Gesundheit : Vertrau mir

Das Kuschelhormon Oxytocin hilft uns, Brücken zu anderen Menschen zu bauen

Bas Kast

Vertrauen wächst. Vertrauen muss langsam, mühsam aufgebaut werden. Urplötzlich kann es verloren gehen, dann muss man es wiedergewinnen. Mit Gesprächen, guten Taten oder Neuwahlen. Komplizierte Sache also, das mit dem Vertrauen. Es lässt sich nicht erzwingen. Wirklich nicht?

Vielleicht doch. Markus Heinrichs, Psychologe an der Universität Zürich, machte die Probe aufs Exempel. Zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr lud er Studenten zu einem Spiel ein, um der Vertrauensfrage auf den Grund zu gehen. Die Studie haben sie im Fachblatt „Nature“ veröffentlicht.

Dabei ging es, wie im richtigen Leben, um Geld. Jeder Student erhielt als Startkapital zwölf Geldstücke. Die Hälfte der Studenten kam in die Gruppe der „Investoren“: Sie hatten die Möglichkeit, ihr Vermögen, einen Teil ihres Vermögens oder gar nichts in einen anonymen Partner zu investieren. Taten sie das, verdreifachte sich für den Partner der Gewinn.

Nun war der Partner am Zug: Er hatte die Möglichkeit, wenn auch nicht die Pflicht, sich bei seinem Investor zu revanchieren – mit einem Teil seines Gewinns. Der Investor konnte also nur darauf hoffen, dass ihm sein Partner etwas von dem Gewinn zurückgab. Würde er darauf vertrauen und investieren? Oder würde er lieber seine zwölf Geldstücke, die ihm sicher waren, behalten?

Das hing, wie der Versuch der Forscher ergab, ganz von einer kleinen Manipulation ab. 50 Minuten, bevor das Experiment begann, bekam die Hälfte der Investoren aus einer kleinen Nasensprayflasche sechs Sprühstöße verpasst, jeweils drei in jedes Nasenloch. Der Inhalt: Oxytocin, ein Molekül, das auch als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird, weil es bei zärtlichem Körperkontakt und insbesondere beim Orgasmus freigesetzt wird.

Es zeigte sich: Von den 29 Studenten, die das Kuschelhormon Oxytocin in Form von Nasenspray bekommen hatten, investierten 13 (45 Prozent) ihr gesamtes Geld. Im Gegensatz dazu waren nur sechs von 29 ungedopten Studenten (21 Prozent) zu diesem Schritt bereit.

Oxytocin. Schon vor einigen Jahren erregte es Aufsehen, als Biologen entdeckten, dass das kleine Molekül einem kleinen Säugetier, der Präriewühlmaus, die in den Graslandschaften der USA lebt, zur lebenslangen Treue verhilft. Spritzt man einem Präriewühlmausweibchen im Beisein eines Männchens Oxytocin ins Hirn, weicht es dem Mäuserich nie mehr von der Seite. Stirbt das Männchen, bleibt das Weibchen fortan Witwe.

Auch beim Menschen entfaltet Oxytocin eine bindende Kraft. Das Hormon, das aus nur neun Aminosäuren, den Bausteinen von Eiweiß, besteht, wird vor allem beim Sex ausgeschüttet. Bei der Geburt spielt Oxytocin ebenfalls eine Rolle: Es führt zu Kontraktionen der Gebärmutter, und so nutzt man das Mittel, um die Wehen einzuleiten (das Wort Oxytocin stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „schnelle Geburt“) .

Nach der Geburt steuert das Hormon den Milchejektionsreflex: Saugt das Baby am Busen, schüttet das Gehirn Oxytocin aus und die Milchgänge ziehen sich zusammen – die Muttermilch fließt. In dieser befindet sich ebenfalls Oxytocin. Man vermutet, dass Oxytocin zu einer Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau führt.

„Wie sich jetzt herausstellt, wächst mit dem Oxytocin auch das Vertrauen“, sagt der Züricher Psychologe Markus Heinrichs. Das Molekül verwandelt uns allerdings nicht automatisch in Mutter Teresas, wie ein Kontrollversuch der Forscher nahe legt: Als Heinrichs und sein Team auch einem Teil der Geldempfänger Oxytocin verabreichten, gaben diese keinen Deut mehr an ihre Investoren zurück als die Studenten, die clean geblieben waren. „Es ist also nicht so, dass Oxytocin uns generell selbstloser stimmt“, sagt Heinrichs. „Es fördert spezifisch den Aspekt des Vertrauens.“

Ein Effekt, den sich die Forscher zu Nutze machen wollen. Schon laufen in Zürich Tests an Ehepaaren, die sich vor laufender Kamera in die Haare bekommen sollen. „Alles deutet darauf hin, dass die Partner mit ein paar Sprühstoßen Oxytocin eher bereit sind, auf den anderen einzugehen“, berichtet Heinrichs. „Das entschärft den Streit.“

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