Gesundheit : Viele deutsche Forscher verpassen den Anschluss an die kulturelle Wende

Anja Kühne

Die ganze Welt ist im Aufbruch. Nur die deutschen Sozial- und Geisteswissenschaften liegen im Tiefschlaf und laufen Gefahr, von den neuen Entwicklungen überrollt zu werden - so lautet zugespitzt die düstere Einschätzung des Göttinger Sinologen Michael Lackner und des Pariser Literaturwissenschaftlers Michael Werner, die in einer Studie die Lage der deutschen Kulturwissenschaften aus der Vogelperspektive betrachten. Die Publikation gehört zu der Reihe "Suchprozesse für innovative Fragestellungen" der Bad Homburger Werner-Reimers-Stiftung, mit der Lücken und Innovationschancen in der Forschungslandschaft aufgedeckt werden sollen.

Laut Lackner und Werner verpassen die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler die eigentlichen Forschungsthemen, weil sie nicht auf die kulturelle Wende reagieren. Diese Wende ist ein Prozess, der wissenschaftsintern dem dramatischen Umbruch entspricht, der "Globalisierung" genannt wird. Die Welt rückt zusammen, immer intensiver wird zwischen den Kulturen kommuniziert. Gerade diesen Austausch zwischen den Kulturen hätten die Geistes- und Sozialwissenschaftler also zu dokumentieren und zu erklären, nämlich indem sie mentalitätsgeschichtliche und anthropologische Fragen aufwerfen und vor allem interdiszplinär und überregional forschen.

Doch die meisten Humanwissenschaftler bewegten sich weiter innerhalb der engen Grenzen ihrer Fächer, deren Zuschnitt sich an vermeintlich homogenen kulturellen Räumen ausrichten. In diesen versuchten die Wissenschaftler - ob nun Geographen, Wirtschaftler oder Orientalisten - dann, das einzigartige Wesen einer Kultur aufzuspüren, um dann eine vermeintlich autonome Entwicklung verfolgen zu können. "Die Idee einer Kongruenz von Kultur und Raum hätte längst erledigt sein sollen, aber in den Köpfen der Leute existiert sie weiter", sagte Michael Werner im Wissenschaftskolleg, wo er und Lackner die Studie zur Diskussion stellten. Zu wenig Rücksicht würden die meisten Wissenschaftler auf die Globalisierung, aber auch auf verwandte Phänomene der Vergangenheit wie Kolonialismus oder Migrationsströme nehmen.

Für ihre Diagnose ernteten die beiden Wissenschaftler im Wissenschaftskolleg überwiegend Zustimmung: "In den Geschichtswissenschaften geht es immer noch nur um westeuropäische Geschichte, alles andere ist ausgegliedert", beklagte der Berliner Historiker Christoph Conrad. Zu Recht stelle die Denkschrift solche Hegemonien in Frage und fordere die globale Öffnung. Seine Hoffnung setzt Conrad auf den wissenschaftlichen Nachwuchs: "Die Dissertationen in Geschichte sind oft schon interdisziplinär und überregional ausgerichtet."

Neue Aufgaben werden mit der kulturellen Wende aber vor allem auf die regionalspezifischen Studien im engeren Sinne, also etwa auf die Sinologie, die Frankreichstudien oder die Amerikanistik zukommen, prophezeien Lackner und Werner. Schon immer sei diesen Fächern eine universale Kompetenz für den von ihnen erforschten Kulturraum abverlangt worden: Unter ihrem Dach sollen sprachliche, historische, landeskundliche, philosophische und literaturwissenschaftliche Forschung vereinigt werden. Diese Menge an nötigem empirischen Wissen habe seit jeher den Anschluss an den Methodenfortschritt in den systematischeren Disziplinen, eben den klassischen Humanwissenschaften, erschwert.

Lackner und Werner rechnen damit, dass nun vor dem Hintergrund globalisierter Märkte Expertisen nicht mehr allein für einzelne Nationalstaaten verlangt werden: Private Auftraggeber, etwa Manager oder Politiker, werden supranationales Wissen über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nachfragen. Denn, so Lackner und Werner: "Die Kenntnis der Kultur ist auch ein Machtfaktor, wenn es darum geht, wirtschaftliche und politische Interessen durchzusetzen." Also werde diesen Disziplinen in Zukunft nur noch mehr abverlangt, als schon jetzt.

Wie das Dilemma der Regionalwissenschaften gelöst werden kann, erklären Lackner und Werner am Beispiel der Chinaforschung in den USA: Dort hätte man den All-Anspruch der universitären deutschen Sinologie längst aufgegeben. Die amerikanische Sinologie richte sich statt dessen an humanwissenschaftlichen Disziplinen aus: "Man ist nicht Sinologe, sondern Wirtschaftshistoriker mit dem Spezialgebiet späte Qing-Zeit. Von dem Altphilologen, der sich mit der epigraphischen Literatur der Zhou-Zeit befasst, trennt einen tendenziell mehr als von dem Wirtschaftshistoriker, der über den flandrischen Tuchhandel in der frühen Neuzeit Europas arbeitet", so Lackner und Werner. Während die Amerikaner sich also von dem bisherigen, in die Krise geratenen area-studies-Konzept verabschiedet hätten, seien die Deutschen dabei, alte Fehler zu wiederholen: Die Regionaldisziplinen versuchten, alles zu leisten, sie würden zu "Regenschirm-Disziplinen".

Dabei würden auch die systematischen Fächer (so die Literatur- oder Wirtschaftswissenschafter) von diesem engeren institutionellen Anschluss der Regionalforschung (wie Frankreichstudien oder Orientalistik) profitieren. Sie könnten leichter auf das Expertenwissen über Regionen, auf das sie im Globalisierungsprozesses immer mehr angewiesen seien, zurückgreifen. In Deutschland könnte sich die neue Kooperation zwischen systematischen und regionalspezifisch ausgerichteten Fächern nach Werner und Lackner besonders in neuartigen Studiengängen verwirklichen sowie in interdisziplinär angelegten Forschungskollegs.

Steht mit der kulturellen Wende den Geistes- und Sozialwissenschaften nun tatsächlich der Abschied vom Konzept des Kulturraums bevor? Die Forscher im Wissenschaftskolleg klangen fast erleichtert, als sie feststellten, in der gesellschaftlichen Realität sei dies trotz der Globalisierung überhaupt nicht erwünscht. Es gebe genug Volksgruppen, die sich heftig dagegen wehren würden, wollte man ihre mühsam gewonnene nationale Identität dekonstruieren. Auch regte sich Zweifel daran, dass die Wissenschaften in der Lage seien, ohne die Größe des Kulturraums auszukommen: "Es ist richtig, die homogene Vorstellung vom Kulturraum zunächst zu zerlegen. Aber danach muss das Konzept wieder zurückgeholt werden. Es gibt kein vernünftiges Gegenkonzept", meinte die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Einig waren sich die Wissenschaftler denn auch darüber, dass es, wie Christoph Conrad formulierte, bei der kulturellen Wende "nicht nur um Völkerfreundschaft" gehen könne. Letztlich werde es für die Zukunft vor allem entscheidend sein, die entscheidenden Probleme zu sehen und die richtigen Fragen aufzuwerfen: "Die kann man dann ja gemeinsam bearbeiten."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben