Gesundheit : Vitamin C: Vom tiefen Fall des hohen C

Adelheid Müller-Lissner

Vitamin C ist vielleicht das "klassischste" aller Vitamine, um das sich vom Skorbut der Matrosen bis zur Hochdosis-Empfehlung des Nobelpreisträgers Linus Pauling zahlreiche Geschichten ranken. Was heute im Wissenschaftsmagazin "Science" (Band 292, Seite 2083) zu lesen ist, stellt allerdings noch keine in sich abgerundete neue Story dar: Ian Blair und seine Arbeitsgruppe vom Center for Cancer Pharmacology an der Universität von Pennsylvania haben bei Laborversuchen festgestellt, dass das wasserlösliche Vitamin Ascorbinsäure, das als DNS-schützender "Radikalenfänger" wirksam ist, unter bestimmten Bedingungen auch biochemische Reaktionen fördern kann, die in der Lage sind, die Erbsubstanz zu schädigen.

In Reagenzglas-Versuchen fanden die Forscher, dass sich unter der Einwirkung des Vitamins aus dem chemischen Zwischenprodukt Lipid-Hydroperoxid DNS-schädigende Substanzen bilden, die auch "Genotoxine" genannt werden. Solche Genotoxine bilden sich, wie man auch bisher schon wusste, unter der Einwirkung von freien Radikalen, wenn bestimmte Metall-Ionen als Katalysatoren wirken. Dass die Genotoxine sich unter Mitwirkung von Vitamin C auch bilden, wenn keine Metall-Ionen vorhanden sind, haben die Forscher nun im Laborversuch bewiesen.

"Das könnte bei der Erklärung der Tatsache helfen, dass Vitamin C bisher keine wesentliche Wirksamkeit in der Chemoprävention von Krebs zeigte", schreiben die Autoren. Möglicherweise, so spekulieren sie, hat es ebenso viel potenziell schädliche wie vorbeugende Wirkung.

Die Pharmakologen setzten bei den Versuchen im Reagenzglas eine Konzentration des Vitamins voraus, die im Körper nach der Aufnahme von etwa 200 Milligramm täglich erreicht würde. 75 Milligramm des wasserlöslichen Vitamins pro Tag sollte jeder nach einer Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mindestens zu sich nehmen. Gründe für eine Veränderung von Ernährungsempfehlungen ergeben sich aus der Erkenntnis, dass der Vitamin-Klassiker ein Doppelgesicht tragen könnte, allerdings nicht: Als Mittel zur Krebsvorbeugung wurde die isolierte Vitamin C-Einnahme in Form von Tabletten oder Brausepulver auch bisher von seriösen Wissenschaftlern nicht empfohlen. Einzig eine Studie aus Kolumbien ergab Hinweise darauf, dass die Einnahme des Vitamins den Rückgang einer Vorstufe von Magenkrebs bewirkte.

Durch zahlreiche bevölkerungsbezogene Studien ist allerdings erwiesen, dass das Risiko, an häufigen Krebsformen zu erkranken, sich entscheidend senken lässt, wenn Obst und Gemüse einen Hauptbestandteil der Ernährung bilden und regelmäßig auf dem Speiseplan stehen. "Wir sind weiter gut beraten, uns bei der Prävention auf diese Ergebnisse zu stützen", sagt der Epidemiologe Heiner Boeing von Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

Boeing und seine Kollegen haben sich im letzten Jahr in einer Broschüre auf Zahlen festgelegt: Rund ein Drittel aller Neuerkrankungen an Krebs wären demnach durch Umstellung der Ernährung vermeidbar. Zu den wichtigsten Empfehlungen zählt dabei, täglich 400 bis 800 Gramm Gemüse und Obst und 600 bis 700 Gramm Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und andere pflanzliche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Auch Blair möchte den Verzehr dieser Lebensmittel, die unter anderem viel Vitamin C enthalten, keineswegs in Frage stellen.

Welche Komponenten der Früchte schützend wirken, weiß man dagegen nicht so genau. Umgekehrt gibt allerdings, wie Boeing sagt, auch die neue Studie nicht allzu viele Aufschlüsse über die Rolle des Vitamin C: "Vom Versuch im Labor können wir nicht so einfach auf die Vorgänge im Körper selbst schließen. Wenn die Studie das hätte zeigen können, wäre ich wesentlich zufriedener." Erst dann wäre die neue Vitamin-C-Story wirklich abgerundet.

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