Gesundheit : Vogelzug: Gegenwind

Till Hein

Lieschen war noch nie in Afrika. Die dynamische Wildente verbrachte auch diesen Winter wieder in Bayern, in der Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie in Seewiesen bei München. Heute Mittag hat sie zumindest den dortigen Windkanal ganz für sich allein. Sie fliegt gerade mit der stolzen Geschwindigkeit von 79,9 Stundenkilometern, wie auf der elektronischen Anzeigetafel zu lesen ist.

"Lieschen, prima!", lobt die biologisch-technische Assistentin Andrea Wittenzellner. Allerdings kommt die Ente keinen Zentimeter von der Stelle. "Die Anzeigentafel misst eigentlich das Tempo des Gegenwinds, der Lieschen entgegenbläst", erklärt Wittenzellner. Wie Menschen, die im Fitness-Studio auf einem Laufband joggen, fliegt Lieschen am Ort. Die Ente sowie die Stare, Grauschnäpper und Rauchschwalben, die nach ihr an der Reihe sind, trainieren im Windkanal nicht zur Vorbeugung von Zellulitis, sie fliegen im Dienste der Wissenschaft. Und das gerne, wie der Ornithologe Herbert Biebach betont.

"Aus Sicht der Vögel ist unser Windkanal eine prima Sache." Jedenfalls müssen sie inzwischen nicht mehr mit Mehlwürmern angelockt werden sondern fliegen auf Wittenzellners Wink sofort in den Luftstrom. Bald soll auch eine Landschaft auf den Fußboden projiziert werden, die sich im jeweiligen Flugtempo bewegt. Fast wie im richtigen Vogelleben.

Dank des Windkanals können Forscher den Vogelflug erstmals aus unmittelbarer Distanz beobachten, ohne dafür zu so abenteuerlichen Mitteln greifen zu müssen wie der französische Hobby-Ornithologe Christian Moullec. Der begleitet in einem kuriosen Ultraleichtflugzeug Wildgänse höchst persönlich auf ihrem realen Weg in den Süden. Grafik: Zugvögel auf Kurs Andrea Wittenzellner trägt eine große, weißrandige Brille auf der Nase, obwohl sie eigentlich auch ohne einwandfrei sieht. Als Schutz gegen den Wind. Auf bis zu 160 Stundenkilometer kann die Luft im Windkanal nämlich durch einen mannshohen Ventilator mit zwölf Rotorblättern sowie eine 45 Kilowatt starken Elektromotor beschleunigt werden. Da bekommt man auf dem Beobachterstuhl neben der Flugröhre schnell gerötete Augen. "Und die Vögel koten im Flug auch häufig ab", erklärt Wittenzellner. Sogar der Luftdruck lässt sich im aerodynamischen Tunnel unterschiedlich einstellen, um Flughöhen von bis zu 2500 Metern zu simulieren. Gekostet hat der Windkanal umgerechnet 1,2 Millionen Schweizer Franken.

Herbert Biebach und sein Team wollen mit Hilfe dieser Anlage zahlreiche Geheimnisse entschlüsseln. Schlafen Zugvögel auf ihrer bis zu drei Tage und Nächte dauernden Flugreise über Sahara und Mittelmeer zum Beispiel tatsächlich nie, wie lange Zeit angenommen wurde? Möglicherweise halten sie es vielmehr wie die Delfine: Bei denen versinkt abwechselnd die linke und die rechte Hirnhälfte in Schlaf, während die jeweils andere die Kontrolle behält. Um diese Vermutung zu überprüfen sollen die Vögel bald mehrere Tage lang ununterbrochen im Windkanal fliegen. Dabei sollen ihre Hirnströme gemessen werden.

Und wie schaffen es Kleinvögel wie der Fitislaubsänger überhaupt bis über Wüste und Mittelmeer, obwohl ihre "Treibstoffreserven" in Form von Fettpolstern dafür eigentlich gar nicht ausreichen können? Wahrscheinlich nutzen die Vögel gezielt Rückenwinde, die in gewissen Flughöhen vorherrschen, vermutet Biebach. Bei Freilandbeobachtungen stellte er darüber hinaus fest, dass manche Zugvögel während der Interkontinentalreisen ihre inneren Organe wie Magen, Darm und Nieren bis auf die Hälfte der ursprünglichen Masse zurückbilden. Und in lediglich zwei weiteren Tagen regenerieren die Tiere den Verdauungstrakt anschließend wieder auf Originalgröße.

Im Frühjahr, der Zeit des Heimflugs aus den Winterquartieren, werden auch die Versuchsvögel in Seewiesen immer unruhiger und Andrea Wittenzellner schiebt zahlreiche Überstunden. Zugvögel verfügen nämlich, auch wenn sie im Käfig gehalten werden, über einen inneren Jahreskalender, der sowohl Brutphase und Mauser als auch den Rückflugtermin gen Norden regelt.

"Vögel sind aber trotzdem nicht einfach kleine Automaten. Ihre innere Uhr gibt lediglich einen Rahmen vor", erklärt Herbert Biebach. Die Tiere passen sich auch geschickt den Umweltbedingungen an und sind äußerst lernfähig. Auch was den Orientierungssinn betrifft: Jungvögel, die ihr Winterquartier sonst problemlos finden, scheitern, wenn man sie an einem ihnen unbekannten Ort aussetzt. Erfahrene, ältere Tiere hingegen erreichen selbst dann ihren traditionellen Überwinterungsort.

Traurig ist nur, dass, während das Wissen über die Zugvögel ständig zunimmt, immer weniger von ihnen in freier Wildbahn anzutreffen sind. In Deutschland und der Schweiz stehen inzwischen 50 Prozent der Vogelarten auf der roten Liste. Vor allem die Langstreckenflieger sind betroffen. Monokulturen in der Land- und Forstwirtschaft, Düngemittel und Pestizide sowie die in manchen Ländern nach wie vor populäre Vogeljagd haben die Bestände dezimiert.

Auch durch die globale Klimaerwärmung kommt das Leben der Zugvögel nun immer stärker durcheinander: "Selbst wenn ich keinerlei meteorologische Daten hätte und nichts vom Treibhauseffekt wüsste, könnte ich allein aufgrund von Zeichen in der Vogelwelt sagen, dass beim Klima einiges im Gange ist", sagt der Peter Berthold, Leiter der Vogelwarte Radolfzell der Max-Planck-Gesellschaft.

So hat sich in Andalusien, in der Gegend von Almeria, erst der afrikanische Wüstengimpel niedergelassen. Jahre später musste man dieses Gebiet zur ersten Vollwüste Europas erklären. Generell brechen durch die Klimaerwärmung die meisten Zugvogelarten immer später in ihre Winterquartiere auf und kommen früher zurück, beobachtet der Ornithologe Felix Liechti von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Manche Arten reagieren sogar weit heftiger: Kiebitz, Singdrossel, Star und Hausrotschwanz galten noch bis vor wenigen Jahrzehnten als Zugvögel. Inzwischen verbringen sie den Winter immer häufiger in Mitteleuropa.

Es sind spezielle Gene, die für den Vogelzug zuständig sind, und wieder andere Gene für die Sesshaftigkeit, hat ein Forscherteam um Peter Berthold herausgefunden. Jeder Vogel trägt grundsätzlich beide Erbanlagen in sich, lautet nun die Hypothese des Ornithologen. Und gerade Kurzstreckenzieher können ihr genetisches Programm scheinbar verblüffend schnell verändern.

So hat die Mönchsgrasmücke innerhalb weniger Generationen neue Flugrouten und Winterquartiere im Erbgut gespeichert: Statt ins heiße Spanien oder nach Portugal fliegt sie nun mit Vorliebe nach England, um zu überwintern. Berthold spricht in diesem Zusammenhang von "Mikroevolution".

Höchst problematisch ist der Treibhauseffekt hingegen für klassische Langstreckenflieger. Wenn die polaren Eiskappen weiter abschmelzen und die Meeresspiegel ansteigen, werden Marschgebiete, Tundren und Wattlandschaften im Wasser verschwinden. Die Tiere finden dann kaum noch Rastplätze. Darüber hinaus rechnen die Wissenschaftler mit der Versteppung und Verwüstung weiter Landstriche Afrikas.

Die Marathonflieger können sich nur sehr langsam auf die neuen Klimabedingungen einstellen und neue Flugrouten wählen. "Sie haben eine geringere genetische Variabilität", sagt Berthold. Damit es diese Vögel schaffen, Sahara und Mittelmeer zu überqueren, ist etwa die Distanz der zu bewältigenden Flüge sehr genau im Erbgut gespeichert, erklärt der Ornithologe. "Kleinste Abweichungen könnten den Tod bedeuten."

Für klassische Langstreckenflieger wie Nachtigall, Pirol, Gartenrotschwanz, Grauschnäpper und Rauchschwalbe brechen harte Zeiten an. Die verschärfte Konkurrenz durch die flexibleren Kurzstrecken- und Teilzieher sowie die - immer stärker zunehmenden - sesshaften Vögel führt nämlich auch zu einem Verlust an Brutgelegenheiten in der Heimat. Kehren die Marathonflieger erschöpft aus dem Süden zurück, sind die besten Reviere bereits besetzt. Bei der Dorngrasmücke etwa ist die Population in den vergangenen zwanzig Jahren bereits um 90 Prozent zurückgegangen. Ein Artensterben scheint programmiert.

Die Vogelzüge werden auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Ansicht vieler Ornithologen längerfristig sogar vollständig zum Erliegen kommen. Die Schwalben haben dann als Boten des Frühlings ausgedient. Und auch der Anblick von in Keilformation ziehenden Wildgänsen wird Geschichte sein, sagt Peter Berthold. Vielleicht ist dann der Windkanal von Seewiesen eine der letzten Möglichkeiten, unsere Zugvögel aus Afrika heimkehren zu sehen. Wenn auch nur unter Laborbedingungen.

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