Gesundheit : Versuchsperson: Ich

Mit heroischen Selbstexperimenten wird die Wissenschaft bis heute vorangebracht

Adelheid Müller-Lissner

Im Jahr 1929 schob sich im Krankenhaus Eberswalde ein 25-jähriger Chirurg einen Gummischlauch von der Armvene aus in die rechte Herzkammer. Seine Pionierleistung, einen improvisierten Herzkatheter, dokumentierte er anschließend mit einer Röntgenaufnahme. „Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik“, soll der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch von der Charité das Experiment seinerzeit kommentiert haben. Doch 1956 bekam Werner Forssmann für seine Erfindung den Medizin-Nobelpreis.

1980 brockte sich ein anderer Forscher selbst ein Süppchen ein, das größere Mengen des Magenbakteriums Helicobacter pylori enthielt. Tatsächlich bestätigte sich die Arbeitshypothese des Magen-Darm-Spezialisten Barry Marshall: Er infizierte sich mit dem neu entdeckten Erreger und entwickelte eine Magenschleimhautentzündung. Im letzten Jahr bekam der Australier für seine erstaunliche Entdeckung, dass ein Keim das saure Milieu des Magens besiedeln und Krankheiten verursachen kann, ebenfalls den Medizin-Nobelpreis.

Um die – oft als „heroisch“ eingestuften – Selbstversuche von Pionieren der Medizingeschichte ranken sich einige Mythen. Seit dem Zeitalter der Aufklärung galten sie für einige Zeit als unverzichtbarer Teil vor allem der Arzneimittelforschung. Die Wissenschaftler, so lautete die ethische Forderung, sollten nicht andere Menschen Risiken aussetzen, die sie nicht zuvor sich selbst zumuten. „Im 18. Jahrhundert forderte Anton Störck, der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, für die Forschung mit giftigen Pflanzen die strenge Abfolge von chemischer Bestimmung, Tierversuch und Selbstversuch des Wissenschaftlers, bis es zum klinischen Experiment am Patienten kommen dürfe", erzählt die Kulturwissenschaftlerin Katrin Solhdju, die am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte kürzlich einen Workshop zum Thema organisiert hat. Dass der Forscher neue Verfahren zuerst an sich selbst testen sollte, ist ein nachvollziehbarer Gedanke, auch in unseren Zeiten scheinbarer Sicherheit: Schließlich landeten erst kürzlich sechs gesunde Versuchspersonen auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses, nachdem sie einen neuartigen, im Tierversuch harmlosen Antikörper getestet hatten.

Selbstexperimente waren in der Geschichte der Wissenschaft jedoch keineswegs nur deshalb beliebt, weil Forscher bestrebt waren, in einem frühen Stadium ihrer Untersuchungen Gefahr von anderen abzuhalten. Man favorisierte sie auch, weil die Selbsterfahrung, der Blick nach innen, notwendiger Bestandteil des Experiments war. Ein besonderes Feld für Selbstversuche sind schon lange Rauschmittel und bewusstseinsverändernde Drogen: Der Forscher selbst wollte wissen, wie es sich anfühlt, unter dem Einfluss einer bestimmten Droge zu stehen. Als ebenso prominenter wie beherzter Verfechter dieser Art des Eigenexperiments kann Sigmund Freud gelten, der dieses Jahr 150 Jahre alt geworden wäre. Freud nahm nicht nur eine Analyse des eigenen Seelenlebens vor, sondern stellte auch mit Kokain Selbstversuche an.

Auf der Suche nicht allein nach der „Weltformel“, sondern auch nach extremen Erfahrungen setzte zu Beginn des 19. Jahrhunderts der mit Novalis und Schelling befreundete Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) sogar seinen eigenen Körper unter Strom: Er galvanisierte zunächst seine Finger, später Zunge und Augapfel. „Diese Experimente führten nicht nur zum Ruin seiner Finanzen, sondern letztlich auch seiner Gesundheit“, sagt der Regensburger Literaturwissenschaftler Jürgen Daiber, der über Doppelbegabungen wie die Schriftsteller Novalis und Achim von Arnim forscht, die im naturwissenschaftlichen Experiment nach neuen (Selbst-)Erfahrungen suchten.

Möglicherweise sei der Selbstversuch überhaupt das Experiment par excellence, weil dabei Subjekt und Objekt nicht auseinander fallen, meint Kulturwissenschaftlerin Katrin Solhdju.

Heute scheint das Experiment als Selbsterfahrung eher eine Domäne der bildenden Künstler geworden zu sein. Inspiriert von einer Aktion des französischen Malers Yves Klein aus den fünfziger Jahren lud der britische Künstler Neal White erst kürzlich Partygäste im Berliner „Café Moskau“ zu einem Selbstversuch mit dem heute als Diagnostikum genutzten Methylenblau. Eine kleine Pille – und der Urin des Partygasts, der zuvor schriftlich seine Einwilligung zum Versuch geben muss, färbt sich einige Zeit später blau.

Überhaupt sind Selbstversuche längst ein beliebtes Filmsujet: Ob nun Morgan Spurlock für den Dokumentarfilm „Super Size Me“ wochenlang bei McDonalds Extra-Large-Portionen verzehrt. Oder ob der kanadische Regisseur David Cronenberg in seinem Film „Die Fliege" einen Physiker mit der Erfindung der quasi unstofflichen „Teleportation“ von Personen und Gegenständen bei seiner Freundin Eindruck schinden lässt – um den hohen Preis der Verschmelzung seiner DNS mit der einer Fliege.

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