Gesundheit : "Viel mehr Bürger sollten sich engagieren"

Gabriele Mittag

"Noblesse oblige". Das ist die tiefe Überzeugung der 70jährigen Ärztin und Wissenschaftlerin Ursula Lachnit-Fixson. Wir sitzen am Wohnzimmertisch ihres Wilmersdorfer Appartments, das mit Büchern, Porzellan und schönen Möbeln reich bestückt ist. "Nicht nur noblesse!" fügt sie mit großer Vehemenz hinzu. "Jeder, der über ein gutes Einkommen verfügt, sollte sich für allgemeine Belange einsetzen. Das ist auch fest im jüdischen Glauben verankert: etwas für seine Mitbürger zu tun, die vom Schicksal nicht so begünstigt sind."

Dabei war die 1931 geborene "Halbjüdin" protestantischen Glaubens keineswegs vom Schicksal verwöhnt. Im Gegenteil. Denn ihre Mutter war Jüdin. Sie und ihre Eltern überlebten die Nazizeit in Berlin. 1943 war ihre Mutter bereits inhaftiert worden und wartete in der Großen Hamburger Straße auf ihre Deportation. Dass sie wieder entlassen wurde, ist dem Protest der Frauen in der Rosenstraße zu verdanken, die so lange für die Freilassung ihrer Angehörigen demonstrierten, bis die Nazis nachgaben. Ansonsten möchte Ursula Lachnit-Fixson nicht über diese Zeit reden. Ihre Familiengeschichte, das sei Privatsache. Ganz im Gegensatz zu ihrer privaten Stiftung, die sie 1996 ins Leben rief.

"Leider Gottes habe ich keine direkten Nachkommen", erzählt die mit vielfachen Ehrungen gewürdigte, international bekannte Gynäkologin, die über dreißig Jahre lang bei der Schering AG in verantwortungsvoller Position tätig war. "Ich bin nicht mehr die Jüngste und habe mir Gedanken gemacht, was mit dem Geld geschehen soll, das man sich erarbeitet hat." Es lag auf der Hand, eine Stiftung zu gründen. Denn fördern ist ihr ein Anliegen. Außerdem konnte sie auf diese Weise sicherstellen, dass ihr gesamtes Vermögen nach ihrem Tod der Stiftung zugute kommt.

Nach einem Förderziel brauchte sie nicht lange zu suchen. "Durch meine Vita habe ich besondere Interessen. Ich möchte wissenschaftliche Arbeiten über Leistungen von Juden in Deutschland unterstützen. Denn ich empfinde ein sehr großes Missbehagen darüber, dass jüdisches Leben in Deutschland auf zwölf Jahre Verfolgung reduziert wird. Das ist eine Aufgabe meiner Stiftung, Forschungen zu fördern, die das jüdische Leben insgesamt, die deutsch-jüdische Geschichte in ihrer ganzen Breite würdigen." Da die Stiftung nur mit 100000 Mark ausgestattet ist, stehen jährlich nur einige Tausend Mark zur Verfügung.

Aber auch damit lässt sich einiges bewirken: Die Stiftung übernimmt kleinere Stipendien, Reise- und Druckkosten oder finanziert Kinderveranstaltungen der Jüdischen Gemeinde. Zurzeit fördert die Stiftung eine koreanische Wissenschaftlerin, die über das musikalische Schaffen von Kurt Weill, dem berühmten Komponisten der Dreigroschenoper, in der Weimarer Republik forscht. Ein zweiter Förderschwerpunkt ist die Integration von jungen jüdischen Akademikern aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Selbst der Erwerb von Büchern kann für Studenten ein großes Hindernis sein. Da springt die Stiftung ein.

Und wie sieht die Stifterin das Verhältnis von bürgerschaftlichem Engagement und staatlichen Aufgaben? "Ich bin der Meinung, dass man nicht alles dem Staat überlassen soll. Wissen Sie, ich habe einige Jahre als junge Ärztin in den USA gelebt. Ich war dort von den privaten Initiativen sehr beeindruckt. Genau das hat dazu geführt, dass die Wissenschaft dort so einen hohen Standard hat. Die Amerikaner sind da für mich ein Vorbild. Es sollten sich auch in Deutschland viel mehr Bürger engagieren.

Wie man eine Stiftung gründet

Eine Stiftung zu errichten ist leichter geworden: Am vergangenen Mittwoch hat das Bundeskabinett einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet. Damit wird im Bürgerlichen Gesetzbuch erstmals ein Rechtsanspruch des Stifters oder der Stifterin verankert, dass die vorgesehene Stiftung von der zuständigen Behörde anerkannt wird. Stifter können jeden beliebigen Zweck festlegen, sofern er nicht das Gemeinwohl gefährdet. Sie müssen verbindlich erklären, dass sie ein Vermögen der Erfüllung dieses Zwecks widmen wollen; ferner müssen sie in einer Satzung den Namen, Sitz und Zweck der Stiftung festlegen, über das Stiftungsvermögen Regelungen treffen und die Bildung eines Vorstandes bestimmen.

Die "Stiftungsfreudigkeit" hat nach Angaben des Parlamentarischen Staatssekretärs im Justizministerium, Eckhart Pick (SPD) in den letzten Jahren zugenommen: Im Jahre 1998 wurden 505 neue Einrichtungen ins Leben gerufen, 1999 waren es 681, und 2001 beinahe 1000. Damit sei die "magische Zahl" von 10000 Stiftungen in Deutschland übersprungen.

Bereits im Juli 2000 war ein Gesetz erlassen worden, mit dem die steuerlichen Bedingungen für Stiftungen bei der Einkommen- und Körperschaftssteuer verbessert wurden. dpa

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