Gesundheit : Virtuos mit Pinsel und Hammer

PETER HERGERSBERG

Wie wird man ein Meisterschüler? / Bildende Künstler an der HdK ausgezeichnetVON PETER HERGERSBERGEs klingt nach der weihevollen Initiation einer Schar von Zauberlehrlingen: Jedes Jahr ernennen die Professoren der Bildenden Kunst der HdK rund vierzig "Meisterschüler".Doch vor dem großen Tag, an dem auch eine Ausstellung eröffnet wird, müssen sich die Studierenden mit reichlich unprosaischen Aufgaben herumschlagen.Unter ohrenbetäubendem Poltern schieben sie Stellwände durchs Foyer der Hochschule, pinseln sie nach, messen die Flächen aus und polieren das Glas, hinter dem ihre Bilder erstrahlen sollen.In dem Gewusel kommt es auch schon mal vor, daß ein gerade mit künstlerischem Augenmaß positioniertes Bild unversehens zu Boden fährt - auch nageln muß ein Meisterschüler können. "Das eigentliche Kunststudium endet nach zehn Semestern", erklärt Burkhard Held, der Dekan des Fachbereichs Bildende Kunst.Kurz vor Ende zieht eine neunköpfige Kommission von Professoren durch die Ateliers und die Ausstellung der Abschlußarbeiten.Die Juroren begutachten die Werke aller Studierenden und wählen aus jedem Semester etwa 20 Glückliche aus: die Meisterschülerkandidaten.Sie dürfen noch ein Jahr lang an der Uni bleiben und sich danach offiziell "Meisterschüler" nennen. "Im normalen Kunststudium probiert man verschiedenste Techniken aus, in Malerei, Skulptur, Videokunst oder Multimedia.In dem zusätzlichen Jahr konnte ich dagegen meine eigene Ausdrucksform suchen", sagt Kristina Redeker, die als Bildhauerin die Hochschule verläßt. "Das Meisterschüler-Jahr soll ein Arbeiten ohne Prüfungsdruck ermöglichen", erläutert Burkhard Held.Das heißt nicht, daß die Professoren ihre Schüler nach Gutdünken vor sich hinwurschteln lassen - im Gegenteil: "Ich hatte den Eindruck, mein Lehrer beäugte meine Skulpturen noch kritischer, stellte noch spitzfindigere Fragen, was ich mir bei einzelnen Schritten gedacht habe", erzählt Kristina Redeker.Für manche sei dieses Jahr allerdings eine Überbrückungszeit, in der sie weniger ihre künstlerische Entwicklung verfolgten, sondern die Kontakte zu Galerien.Eine zwiespältige Angelegenheit: "Wir sollten die Kontakte zum Kunstmarkt nicht vernachlässigen, weil unsere Absolventen auf ihm ihre Brötchen verdienen müssen.Aber wir wollen unsere Ausbildung auch nicht daran orientieren, was die Kunstzeitschriften gerade hochjubeln", erklärt Burkhard Held.Kupfere ein Absolvent nur aktuelle Strömungen ab, falle er oder sie im Auswahlverfahren für das Meisterschülerjahr durch. Aber was sind die Kriterien, nach denen die Kandidaten für das zusätzliche Ausbildungsjahr ausgewählt werden? "Früher lag die Entscheidung allein in den Händen des Professors, unter dem ein Absolvent arbeitete", erklärt Petra Vogt, Verwaltungschefin des Fachbereichs bildende Kunst.Die Maßstäbe seien subjektiv gewesen, und Meisterschüler hätten einen elitären Nimbus gehabt."Seitdem eine Kommission die Meisterschüler bestimmt, muß jeder entscheidende Professor nachvollziehbare Gründe für seine Wahl anführen", erklärt Petra Vogt das heutige Verfahren."Ich versuche, mich von persönlichem Gefallen unabhängig zu machen", erklärt Burkhard Held."Vielmehr prüfe ich, ob sich aus dem Bild, der Skulptur oder auch der Videoinstallation eines Studenten etwas Besonderes vermittelt - ein persönliches Element und ein Gedanke hinter dem Werk." Kristina Redeker beispielsweise setzte sich in ihren Skulpturen aus Metall und Stoff mit Kleidung auseinander, Kleidung als Symbol für Schutz.Metall führt die Eigenschaften von Holz und Ton zusammen, den Werkstoffen, aus denen sie vorher Skulpturen schuf.Seitdem sie Kostüme und Uniformen zeichnet und ihrer Geschichte nachspürte, verarbeitet sie auch Stoff.Beide Materialien beziehen sich auf ihr Thema Kleidung als Schutz: Das harte Metall wehrt ab, der weiche Stoff dagegen lädt zum Anschmiegen ein. So entstanden Filzbahnen, die wie eine Schleppe zu Boden wallen, oder graue Kegel aus Stoff, die, aufgehängt an zwei epaulettenförmigen Metallteilen, in den Raum stürzen.Natürlich markieren ihre Skulpturen nur einen weiteren Abschnitt der künstlerischen Entwicklung."Die Suche hört nicht auf, wenn die Meisterschüler die Hochschule verlassen", sagt Burkhard Held.Auch Austausch mit den ehemaligen Lehrern gebe es nachher noch. Dem endgültigen Abschluß des Studiums sieht Kristina Redeker mit gemischten Gefühlen entgegen."Die behütete Atmosphäre der Akademie hat uns vor den Schwierigkeiten, sich als freier Künstler durchzuschlagen, bewahrt." Was die meisterlichen Schüler im vergangenen Jahr auf Papier, Leinwand und Folie brachten und aus Metall, Gips, Stein und Pappmaché formten, ist bis zum dritten Juli im Foyer des HdK-Hauptgebäudes (Hardenbergstr.33) zu sehen.

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