Gesundheit : Viktor von Weizsäcker: Die Rentenneurose als soziale Krankheit

Rosemarie Stein

"Da entstand immer krasser das Bild des Kassenarztes mit seiner Hundert-Patienten-Sprechstunde, seiner Abhängigkeit von der Bürokratie der Ortskrankenkasse einerseits, der Ärztlichen Vereinigung andererseits, die Senkung des ärztlichen Niveaus, das Verschwinden des Hausarztes, das Unwesen der alles und jedes operierenden Spezialisten, der Unfug der Spritzen- und Tabletten-Medizin; in den Kliniken die Gleichgültigkeit gegen die sozialen Fragen, gegen die zur Volksseuche gewordene Neurose, das Gutachten-Unwesen, der Missbrauch der wissenschaftlichen Arbeit zur Fabrikation einer Karriere, die zur sinnlosen Überprodukton von pseudo-exakten Untersuchungen und einer Aufblähung des völlig unübersehbaren Schrifttums führen ."

Mit diesen Sätzen skizzierte der israelische Psychiatrieprofessor Benyamin Maoz (Soroca-Hospital Beer Sheva) ein paar Probleme des modernen Gesundheitswesens. Es war aber ein Zitat, nachzulesen in den Gesammelten Schriften Viktor von Weizsäckers (1886 bis 1957). Maoz sprach auf der Jahrestagung der 1994 gegründeten Viktor-von-Weizsäcker-Gesellschaft, die in Berlin in Zusammenarbeit mit der Psychiatrie der Schloßpark-Klinik stattfand. Diese Vereinigung hat sich die Aufgabe gestellt, die Diskussion um die medizinische Anthropologie des großen Heidelberger Arztes und Denkers wiederzubeleben - ohne Heldenverehrung. Nach einer Selbstdarstellung gilt der "kritischen Auseinandersetzung mit den Provokationen und Anstößigkeiten dieses Werkes ein Hauptaugenmerk".

Das ist ernst gemeint: Die Gesellschaft holte sich kritische Köpfe als Redner, die, bei allem Respekt, Weizsäcker nicht schonten. Das zentrale Tagungsthema hieß "Soziale Krankheit und soziale Gesundung" - Titel eines Weizsäcker-Buches von 1930, mit dem sich der Berliner Philosoph Michael Theunissen auseinandersetzte. Was Weizsäcker damals umtrieb, war die große Zahl von Patienten auch in seiner neurologischen Klinik, die nach eigentlich überwundenen Unfällen oder Krankheiten nicht wieder gesund und arbeitsfähig werden konnten oder wollten, sondern hartnäckig und um jeden Preis die Rente anstrebten.

Den Begriff "soziale Krankheit" definierte Weizsäcker gar nicht, stellte Theunissen fest, benutzte ihn aber stark eingeengt nur auf die "Sozialneurose" bezogen. Hierunter verstand er wiederum die Rechts- oder Rentenneurose, die sich an jede Krankheit anschließen könne. Sozial daran sei die Situation, die sie begünstigt. In Weizsäckers Sicht war es vor allem die Sozialversicherung, die Rentenneurosen als Unfreiheit, gesund werden zu wollen, produziere, indem sie allzu gut vor den Folgen der Krankheit oder des Unfalls schütze. Weizsäcker forderte daher, diesen Schutz einzuschränken: durch vorangehende Behandlungsversuche und durch Verweigerung einer Dauerrente bei Misserfolg, wie Theunissen ausführte.

Was der Philosoph nicht erwähnte: Das moderne, gesetzlich verankerte Prinzip "Rehabilitation vor Rente" (oder auch "vor Pflege") nahm Weizsäcker damit vorweg. Hätte er unser ausgeufertes Rehabilitationswesen noch kennen gelernt, spräche er heute vielleicht von einer "Rehabilitationsneurose" jenes Teils der Antragstellenden, die eigentlich nur einen "Kurlaub" anstreben. Leider fehlte unter den Tagungsreferenten ein Vertreter der Rentenversicherung, der hierüber und auch über die heutige Bedeutung der Rentenneurose hätte berichten können.

Auf den Gesundungsprozess ging Weizsäcker nur kurz ein. Theunissen zitierte: "Die Gesundheit eines Menschen ist nicht ein Kapital, das man aufzehren kann, sondern sie ist überhaupt nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des Lebens erzeugt wird. Wird sie nicht erzeugt, dann ist der Mensch bereits krank. Man kann den sozial Kranken daher als einen Menschen bezeichnen, bei dem die Erzeugung der Gesundheit nicht mehr richtig erfolgt."

Weizsäcker schlug in seinem Buch vor, diese Kranken durch Herstellung eines therapeutischen Milieus und Veränderungen ihrer sozialen Situation positiv zu beeinflussen. Theunissen kritisierte das als "manipulative Instrumentierung". Darzustellen, wie Weizsäcker dies praktisch versuchte, hätte den Rahmen des theoretischen Vortrags gesprengt: Er richtete in seiner neurologischen Klinik eine Spezialstation für die auf ihre Berentung Fixierten ein, um sie durch Gespräche und gemeinschaftliche Aktivitäten wieder für ein normales Leben zu motivieren, oft mit Erfolg. Was er "Situationstherapie" nannte, war eine Pioniertat. Wir würden heute von Rehabilitation sprechen.

Es widerstrebte dem psychosomatisch denkenden Arzt, diese Patienten nur zu begutachten, statt sie auch zu behandeln. Er litt ohnehin unter dem unlösbaren Konflikt der zwei Seelen in der Brust des Arztes, der sich einerseits dem einzelnen Patienten verpflichtet fühlt, als Gutachter oder beim ständigen Umgang mit öffentlichen Mitteln aber auch der Allgemeinheit. In seinem Antrag auf Einrichtung der neuen Station heißt es zur Begründung: "Wenn die Sozialversicherung überhaupt ihren Sinn behalten soll, so muss auch für solche Personen, die an einer Erkrankung ihres Willens oder ihres Gesundheitsgewissens leiden, etwas anderes geschehen, als entweder die endlose Ausbezahlung einer Rente oder die runde Ablehnung".

Eine gelungene medizinische Rehabilitation bedeutet noch nicht die Rückkehr zur Arbeit. Als Weizsäcker mit seinem Buch eine heftige Debatte über die Rentenneurose auslöste, brachte die Wirtschaftskrise gerade sämtliche Zweige der Sozialversicherung in Not, und die Zahl der Arbeitslosen überstieg die Fünf-Millionengrenze. Die erfolgreich behandelten Patienten standen nach der Entlassung also meist auf der Straße, ähnlich wie heute.

Wie wichtig neben der Behandlung die soziale Situation, vor allem der Arbeitsmarkt, für die Gesundung ist, verdeutlichte ein Beispiel aus einem Vortrag von Doris Denis (Freie Universität Berlin) über psychische Traumatisierung: Nachdem ein Zugführer ohne sein Verschulden mit seiner U-Bahn den fünften Unfall, zum Teil mit Todesopfern, erlebt hatte, war er nicht mehr imstande, U-Bahn zu fahren. Eine Psychotherapie war erst dann erfolgreich, als ihm sein Wunsch erfüllt werden konnte, sich zum Busfahrer umschulen zu lassen.

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