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Europa macht Schule: Was das gemeinsame deutsch-französische Geschichtsbuch leistet

Urte Kocka

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein aktuelles, gut gestaltetes, aber traditionell aufgebautes Schulgeschichtsbuch für die Oberstufe. „Histoire/Geschichte – L’Europe et le monde depuis 1945 (Europa und die Welt seit 1945)“ ist ein 336-seitiges broschiertes Buch im Din-A-4-Format mit vielen Abbildungen, Tabellen, gelb unterlegten Quellentexten und grün unterlegten Frageblöcken. Es enthält drei chronologisch aufgebaute politisch-ereignisgeschichtliche Teile: die Nachkriegszeit und Erinnerungen an den Krieg, Europa zwischen den USA und der UdSSR sowie 1989 bis heute – Europa in einer globalisierten Welt. Darauf folgen zwei Kapitel zu technischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Veränderungen seit 1945 und zum Verhältnis von Deutschen und Franzosen seit 1945. Ein solides Programm für ein französisch-deutsches Geschichtsbuch also.

Auf den zweiten Blick wird das Besondere dieses Gemeinschaftswerks klar, mit dem Schüler beider Länder nach den Sommerferien arbeiten sollen. Es ist ein Politikum: Das Projekt wurde im Jahr 2003 anlässlich der 40-Jahrfeiern des deutsch-französischen Elysee-Vertrages initiiert. Das deutsch- französische Jugendparlament hatte sich ein gemeinsames Schulbuch gewünscht, und beide Regierungen beschlossen das Projekt. Der französische Verlag Nathan und der deutsche Klett-Verlag realisierten es. Das französische Buch liegt als Nullnummer vor, das identische deutsche soll am 10. Juli veröffentlicht werden. Dieses Geschichtsbuch ist aus dem Wunsch entstanden, die Freundschaft und Verständigung beider Länder schon bei den Jugendlichen zu fördern. In diesem Sinne ist das Kapitel „Aus ehemaligen Feinden werden Partner“ wohl das bedeutsamste.

„Histoire/Geschichte“ wurde als transnationales, europäisches Schulgeschichtsbuch konzipiert, wobei allerdings Frankreich und Deutschland als die wichtigsten europäischen Staaten gesehen werden. Die jeweilige nationale Perspektive auf die Nachkriegszeit und die europäische werden wiederum eingebettet in eine globale. Damit leistet dieses Buch mehr als die meisten bei uns benutzten Schulgeschichtsbücher. Es nimmt die aktuelle geschichtsdidaktische Forderung nach Multiperspektivität ernst.

Besonders wichtig sind die Kapitel, in denen die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Geschichte beider Länder verglichen wird. Dabei lernen die Jugendlichen automatisch das eigene System zu hinterfragen. So ist es hilfreich, nicht nur mit deutsch-deutschen Augen die deutsche Einheit zu betrachten, sondern auch mit denen des Nachbarn und darüber hinaus mit denen anderer europäischer Staaten.

Das Buch geht einer Reihe von Fragen nach, die zentral für das gegenseitige Verstehen sind: Welche Erinnerungen haben Franzosen an den Zweiten Weltkrieg und die Besatzung durch die Deutschen? Wie sehen Franzosen die deutsche Nachkriegszeit mit den vier Besatzungszonen? Warum hatten Franzosen und Westdeutsche so unterschiedliche politische Einstellungen zu ihren kommunistischen Parteien? Was bedeutet es, wenn Franzosen skeptischer als Deutsche gegenüber einer amerikanisierten Welt- und Medienkultur sind? Mit welcher Begründung bedauern Franzosen den weltweiten Rückgang des Gebrauchs ihrer Sprache im Unterschied zu den Deutschen?

Wie aber ist dieses Buch im Unterricht zu gebrauchen? Es ist klar strukturiert: Die fünf Teile sind in jeweils fünf bis acht Kapitel eingeteilt und beginnen mit Auftaktseiten, die das Thema mit kurzen Orientierungsdarstellungen, typischen Bildern, einem Zeitstrahl, einem Kartenteil und Leitfragen strukturieren. Bilder, kurze Quellentexte, Statistiken zu den Kapiteln dienen der Verständlichmachung der kurzen Darstellungen und dem Bearbeiten der zu allen Teilen und Kapiteln gestellten Sachfragen und Aufgaben.

Das Buch soll in der Oberstufe benutzt werden, in Frankreich zur Vorbereitung aufs Bakkalaureat am Ende der 12. Klasse, in Deutschland ebenso in der letzten Klasse vor dem Abitur nach 12 oder 13 Jahren. In den Lehrplänen beider Länder wird in diesen Jahrgängen die Behandlung der Nachkriegszeit vorgeschrieben. In der Unterrichtspraxis ergeben sich aber große Unterschiede in beiden Ländern. Da dieses Geschichtsbuch traditionell an der Chronologie im Unterschied zu einer themenorientierten Gliederung festhält, eignet es sich zum Wissenserwerb, zum Lernen für eine Prüfung hervorragend. Doch für die Arbeit im Oberstufenunterricht an deutschen Gymnasien reicht es als alleiniges Arbeitsbuch nicht aus, wohl aber zusätzliches Nachschlagewerk. Die Materialien sind für das eigenständige Arbeiten, das Abwägen mehrerer Möglichkeiten und das selbstständige Beurteilen nicht anspruchsvoll genug, die Arbeitsaufträge nicht problemorientiert genug. So sind die Quellen nicht zum entdeckenden Lernen bestimmt.

Dennoch können deutsche Jugendliche mit diesem Buch gut ihr chronologisches Zusammenhangswissen aufbessern und sich von der vorzüglichen, reich bebilderten, sachlogisch und übersichtlich aufgemachten Darstellung motivieren lassen – im Unterschied zu unseren meist sehr textlastigen Oberstufengeschichtsbüchern. Auch enthält jedes Buch eine CD-ROM zum Kapitel über den europäischen Kolonialismus.

Studienräte, die die in „Histoire/Geschichte“ präsentierten Themen und Perspektiven in ihren Unterricht einbauen wollen, können es zudem machen wie bisher: Sie suchen ohnehin ständig zusätzliche Materialien zu den an der Schule existierenden, oft unzulänglichen Geschichtsbüchern. Um die Anforderungen und „Standards“ für Geschichte erfüllen zu können, erhalten sie jetzt eine exzellente neue Quelle: Sie sollen ihren Schülern Sach-, Methoden-, Urteils- und Orientierungskompetenz vermitteln, mit dem Ziel eines reflektierten Geschichtsbewusstseins – wie es im Berliner Rahmenplan Geschichte vorgeschrieben ist.

Das Schönste an dem Buch: Der Begriff „ehemalige Feinde“ wird von heutigen Jugendlichen wie eine Vokabel gelernt. Das Nachdenken über eine gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst in diesem Buch, sachlich aufgearbeitet, wie selbstverständlich schmerzlich berührende Erinnerungen und Erinnerungsorte. Und es formuliert optimistische Zukunftserwartungen in einer globalisierten Welt. Dem ersten Band sollen zwei weitere für die Zeit des Mittelalters bis 1945 folgen. Ein verdienstvolles Projekt für die Europäische Union wäre es, nach dem Modell des deutsch-französischen Werk andere binationale Schulgeschichtsbücher zu konzipieren.

Die Autorin unterrichtet als wissenschaftliche Mitarbeiterin Didaktik der Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Als Rezensionsexemplar lag ihr die französische Ausgabe von Histoire/Geschichte vor.

Am 10. Juli erscheint: Histoire/Geschichte – Die Welt und Europa seit 1945. Ernst Klett Schulbuchverlag, Leipzig, 2006. 336 Seiten, 25 €

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