Gesundheit : „Viele halten das Tempo nicht mehr aus“

Die Stimmung ist mies, Depressionen nehmen zu. Ein Gespräch mit Charité-Psychiaterin Isabella Heuser

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Frau Heuser, unser Thema ist die Seele. Ist die deutsche Seele besonders sensibel?

Tatsächlich benutzt man ja in den USA das Wort „Angst“, um einen Zustand zu beschreiben, für den die Amerikaner selbst kein Wort haben. „Fear“ oder „anxiety“ trifft nicht, was damit gemeint ist. Es geht um Weltangst, Weltschmerz, die Deutschen gelten als besonders empfindsam. Und momentan ist die Stimmung ja richtig mies.

Merken Sie das auch in Ihrer Klinik?

Das kann man so nicht sagen. Es ist nicht so, dass die Depressiven oder Angstpatienten reihenweise vor der Tür stünden, als gäbe es da draußen eine Seuche. Aber ein Trend lässt sich schon erkennen: In allen Gesellschaften, das hat die Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt, sind Depressionen auf dem Vormarsch. Wir wissen nicht genau, woran es liegt. Es hat vielleicht damit zu tun, dass Menschen älter werden. Aber ich denke, es liegt eher daran, dass der Stress steigt.

Wir stehen chronisch unter Druck.

Man spricht von „time disease“, Zeitkrankheit. Es geht um diesen ständigen Kampf mit der Zeit. Handy war gestern. Kennen Sie „Blackberry“?

So eine Art Superhandy mit E-Mail-Funktion?

Die E-Mails werden per „Push-Dienst“ automatisch aufs Handy übertragen, da bleiben Sie Tag und Nacht beschäftigt.

Klingt doch ganz praktisch …

Das Problem ist, dass Sie heute in immer kürzeren Zeiteinheiten immer mehr leisten müssen.

Finden Sie nicht, dass die heutige Schnelligkeit auch etwas Aufregendes hat?

Doch, es gibt Menschen, die damit umgehen können, manche brauchen ja sogar diesen Adrenalin-Kick. Ein Großteil aber hält es nicht mehr aus. Die Depressionen und Angstzustände nehmen zu, und das ist nicht typisch deutsch. Wir haben es mit einem globalen Phänomen zu tun.

Wieso reagieren wir auf die Überflutung mit Angst und Depressionen?

Nicht jedes Hirn ist dafür ausgestattet, mit einer solchen Informationsflut fertig zu werden. Es ist einfach zu stressig.

Aber Stress feuert uns doch an …

Zunächst einmal, ja, wenn es ums nackte Überleben geht. Auch ein Depressiver, der sonst mit gebückter Haltung durch die Gegend schleicht, den werden Sie, wenn Sie den mit einem Messer bedrohen, nicht wiedererkennen. Da wird er plötzlich ungeahnte Kräfte entwickeln.

War der Stress zu Kriegszeiten nicht viel höher als heute?

Das mag sein, aber darüber wissen wir wenig. Wir wissen, dass während des Zweiten Weltkriegs die Angststörungen zunahmen, vor allem in der Zivilbevölkerung, die jede Nacht in den Luftschutzbunker musste. Da gibt es Anekdoten und Berichte. Systematisch untersucht aber hat das kein Mensch, denn es hat keinen Menschen interessiert.

Gibt es nicht auch so etwas wie endogene Depressionen, die aus heiterem Himmel kommen?

Nein. Wenn man sorgfältig hinguckt, ist immer etwas passiert. Und immer war Stress der Auslöser.

Wie kommt es, dass manche den Stress ertragen, während andere damit nicht fertig werden – eine Sache der Gene?

Die Gene spielen eine Rolle, aber nicht nur. Es gibt ganze Berufsgruppen, die man dahingehend untersucht hat. Ärzte sind, im Schnitt, eher stressresistent, Lehrer weniger.

Gerade Lehrer müssten doch eigentlich stressresistent sein.

Mein Punkt ist: Mittlerweile müssen wir alle stressresistent sein.

Inwiefern spielt die Erziehung eine Rolle, wie viel Stress die Seele erträgt?

Da helfen Tierversuche an Ratten und Affen weiter. Sie zeigen: Es gibt so eine Art frühkindliche Stress-Impfung, die dazu führt, dass man im Erwachsenenalter weniger empfindlich gegenüber Stress ist.

Eine Stress-Impfung?

Wenn man einem Kind dosierte Belastungen auferlegt, dann lernt es, mit Stress umzugehen. Jemand, der nur in Watte gepackt wird, wird später schlechter mit Stress zurechtkommen. Er wird nicht lernen, wie er mit diesem unangenehmen Spannungsgefühl umgehen soll.

Antiautoritär ist out?

Ja, aber Kasernenhofton ebenso. Das Kind soll sich anstrengen müssen, aber es muss auch Spaß machen, die Anstrengung muss belohnt werden. Die Amerikaner schicken ihre Kids schon früh in Feriencamps, wo es Spiele und Wettbewerbe gibt. Das meine ich mit dosiertem Stress.

Das finden Sie gut?

Natürlich! Der Wettbewerb in den USA ist zwar auch unter Kindern hoch, aber selbst der Letzte bekommt dort noch eine Plakette. Ich bin überzeugt davon, dass es diese frühe Auseinandersetzung mit dosierten, kindgerechten Wettbewerbssituationen ist, die in den angelsächsischen Ländern – wo ohnehin eine größere Lust am Wettbewerb zu beobachten ist als bei den Deutschen oder Franzosen – zu einem weniger hilflosen, resignativen Verhalten in stressreichen Zeiten führt.

Was führt noch zu Depressionen?

Es gibt alle möglichen Hormonstörungen, ganz besonders Schilddrüsenhormone, sowohl die Über- als auch die Unterfunktion. Aber auch sonstige Hormonschwankungen können eine Depression auslösen. Gerade bei Frauen während der hormonellen Umbruchphasen lauert Gefahr, also in der Pubertät, nach einer Geburt und während der Wechseljahre, wenn die Östrogene, die Sexualhormone, schlagartig in den Keller gehen. Bei Männern fällt zwar auch ab Ende 20 der Testosteronspiegel, jedoch allmählich, weshalb sie weniger anfällig sind.

Es leiden viel mehr Frauen an Depressionen …

Was auch daran liegt, dass die Männer sich eine Depression besonders ungern eingestehen. Die stehen dann schnell als Schwächlinge da. Dabei ist es wichtig, dass man auch mal sagen kann: „Ich brauche Hilfe!“ Wenn Sie wirklich depressiv sind, finden Sie nicht alleine raus.

Wie kommt man denn überhaupt aus einer Depression?

Da hilft zunächst das, was wir aufbauende Maßnahmen nennen: ein geregelter, strukturierter Tagesablauf, Schlaf- Wach-Rhythmus, Schlafrituale. Ein ritualisiertes und damit auch monotones Leben hat etwas Entspannendes.

Fehlt es in unserer Gesellschaft an Ritualen?

Absolut. Nehmen Sie den Sonntag. Warum ist der Sonntag so entspannend? Weil er eine klare Struktur hat, zumindest haben die Älteren unter uns das noch so erlebt: Morgens der Kirchgang, dann der Frühschoppen, dann essen, Spaziergang, Kaffeetrinken …

Und heute?

Heute steht der Sonntag immer mehr im Zeichen des Freizeitstresses.

Die Rituale von einst lösen sich auf.

Ich halte das für gefährlich. Das ist auch ein Grund, warum ich dagegen bin, dass es in Deutschland möglich ist, am Sonntag einzukaufen.

Es sei denn, man macht ein Ritual draus …

… okay (lacht). Ich finde es gut, wenn von Montag bis Freitag Arbeit ist, Samstag ist dann Haushalt und Einkaufen, und Sonntag ist Ruhe – in Form von entspannenden Ritualen. Wie auf dem Dorf.

Klingt ja richtig spießig.

Das ist es ja auch irgendwo, aber der Mensch scheint das besser zu vertragen als dieses Gefühl, das in den Großstädten vorherrscht.

Was für ein Gefühl ist das?

Ich bin jedem vollkommen egal. Das ist auch der Grund, warum manche Ehefrauen bei ihrem lieblosen, manchmal sogar prügelnden Ehemann bleiben – besser mit einem zusammen als alleine.

Macht Berlin besonders depressiv?

Definitiv. Große Städte haben drei große Nachteile: Sie sind sehr schnell und sehr aufregend. Vor allem aber vereinsamen viele Menschen in der Stadt. Sie sind allein in der Masse. Man fühlt sich nicht mehr verbunden, und das erträgt der Mensch nur ganz schlecht. Berlin hat zumindest mehr Kiezatmosphäre als zum Beispiel Hamburg, lokale Plätze, wo man sich treffen kann – nur tut es keiner.

Wie würde denn die seelengerechte Großstadt aussehen?

Das fängt schon mit der Architektur an. An Stelle dieser Karnickelstallarchitektur, zwei Zimmer, winziges Bad, anonym, wären kleine Einheiten viel angenehmer. Zum Beispiel Häuser, in denen drei Familien Platz haben, die sich kennen. Jede Familie wohnt auf einer abgeschlossenen Etage, aber man hat einen gemeinsamen Garten.

Was würden Sie noch ändern?

Das Tempo rausnehmen. Handy ausschalten, Mails löschen. Das muss man lernen. Wir trauen uns das zu wenig.

Kann man eine Depression auch so verstehen, dass einem der Körper sagt: Obwohl dir alles über den Kopf wächst, traust du dich nicht, einen Gang runterzuschalten – also mach ich das jetzt mal für dich?

Es gibt tatsächlich Forscher, die glauben, dass das die Funktion der Depression ist. Ich selbst glaube nicht, dass die Natur uns so furchtbar und massiv leiden lässt, nur um uns zu sagen: Hör mal, du musst dich mal ein bisschen rausnehmen. Das würde mich schon enttäuschen, wenn uns der Schöpfer dermaßen fehlkonstruiert hätte.

Raffiniert ist der Herrgott, sagte Einstein, aber boshaft ist er nicht.

Richtig.

Gibt es Vorboten der Depression?

O ja, das Wichtigste sind die Libidostörungen. Sie haben keine Lust mehr auf Sex.

Was heißt das jetzt, wenn ich mal zwei Tage keine Lust habe?

Gar nichts.

Und zwei Wochen?

Da wird es schon bedenklicher. Wir haben die Faustformel: 14 Tage durchgehend keine Lust auf Sex, und dann kommt noch anderes hinzu, wie schlechtes Ein- oder Durchschlafen, Nachtschweiß, Alpträume …

Aber traurig fühle ich mich da noch nicht?

Nicht unbedingt, eher angespannt, wie ein Löwe im Käfig. Depressionen müssen nicht mit einem ständigen Trauergefühl einhergehen, häufig fühlt man sich einfach nur leer. Es ist das Gefühl: Mir ist alles egal. Ein Gefühl der Gefühllosigkeit. Wenn man zwei Wochen in einem solchen Zustand und gerade in einer Stressphase ist, sollte man versuchen, gegenzusteuern.

Und wie?

Zum Beispiel mit Medikamenten, vorübergehend, für wenige Wochen. Moderne Antidepressiva verändern weder die Persönlichkeit noch machen sie abhängig. Sie nehmen ja auch Kopfschmerztabletten, wenn Sie Kopfschmerzen haben.

Werden Antidepressiva nicht viel zu viel verschrieben?

Es wird zu viel verschrieben, aber zu wenig genommen, sprich: nicht in den richtigen Situationen. Antidepressiva werden wahllos vergeben, gerade weil sie relativ sicher und die Nebenwirkungen gering sind.

Was ist mit Psychotherapie?

Die kommt hinzu.

Psychoanalyse im Sinne Freuds?

Wenn jemand gerne über sich redet, dreimal die Woche, und ungestörte Aufmerksamkeit für 55 Minuten braucht, dann kann ich mir vorstellen, dass sich das gut aufs Wohlbefinden auswirkt. Aber bei Depressionen ist die Wirksamkeit nicht belegt.

Gar nicht?

Nicht von der Psychoanalyse, wohl aber von interpersoneller Psychotherapie, die auch tiefenpsychologische Elemente hat, und von der kognitiven Verhaltenstherapie.

Was ist interpersonelle Psychotherapie?

Sie arbeitet ganz im Hier und Jetzt. Sie fragt den Patienten: Was ist jetzt gerade Ihr größtes Problem? Die Psychoanalyse fragt: Was war damals, in der Kindheit, Ihr Problem? Aber das hilft dem Patienten meist nicht weiter. Was uns an Schlechtem widerfahren ist, ist passiert, das ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Wie kommt man überhaupt an einen depressiven Menschen ran?

Es ist sehr schwer. In den ersten zwei, drei Wochen geben wir Medikamente, damit überhaupt das Denken in Gang kommt und der Patient für eine Psychotherapie empfänglich wird. Alle drei Tage führen wir zusätzlich unterstützende Gespräche, in denen wir dem Patienten zeigen, dass wir da sind und ihm helfen und ihn da rausholen.

Hilft Johanniskraut?

Nur bei leichten Depressionen. Die Patienten, die zu uns kommen, haben fast alle schon Johanniskraut probiert, meist reicht es einfach nicht.

Kann man sein Hirn auch auf gute Gefühle programmieren?

Ganz bestimmt.

Wie geht man da vor?

Das Wichtigste ist Imagination. Denken Sie an schöne Erlebnisse. Wenn wir uns dazu bemühen, angenehme Erinnerungen oder Fantasien vor unser geistiges Auge zu holen, bringt das gute Gefühle hervor. Das ist vor allem vor dem Einschlafen wichtig.

Woran denken Sie vor dem Einschlafen?

Das verrate ich Ihnen nicht.

Das Gespräch führten Bas Kast

und Hartmut Wewetzer.

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