Gesundheit : Volldampf auf Zeit

Die ehemalige Hamburger Finanzsenatorin Nümann-Seidewinkel leitet die Fusion der Berliner Hochschulkliniken ein

Uwe Schlicht

Sie wirkt wie eine Dame aus besten hanseatischen Kreisen. Und wenn man nach ihrer Erscheinung auf ihren Beruf schließen würde, könnte eigentlich nur die Rolle einer Wissenschaftlerin oder Intellektuellen als angemessen erscheinen. In Wirklichkeit ist Ingrid Nümann-Seidewinkel eine erfahrene Politikerin, Juristin und ausgewiesene Finanzexpertin. Sie soll jetzt in Berlin die noch vor einem Jahr undenkbare Aufgabe übernehmen, für eine Übergangszeit von nicht genau bestimmter Dauer die Universitätsklinika Charité und der Freien Universität sowie die beiden medizinischen Fakultäten zusammenzuführen.

Wenn es nach Nümann-Seidewinkel geht, packt sie schon zum Jahresende wieder die Koffer, um nach Hamburg zurückzukehren. Man merkt ihr an, dass sie sich selbst und den Berliner Medizinern keine Zeit lässt. Kaum hatte sie gestern aus den Händen von Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) die Ernennungsurkunde als Vorstandsvorsitzende erhalten, die künftig die Sitzungen der Klinikumsvorstände von Charité und FU leiten wird, da rief sie schon die Klinikumsvorstände zur ersten Sitzung zusammen. Und ganz im Stil der ehemaligen Finanzsenatorin der Hansestadt Hamburg in der rot-grünen Regierung unter ihrem Ersten Bürgermeister Ortwin Runde verglich sie die Fusion der beiden Klinika mit der von zwei Banken und forderte als Erstes: „Eine Eröffnungsbilanz muss her.“

Controlling und Computer

Schlagkräftig will sie sein und Entscheidungen nicht nur in hohem Tempo treffen, sondern auch umsetzen. Weiter im Stil der ehemaligen Finanzsenatorin, die es in Hamburg geschafft hatte, der Hansestadt erstmals seit Jahrzehnten einen ausgeglichenen Haushalt zu präsentieren, forderte sie ein systematisches Controlling für alle Kosten und Erträge der Berliner Hochschulmedizin. Oberstes Prinzip ist für sie, dass sich die Krankenversorgung auch unter den künftigen Fallpauschalen erfolgreich am Markt bewähren muss. Außerdem wünscht sie sich ein modernes Computersystem, um die Verwaltung möglichst klein zu halten.

Nümann-Seidewinkel geht der Ruf einer strengen Sparkommissarin voraus. Dies dürfte ein Grund gewesen zu sein, warum sie vom Berliner Senat in die Expertenkommission zur Neuordnung der Berliner Hochschulmedizin berufen wurde. Bekanntlich hatte diese Expertenkommission den Auftrag, 98 Millionen Euro beim Staatszuschuss für Forschung und Lehre in der Hochschulmedizin zu sparen. Statt wegen dieser hohen Einsparvorgabe das Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität dem Rotstift zu opfern, hatte die mit auswärtigen Medizinern besetzte Expertenkommission die Fusion der medizinischen Fakultäten von Charité und Freier Universität empfohlen. Nichtmedizinerin in diesem Kreis war Nümann-Seidewinkel. Nach ihren Motiven befragt, warum sie jetzt in der Übergangszeit die Vorstandsposition übernehmen will, sagte sie, es reize sie, an der Umsetzung der Empfehlungen der Experten mitzuwirken, bis das endgültige Medizinstrukturgesetz in Berlin verabschiedet worden sei. Ohne die starke Position der Vorsitzenden hätte sie ein solches Amt auch nicht übernommen. Die Klinikumsvorstände können gegen ihr Votum nichts durchsetzen, sie führt die Geschäfte.

Auf neutralem Boden

Die erste Personalversammlung hat sie bereits für diesen Donnerstag auf neutralem Boden in der Technischen Universität anberaumt. Mit den Personalräten will sie vertrauensvoll zusammenarbeiten – und ebenso mit der Presse. Bei den schwierigen Entscheidungen, die bevorstehen, will sie für die nötige Transparenz sorgen. An die Evergreens der ungelösten Probleme in Berlin will sie nur teilweise herangehen: Über die Zukunft des Bettenhochhauses der Charité in Mitte möchte sie nicht entscheiden, wenn es aber Geld in die Kassen zu holen gilt, drängt sie auf Eile. So kann sie sich durchaus vorstellen, noch bis zum Jahresende über eine Teilnutzung von Flächen der Charité durch das Bundeswehrkrankenhaus oder andere Interessenten zu entscheiden.

Neugierige Journalisten können sich bei so viel Elan nicht vorstellen, dass Nümann-Seidewinkel nur für eine Übergangszeit die Rolle der Vorsitzenden spielen will. Die bald 60-jährige Politikerin im einstweiligen Ruhestand antwortet mit entwaffnendem Lächeln, in der Übergangszeit liege ja gerade der Charme dieser Position, und im Übrigen habe sie ihrem Mann versprochen, nach einem halben Jahr endgültig in den Ruhestand zu gehen.

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