Gesundheit : Vier Milliarden Euro minus und „Virchow“-Insolvenz

Charité-Verwaltung rechnet Folgen des Expertengutachtens für Berlins Hochschulmedizin vor

Bärbel Schubert

Knapp zwei Wochen nach der Vorstellung des Expertengutachtens zur Zukunft der Hochschulmedizin in Berlin mehrt sich die Kritik an den Vorschlägen. Bis zu vier Milliarden Euro Folgekosten rechnet jetzt die Verwaltung der Charité für die Umsetzung der Vorschläge vor. „Abgesehen von den enormen Folgekosten ist es auch fraglich, ob mit diesen Vorschlägen tatsächlich 98 Millionen Euro eingespart werden können“, sagte der Ärztliche Direktor der Charité, Manfred Dietel, am Donnerstag. Dennoch akzeptieren Charité wie auch das Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität die vorgeschlagene Fusion der Berliner Hochschulmedizin.

Kritisch werden in der Charité-Spitze besonders die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Umstrukturierungen gesehen. Nach dem Votum der Experten sollen beispielsweise an allen drei Klinikstandorten 1300 Klinikbetten abgebaut werden, 874 an der Charité. „Das bedeutet 32 970 Behandlungsfälle weniger“, rechnet der Verwaltungsdirektor der Charité, Bernhard Motzkus, vor. Aus seiner Sicht sind das 1,02 Milliarden Euro weniger Einnahmen bis zum Jahr 2010. Darüber hinaus würde die geringere Auslastung zu einer „Kostenexplosion“ führen – auf 6500 Euro pro Fall. Das neue Abrechnungssystem DRG veranschlage aber nur 3500 Euro. „Macht ein weiteres Defizit von 1,25 Milliarden Euro“, rechnet Motzkus. Für diese fehlenden 2,27 Milliarden Euro müsse das Land Berlin haften.

Lehre kaum berücksichtigt

Dem zur Umwandlung empfohlenen Standort Virchow-Klinikum in Wedding droht nach Motzkus´ Worten dann die Insolvenz. Als Städtisches Krankenhaus könne man es wegen seiner Bauweise nicht wirtschaftlich betreiben. Die Kosten für einen Sozialplan: 265 Millionen Euro. Von den 750 Millionen Euro Investitionsmitteln für das Virchow-Klinikum müsste dann die Hälfte an den Bund zurückgezahlt werden: 375 Millionen Euro minus. Weitere Minus-Posten: 140 Millionen Euro für die Medizintechnik durch private Investoren, 35 Millionen Euro für den geplatzten Verkauf des Bettenhochhauses in Mitte an einen privaten Hotelbetreiber. Außerdem sei offen, woher das Geld für Neu- und Umbauten sowie für andere Kosten durch die Umzüge kommen sollen, die durch die Zusammenlegung der Forschungsschwerpunkte entstehen würden.

Kritik am Expertenvotum hat auch der Dekan der Charité, Joachim Dudenhausen. „Die Lehre spielt darin eine viel zu geringe Rolle“, sagt er. Die Auswirkungen der geplanten Umorganisation beispielsweise würden kaum gewürdigt.

Starke Leitung nötig

„Wir akzeptieren dennoch die Grundstruktur wie vorgeschlagen“, sagte Dietel. Die Hochschulmedizin „im Norden und Süden Berlins“ solle zusammengeführt werden. Um dabei negative Folgewirkungen möglichst zu verhindern, müsse so bald als möglich ein neuer Vorstand eingesetzt werden. Er solle die Fusion vorbereiten und Hauptansprechpartner für die Politik bei der Ausarbeitung des neuen Gesetzes für die Universitätsmedizin sein.

Dietel: „Man kann auf der Grundlage des Gutachtens arbeiten, wenn die Vorschläge Anregungen sind und die Detail-Entscheidungen bei dem neuen Leitungsgremium liegen.“ Die Kostenrechnungen im Gutachten seien beispielsweise zweifelhaft. Das angekündigte Vorschaltgesetz des Berliner Senats sei ein richtiger Schritt. „Ein Verbund mit einem starken Management an der Spitze ist der richtige Weg, um die geforderten Einsparungen zu erbringen, die Verwaltung zu verschlanken und den Personalabbau steuern zu können“, so Dietel. „Den Standort am Virchow-Klinikum aufzugeben, ist für uns aber keine wirkliche Anregung.“

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