nach Schwabach kam: „Wir konnten das Stück von einem Privatsammler erwerben, der anonym bleiben möchte.“

So viel immerhin ist klar: Ein Bauer fand vor zehn Jahren auf seinem Feld eine rötliche Lehmkugel. Fünf Jahre lag das gute Stück auf einem Fenstersims im Kuhstall. Erst nach der Pensionierung nahm der Landwirt die Wurzelbürste zur Hand. Dabei ging er sehr gründlich zu Werke: Eines der Eier ist poliert, bei zwei anderen fehlt ein Stück der Schale.

Dort wo die Schale abgeplatzt ist, wird massiver Kalk sichtbar. Das gesamte Ei ist also vollständig versteinert. Die ursprünglich feinkörnige Schale hat sich bereits in grobspatigen Kalzit umkristallisiert, das Innere ist mit reinem Kalk ausgefüllt. Diese „Steinkern-Erhaltung“ deutet auf einen langfristigen Fossilisierungsprozess hin. Der Geologe Mehl vermutet daher, dass das Nest in einer der letzten Zwischeneiszeiten entstanden und damit mindestens 70000 Jahre alt ist. Denkbar wäre aber auch eine Entstehung im Erdzeitalter des Miozän, vor 23 bis 25 Millionen Jahren.

Johannes Mehl führt uns gedanklich an einen idyllischen Bach. In der kleinen trockenen Höhle unter einer Kalkterrasse war das Vogelnest geschützt wie in einer Wasserburg. Plötzlich änderte ein dummer Zufall den Lauf des Baches. Vielleicht war es ein kleiner heruntergefallener Ast oder eine Ansammlung von Blättern. Jedenfalls spritzte Wasser auf das Nest, und der Vogel musste es im Stich lassen.

Mit Sicherheit stammte das Wasser aus einer Karstquelle, trat mit etwa neun Grad an die Oberfläche, erwärmte sich an der Luft und schied den gelösten Kalk in Krustenform ab. Das Gestein wird Quelltuff oder Travertin genannt. Die Entstehung von Kalkterrassen kann man noch heute in Karstgebieten beobachten. Im fränkischen Jura beispielsweise nahe Gräfenberg oder bei Rupprechtstegen an der Pegnitz. Diese Naturphänomene stammen allesamt aus der Nacheiszeit. Travertin bildete sich jedoch auch in zwischeneiszeitlichen Erwärmungsphasen oder im Miozän.

Der Weg vom Nest zum versteinerten Fossil ist schnell beschrieben: Eine feine Kalkschicht bedeckte das Gelege wie ein Zuckerguss. Während das Eiweiß im Inneren des Eis verrottete, drang Porenwasser ein und füllte schließlich den gesamten Hohlraum mit Kalk aus. Auch das Nistbaumaterial versteinerte auf diese Weise.

Wie aber kam die Versteinerung auf einen Acker bei Sulzfeld? Der genaue Fundort ist nicht bekannt. Ein Blick auf die geologische Karte zeigt jedoch, dass es auf besagter Hochfläche keine Kalksteine gibt.

Mit einer Ausnahme: Die eiszeitlichen Schotter des Urmains repräsentieren alle Gesteinsschichten, durch die der Fluss einst floss. Da sich der Vorläufer des Mains zeitweise auch durch das heutige Pegnitz- und Regnitztal schlängelte, muss die Reise des Nestes irgendwo in Franken begonnen haben. Offenbar war es von Lehm- und Kalkbrocken umschlossen, sonst hätte es den Flusstransport nie unbeschadet überstehen können.

Am Physikalischen Institut 4 der Universität Erlangen laufen derzeit Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode. Das Institut gehört zu den wenigen Einrichtungen in Europa, die mit geringsten Probenmengen auskommen. Untersucht wird der Kalk und Mikrospuren des organischen Nestbaumaterials.

Ergebnisse sind frühestens im September zu erwarten. Sollte das Fossil – wie Mehl vermutet – jedoch älter als 60000 Jahre sein, müssen Proben an ein Kieler Institut geschickt werden, das sich auf die Uran-Thorium-Altersbestimmung spezialisiert hat.

Insgeheim hofft der Forscher Mehl, dass das Stück nicht aus dem alten Miozän stammt, denn dann könnte man keine Vergleiche mehr mit der heutigen Vogelfauna anstellen.

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