Gesundheit : Viele Studierende versuchen, das mangelhafte Angebot der Unis mit Kursen privater Anbieter zu kompensieren

Josefine Janert

Der Name des Unternehmens klingt viel versprechend: "First-Class Assistance for Students and upcoming Scientists" steht auf der ersten Seite der Werbezettel, die an den Berliner Hochschulen ausliegen. Darüber prangt die Abkürzung "fast" und ein Pfeil nach rechts. Jawohl, fix soll es gehen, der Studienabschluss in erreichbare Nähe rücken. "Wir haben ja die Möglichkeit, auf jeden Einzelnen einzugehen", sagt Vivian Bender, Geschäftsführerin von "fast". In ihrem hellen Büro in Tiergarten finden Seminare statt, die das Studium ergänzen sollen. "Praxis des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens" kostet 250 Mark, semesterbegleitende Seminare wie "Einführung in die Grundlagen der Soziologie und Philosophie" und "Kostenrechnung / Marketing" zwischen 450 und 600 Mark.

Das ist eine Menge Geld. Doch angeblich "kam darüber noch kein Stöhnen". Die forsche Geschäftsfrau hat vielmehr den Eindruck, dass die Studenten die Preise bereitwillig zahlen, weil sie sich an der Massenuniversität nicht zurecht finden. Dort gibt es, wie die "Fast"-Reklame aufklärt, "überfüllte Seminare", "zu wenig Dozenten" und "hohe Studienabbrecherquoten". Deshalb will das Unternehmen einspringen - und zwar mit "nachhaltigen Lernerfolgen", "wissenschaftlichem Arbeiten in vertrauensvoller, angstfreier Atmosphäre" und "Leistung ohne Belastung". Wie das wohl geht?

Die 40-jährige Chefin zeigt eine Liste mit Lehrkräften, die alle einen Hochschulabschluss haben - "viele sind promoviert". Sie selbst hat ihr Anglistik-Studium allerdings abgebrochen. Trotzdem hält sich Vivian Bender für kompetent, Studenten zu beraten. In den anderthalb Jahren, in denen es "fast" gibt, habe es fünfzig "Betreuungen" gegeben. "Täglich kommen zwei bis drei Anfragen." Die meisten Interessenten haben schon sechs bis sieben Uni-Semester hinter sich.

Solange "fast" nicht den Anspruch hat, einen akademischen Titel zu verleihen, ist ein solches Angebot rechtmäßig. Doch es stößt auf Kritik. "Die Probleme, die auf den Werbezetteln beschrieben werden, existieren teilweise wirklich", sagt Joachim Baeckmann, Studienberater an der Humboldt-Universität (HU). "Aber sie lassen sich nicht durch kommerzielle Angebote aus der Welt schaffen." Baeckmann plädiert dafür, die Konflikte innerhalb der Hochschule zu lösen. Empfehlen würde er die "fast"-Kurse nicht.

Doch dass Studenten Hunderte von Mark hinblättern, um ihr Examen zu erreichen, ist schon in vielen Fächern Usus. Sie müssen, wie in der Medizin, teure Fachbücher kaufen, Material für studienbegleitende Projekte und Kurse. Dass etwa ein angehender Jurist vor dem Staatsexamen zu einem Repetitorium geht, ist zwar nicht Pflicht. "Doch 90 Prozent eines Jahrgangs entscheiden sich dafür", sagt Kai Schmidt von der Studentischen Fachschaft Jura an der HU.

Die Repetitorien werden meist nicht von der Uni, sondern von Firmen angeboten. Die Studenten wiederholen dort den Lehrstoff, gehen mit den Dozenten juristische Fälle durch. Im Schnitt besuchen sie die Veranstaltung zwischen sechs und 15 Monate lang, zahlen dafür 2 000 bis 3 500 Mark. "Die Prüfungsanforderungen im Fach Jura sind enorm", sagt Harald Langels von der Firma Abels + Langels, die seit 1978 Repetitorien anbietet. "An der Uni wird der Lehrstoff in der Regel unstrukturiert und unsystematisch angeboten." Dass die Studenten zu den Repetitorien gehen, "hängt auch mit ihrer Bequemlichkeit zusammen", meint Kai Schmidt. "Man verlässt sich darauf, dass der Dozent einen guten Überblick hat, richtig in die Tiefe geht."

Das juristische Repetitorium hat in Deutschland eine lange Tradition. Weniger alt sind die Studienprojekte, die an der Hochschule der Künste (HdK) zu verschiedenen Fächern gehören. Wer dort Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert, muss vor der Diplomprüfung eigenständig Werbemotive gestalten, Ideen für Reklame entwickeln. Normalerweise arbeiten die Studenten in kleinen Gruppen und präsentieren ihre Entwürfe dann mit Hilfe von Dias, kurzen Filmen und Moderationen. Im Publikum sitzen neben Dozenten und Kommilitonen auch Journalisten und Talentesucher aus der Wirtschaft. Das erzeugt Leistungsdruck. So kommt es, dass die Kosten für die Projekte in den letzten Jahren auf 3 000 bis 15 000 Mark pro Gruppe hoch geschnellt sind, wie Insider berichten. Zwar finden viele Studenten Sponsoren außerhalb der Uni. Doch einen Teil des Betrages müssen sie selbst zahlen.

Ähnlich ist es bei anderen kreativen HdK- Fächern, wo ebenfalls eigene Entwürfe vorgelegt werden. Wer Musik studiert, besucht in der Regel auch die Meisterkurse eines bekannten Professors. "Dort holt man sich Anregungen für das eigene Spiel", erklärt Beate Roesner, die an der HdK ein "Künstlerisches Betriebsbüro" leitet. Viele Meisterkurse finden im europäischen Ausland statt. So kommen bei Anfahrt, Unterkunft und Gebühren durchaus ein paar Hundert Mark zusammen. Das Instrument kostet ebenfalls - eine gute Querflöte zum Beispiel mindestens 6 000 Mark. Allerdings können sich die Studenten um Beihilfen bewerben, die von Stiftungen bereitgestellt werden. Auch an der Hochschule gibt es Instrumente zum Üben.

Von fast allen Absolventen werden in den Stellenanzeigen Qualifikationen abverlangt, welche die Hochschulen gar nicht vermitteln können. Viele Firmen wollen Arbeitnehmer mit Führerschein, andere verlangen Kenntnisse in speziellen Computerprogrammen, in Fach-Englisch. An der Volkshochschule kostet ein Sprachkurs nur hundert Mark, private Institute nehmen für den Unterricht in kleinen Gruppen ein Vielfaches. An der Hochschule findet man nicht immer Ersatz. Die Englisch-Kurse an der Freien Universität sind ohnehin fast nur für die Anglisten gedacht, sagt Harald Preuss, Leiter des Sprachlabors. Bei Französisch und Spanisch gibt es zwar freie Plätze. "Doch auch hier versorgen wir erst die Romanisten." Immerhin kann jeder Student in die Mediothek gehen, um sich Filme, Kassetten und Computerprogramme auszuleihen.

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