Gesundheit : Viren und Bakterien sind längst globalisiert

Rosemarie Stein

Die Seuchen hielten wir lange Zeit für besiegt, zumindest in der westlichen Welt. Aids, aber auch BSE und die damit zusammenhängende neue Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit haben uns eines Schlechteren belehrt. Und nun auch noch der potenzielle Milzbrand per Post.

"Ich kann dem Thema Bioterrorismus durchaus Positives abgewinnen: es führt uns die reale Bedrohung durch Infektionskrankheiten vor Augen." So begann der Moderator Justin Westhoff den 20. "Treffpunkt Tagesspiegel Medizin und Fitness" im Berliner Kongresszentrum ICC. Das Thema "Alte Seuchen und neue Bedrohung - Die Wiederkehr der Infektionen" hatte etwa 500 teils lebhaft mitdiskutierende Leser und Zuhörer angezogen.

Angesichts der diffusen Bedrohung durch Biowaffen empfahl Reinhard Kurth, Leiter des Rober-Koch-Instituts, Gelassenheit - nicht zu verwechseln mit Nachlässigkeit. Es gebe Gefährlicheres als Anthrax, etwa die extrem ansteckenden Pocken. Ebenso wie andere Länder müssten auch wir nun wieder Pockenimpfstoff herstellen.

Bedrohlicher als Pocken und Milzbrand in der Zeitung sind die Masern im Kinderzimmer und die Salmonellen in der Küche. In Deutschland würden jährlich 200 000 durch Lebensmittel verursachte akute Darmkrankheiten gemeldet, die Dunkelziffer sei wahrscheinlich zehn Mal so hoch, meinte Ekkehard Weise, Lebensmittel-Experte im "Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin" (BgVV). "Eine lückenlose Kontrolle kann es nicht geben", sagte BgVV-Leiter Dieter Arnold. Wir importieren ja viele Lebensmittel, und die Vorschriften und Kontrollen sind von Land zu Land verschieden streng oder lax.

Aber die meisten Lebensmittelinfektionen gehen laut Weise auf Fehler im Haushalt oder bei der Massenverpflegung zurück. Man lasse sich zum Beispiel zur Lagerhaltung der heute länger haltbar gemachten Nahrungsmittel verführen, statt sie so frisch wie möglich zu verzehren. Dieses Gebot gelte aber nicht für Rohmilch. Es sei ein Irrglaube, dass Milch frisch aus dem Euter gesünder sei als pasteurisiert - ganz im Gegenteil!

Themenwechsel: "Jetzt reden Sie den Impfmüden bitte mal in Gewissen!", ermunterte Westhoff den Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Benjamin-Franklin-Klinikum. Helmut Hahn zitierte zuerst den "Schutzheiligen" des abwicklungsbedrohten FU-Klinikums, für dessen Erhaltung die Teilnehmer hinterher vor den Unterschriftenlisten Schlange standen: "Eine Unze Prävention ist mehr wert als ein paar Pfund Therapie", wusste schon Benjamin Franklin.

Die wirksamste und preiswerteste Prävention ist natürlich die Impfung, wie Hahn an Beispielen zeigt. Die Kinderlähmung und die eitrige Hirnhautentzündung seien dadurch fast verschwunden. "Wenn man seine Kinder nicht impfen lässt, ist das ein Akt gröbster Fahrlässigkeit", wetterte er. Eine Teilnehmerin berichtete von ihrer Beobachtung, dass manche Kinderärzte offenbar nicht viel von Impfungen hielten. Nach Kurth gibt es noch immer "eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Impfgegnern", die allen Ernstes glaubten, Kinderkrankheiten seien gesund. "Das ist Quatsch", sagte Kurth. Masern zum Beispiel hinterließen in jedem tausendsten Fall schwere Hirnschäden bis hin zu Demenz.

Und die Erwachsenen? Allen über 60-Jährigen empfahl Hahn dringend die Grippeimpfung. Hartmut Lode von der Lungenklinik Heckeshorn riet ihnen außderdem, sich gegen die häufigsten Erreger der Lungenentzündung, die Pneumokokken, immunisieren zu lassen. Und Ulrich Bienzle, Leiter des Instituts für Tropenmedizin, warnte alle Urlauber vor gefährlichen Mitbringseln: "Es muss nicht immer Ebola sein" oder sonst etwas Exotisches; viel leichter als eine Tropenkranheit fange man sich heute HIV ein, oder auch den unendlich viel infektiöseren Erreger der Hepatitis B, sofern man nicht dagegen geimpft ist.

Zum Thema Aids-Prävention äußerte Jörg Götz, der eine Schwerpunktpraxis für solche chronischen Viruskranheiten betreibt, massive Skepsis: "Sexualität ist das Gegenteil von Vernunft." Worauf sich eine kleine Kontroverse mit Kurth entspann, der auf die Erfolge der Präventionskampagnen hinwies. Ihnen sei es zu verdanken, dass sich bei Aids die jährliche Zahl der neuen Fälle in Deutschland noch immer bei 2000 halte. Auch andere Experten-Kabbeleien verfolgte das Publikum mit Interesse, so beim Thema des Magen-Darm-Spezialisten Martin Zeitz, Direktor der 1. Medizinischen Klinik des FU-Klinikums: Medikamentöse Bekämpfung des erst vor 20 Jahren entdeckten magensaftfesten Keims Helicobacter pylori zwecks Heilung des Magengeschwürs. Lode fragte, ob es nicht vielleicht einen Sinn habe, dass die Mehrheit der Mägen von diesem Keim besiedelt sei, und zwar meist ohne Symptome: "Wenn man ihn wegnimmt, kriegt man Probleme mit der Speiseröhre." Die Frage blieb offen.

Als eine Tagesspiegel-Leserin nach der "Rache der Erreger" für die Antibiotika fragte, öffnete sie Rede-Schleusen. Die Professoren auf dem Podium nannten vielerlei Gründe dafür, dass die Kranheitskeime zunehmend resistent gegen immer neue Medikamente werden: Antibiotika im Futter bei der Massentierhaltung zum Beispiel, aber auch die ungezielte Verordnung in Praxen und Kliniken. "Wir haben einen zu 80 bis 90 Prozent unnötigen Einsatz von Antibiotika bei Viruskrankheiten" - wo sie gar nicht wirken können, konstatierte Lode. Dennoch ist die Lage hier noch nicht so dramatisch wie in Ländern mit schlecht organisiertem oder (wie in Osteuropa) zusammengebrochenem Gesundheitswesen. Wo eine exakte Einnahme von Medikamten nicht gewährleistet sei, könne sich zum Beispiel die Tuberkulose ungehemmt ausbreiten, weil die Erreger gegen die Antibiotika resistent würden. Und Bakterien und Viren sind längst globalisiert.

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