Gesundheit : Viel Möglichkeit, aber bislang wenig Wirklichkeit - Tagung der Benz-Stiftung in Berlin

Hartmut Wewetzer

Die Gene gleichen ein wenig den Sternen. Wir blicken mit Staunen auf sie, mal eher hoffnungsfroh und mal eher furchtsam. Den Ärzten aber geht es wie den Weltraumpionieren. Sie haben zwar schon den Sprung ins All geschafft, doch fehlen ihnen bisher die Antriebssysteme, um in die Tiefen des Geniversums vorzustoßen. Die "molekulare Medizin" steht demnach noch am Anfang - so lässt sich die Tagung der Gottlieb-Daimler- und Karl-Benz-Stiftung und des Max-Delbrück-Centrums zusammenfassen, bei der Experten im Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung Fachleute über Gentherapie, Genomik und Stammzellen diskutierten.

"Die Stammzellen sind das Tor, durch das die moderne Medizin gehen wird", prophezeite Ronald McKay von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA in Bethesda. Stammzellen sind im Augenblick der letzte Schrei der molekularen Medizin. Sie sind potenziell unsterblich, lassen sich im Labor unbegrenzt vermehren und sind "Alleskönner", können sich also in verschiedene Gewebearten weiterentwickeln - etwa zu Hautzellen, Nerven oder Muskeln. Damit wäre es möglich, zerstörtes oder krankes Gewebe im Körper zu ersetzen.

Der atemberaubenden Perspektive eines biologischen Jungbrunnens aus der Zellkultur setzt bislang nur die Realität Grenzen. Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben wies auf einige große Probleme hin. Da sind zunächst technische Schwierigkeiten. Wie bringt man Stammzellen dazu, sich in das Gewebe zu verwandeln, welches der Kranke dringend benötigt? Werden sich die Zellen auch in einen fremden Organismus einfügen, oder werden sie abgestoßen?

Zellen nach "Dolly"-Art

Im Brennpunkt der öffentlichen Diskussion stehen jedoch die ethischen und rechtlichen Fragen zur Herkunft der Stammzellen. Zwar hat auch der Erwachsene noch Stammzellen. Etwa, um in seinem Knochenmark unablässig Blutkörperchen zu bilden. Eine Möglichkeit könnte deshalb darin bestehen, solche für ein bestimmtes Aufgabengebiet spezialisierte Zellen zu gewinnen und außerhalb des Körpers umzuprogrammieren. Ein ethisch weitgehend unproblematisches Vorgehen, sofern nicht, wie beim Klonschaf "Dolly", "totipotente" Zellen erzeugt werden, die sich theoretisch zu vollständigen Embryonen entwickeln können.

Aber in der Wissenschaft scheint sich im Moment eher die Meinung durchzusetzen, dass in der "Hierarchie" der Stammzellen die ganz am Anfang stehenden embryonalen (aus dem Embryo gewonnenen) Zellen die besten medizinischen Möglichkeiten bieten werden. Sie können aus einem nur wenige Tage alten "Blasenkeim" stammen, wie er nach einer Reagenzglasbefruchtung (In-vitro-Fertilisation) entsteht. Diese Form der Stammzell-Gewinnung (aus "überzähligen" Embryonen der In-vitro-Fertilisation) ist in Deutschland verboten. Doch besteht hierzulande die Möglichkeit, noch relativ wandelbare Vorläufer von Keimzellen aus abgetriebenen Feten zu gewinnen.

In den USA wird zurzeit heftig diskutiert, ob die Forschung an embryonalen Stammzellen aus Reagenzglasbefruchtungen öffentlich gefördert werden soll. In Europa ist die Rechtlage dagegen nicht einheitlich; so lässt Großbritannien den Forschern mehr Spielraum, während Deutschland mit dem Embryonenschutzgesetz relativ klare Grenzen gesetzt hat.

Ob Stammzellen die in sie gesetzten medizinischen Hoffnungen wirklich erfüllen werden, ist noch völlig offen. Eher durchwachsen sind die Erfahrungen, die man bisher mit dem Verpflanzen von Hirngewebe aus abgetriebenen Feten bei Kranken mit Schüttellähmung (Morbus Parkinson) gemacht hat. Anders Björklund von der Universität Lund in Schweden, Vorreiter der Methode, berichtete in Berlin zwar, dass sich das Befinden der Kranken durchaus gebessert habe und sie weniger Medikamente benötigten. Aber nur in einigen Fällen sei es möglich gewesen, die Arzneien ganz abzusetzen.

Das Problem ist für Björklund vor allem der enorme technische Aufwand der Behandlung. Die Ärzte benötigen "frisches" Gewebe aus dem Mittelhirn von sechs bis acht abgetriebenen Feten pro Parkinson-Patient. Die fetalen Zellen werden in das Gehirn des Kranken gespritzt und sollen dort die Bildung des fehlenden Überträgerstoffs Dopamin übernehmen (was oft gelingt). Auch Björklund setzt nun aber auf Stammzellen. Er will aus embryonalem Vorläuferzellen des Nervengewebes dopaminbildende Zellen züchten und dann einpflanzen.

Leben ist komplex

Detlev Ganten vom Max-Delbrück-Centrum hatte eingangs Kritik an einem "deterministischen" Bild der Genforschung geübt. Es sei zu sehr auf Ursache und Wirkung verengt und habe damit zu tun, dass noch von Newtons mechanistischem Denken geprägte Physiker die molekularbiologische Forschung früher stark beeinflusst hätten. "Leben kann nicht deterministisch erklärt werden", sagte Ganten. Gantens Kritik lässt sich auch auf die Gentherapie münzen, gewissermaßen die "reine Lehre" der molekularen Medizin. Denn die Gentherapie will ganz "deterministisch" ein defektes Erbmerkmal durch ein gesundes ersetzen. Fortan soll der Mensch ursächlich geheilt sein.

Was in der Theorie wunderbar funktioniert, hat in der Praxis bisher nicht so recht gezündet. Und während das Heilen mit Stamm-Zellen als neuer Stern am Himmel der Medizin gilt, hat sich das Heilen mit Genen in den Augen mancher Skeptiker schon fast als Sternschnuppe entpuppt. "Kein Patient wurde bislang völlig kuriert", räumte Ganten zum Thema Gentherapie ein. Und das bei immerhin rund 400 verschiedenen gentherapeutischen Behandlungsversuchen, von denen Gabor Rubanyi von der kalifornischen Biotechnik-Firma Berlex berichtete.

Rubanyi wies auf Probleme hin, die den Fortschritt der Gentherapie bremsten: zu wenig Wissen über die Gene und die komplexen Abläufe im Organismus, hohe Entwicklungskosten und wachsende Akzeptanzprobleme, etwa durch einen kürzlich aufgetretenen Todesfall in Zusammenhang mit dem Verfahren. Schließlich die vielen technischen Probleme, etwa beim Konstruieren von "Gen-Taxis", die das Erbmerkmal in die Zelle einschleusen sollen.

Bisher wurden meist Patienten mit Krebsleiden behandelt, aber nach Überzeugung Rubanyis ist die Therapie von Gefäßkrankheiten aussichtsreicher. Der Grund dafür liegt darin, dass Blutgefäße für "Gen-Spritzen" relativ gut zugänglich sind. Erprobt wird zum Beispiel, das Aussprossen neuer Blutgefäße zu fördern - etwa dann, wenn die Herzkranzgefäße stark verengt sind und die Blutzufuhr des Herzens in Gefahr ist.

Um die systematische Erforschung des Erbguts, die Genomik, hat sich inzwischen ein ganzer Kranz neuer biologischer Disziplinen gebildet. Von einem "Theater mit vielen Schauspielern" sprach Fotis Kavatos vom Europäischen Labor für Molekularbiologie in Heidelberg. So benötigt man inzwischen eigene Informatik-Spezialisten, die das genetische Datenmaterial sichten, analysieren und bereitstellen; andere Forscher untersuchen, welche Gene "abgelesen" werden, wieder andere widmen sich den Gen-Produkten, den Proteinen, und ihren Spielarten.

Ein neues Gebiet ist auch die "komparative" Genomik, bei der die Erbinformation verschiedener Lebewesen verglichen wird. Am Beispiel der Malaria-Mücke Anopheles gambiae zeigte Kavatos den Nutzen dieses Fachs. Denn es gelang, mit relativ wenig Arbeitsaufwand umfassende Informationen über das bis dahin völlig unbekannte Erbgut der Anopheles-Mücke zu gewinnen. Die Forscher griffen auf bereits entzifferte genetische Baupläne bekannter Lebewesen zurück und entzifferten mit ihrer Hilfe Teile vom Genom der Mücke. Besonders interessierten sie dabei jene Gene, mit deren Hilfe die Mücke den Parasiten im Darm unschädlich macht. Aus dem (Zell-)Kern des Lebens erwachsen so neue Ansätze für den Kampf gegen eine jedes Jahr zwei Millionen Menschenleben fordernde Epidemie.

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