Gesundheit : Vom Charme der Beständigkeit

Karl-Heinz Heinemann

"Schulleiter werden zu Managern", so verkaufte Gabriele Behler, Kultusministerin in Düsseldorf, im Frühjahr den Schulversuch "Selbstständige Schule". 300 Modellschulen sollen ihren eigenen Etat verwalten, ihr Personal selbst einstellen, ja, selbst die Stundentafel eigenständig gestalten. Das hatten die Fraktionen der rot-grünen Koalition in NRW Ende letzten Jahres beschlossen.

Wer nun dachte, die Bewerber würden sich drängen, hatte sich geirrt. Bisher wurden nicht mehr als 200 Schulen von ihren Schulträgern gemeldet. Und am 15. November ist offiziell Anmeldeschluss. Dabei sah es zunächst so aus, als ob die Begeisterung für die neue Selbstständigkeit kaum zu bremsen sein würde. In Köln beispielsweise will die Schulverwaltung 40 Schulen in den Versuch einbeziehen - doch nur in zweien ist das Kollegium einverstanden. Und die Unterstützung durch Lehrer, Schüler und Eltern ist eine der Anmeldebedingungen.

Die teilnehmenden Schulen bekommen Freiheiten, wie sie bisher nur Privatschulen hatten: Ob es wirklich noch Unterricht im 45-Minuten-Takt gibt, ob Schüler zu Hause am vernetzten Computer lernen oder in einem Betrieb, ob Einzelleistungen oder Gruppenarbeiten bewertet werden, all das soll ihnen künftig frei stehen.

Der Versuch setzt fort, was vor fünf Jahren mit dem Modellprojekt "Schule & Co." begonnen wurde: In den zwei Modellregionen Herford und Leverkusen nahmen 52 Schulen teil. Im Zentrum steht das eigenverantwortliche Arbeiten. Lehrer lernen, wie sie Unterricht nicht mehr als Alleinunterhalter veranstalten, sondern als Moderatoren, die den Schülern das Lernen und Arbeiten überlassen. Erfolgreich ist das Modell deshalb, weil es mit einer gründlichen Reform des Schulmanagements verknüpft ist: Eine Unternehmensberatung vermittelt Managementkenntnisse. Inspiriert und geleitet wurde der Versuch von der Bertelsmann-Stiftung.

Wolfgang Löw, Schulleiter eines Leverkusener Gymnasiums, das am Bertelsmann-Schulversuch teilnimmt, erhofft sich von dem weitergehenden Projekt "Selbstständige Schule" noch ganz andere Möglichkeiten. Dann muss er beispielsweise nicht mehr statt eines Mathelehrers, den er ohnehin nicht bekommt, den angebotenen Deutschlehrer nehmen, sondern er kann jemanden einstellen, der das Computernetzwerk der Schule wartet und so den Informatiklehrer entlastet. Der Informatiklehrer stünde dann auch für den Mathematikunterricht zur Verfügung. Grenzen setzen nur noch das Tarif- und Beamtenrecht. "Die Schule kann sich ihr Lehrpersonal selbst aussuchen. Die Schulleitung schreibt die dienstlichen Beurteilungen und beschließt Beförderungen. Sie kann aber auch einen Angestellten einstellen statt eines Beamten, wenn der besser zu ihr passt", erklärt Wolfgang Meyer-Hesemann, Schul-Staatssekretär in Düsseldorf.

Zunächst große Begeisterung

In einem eigenen Gesetz werden "Öffnungsklauseln" eingeführt, die Abweichungen vom Personalrecht, von Stundentafeln und Lehrplan legitimieren. Das Land zahlt seine Personalmittel für die Lehrer in das Schulbudget ein, der örtliche Schulträger gibt die Gelder für Hausmeister und Putzhilfen, für Anschaffungen und Renovierungen.

Bei den Schulleitern war die Begeisterung zunächst groß. "Dann bin ich endlich den Ärger mit dem Personalrat los", meint der Leiter einer Gesamtschule. Statt des Bezirkspersonalrats sollen die bisher vor allem für die Organisation von Lehrerausflügen und Weihnachtsfeiern zuständigen Lehrerräte die gesetzlichen Mitwirkungsaufgaben übernehmen. Wenn es darum ging, kurzfristig Vertretungslehrer einzustellen oder einen Kollegen befristet an eine andere Schule abzuordnen, habe sich der Personalrat immer als Bremser betätigt, meint der Sprecher des Kultusministeriums. Genau diese Bremserfunktion nimmt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gegenüber dem Projekt von mehr Selbstständigkeit ein: Sie kritisiert den Abbau von Mitbestimmung und fürchtet selbstherrliche Autokratie von inkompetenten Schulleitern. Die Verlagerung der Personalratskompetenzen in die Schulen ist für die GEW ein unverdaulicher Brocken, denn viele ihrer Funktionäre sind zugleich Personalratsmitglieder.

Mit ihrer Kritik steht die GEW nicht allein. Walburga Schröder, Vorsitzende des gymnasialen Landeselternrats, sieht in dem Projekt eine Spielwiese für organisationsbesessene Direktoren. Das Projekt werde Millionen kosten, aber im Endeffekt den Unterrichtsausfall nicht mildern. Das sind Einwände, die von der oppositionellen CDU gern aufgegriffen werden.

Schulleiter aus abgelegenen Regionen, dem Teutoburger Wald oder der Eifel, fürchten, dass zwar die Gymnasien in Köln und Düsseldorf genug Bewerber zur Auswahl haben, die Landschulen dagegen müssten mit den übrig gebliebenen Bewerbern vorlieb nehmen, wenn sie überhaupt noch Lehrer bekommen.

Das Bild vom Schulleiter als Manager eines mittelständischen Unternehmens hätte man sich besser verkniffen, meint man heute in Düsseldorf. Staatssekretär Meyer-Hesemann wird nicht müde zu betonen, dass es bei der "Selbstständigen Schule" in erster Linie um die Verbesserung der Qualität des Unterrichts geht, und nicht darum, dass Schulleiter künftig die Angebote der Malermeister prüfen, die die Turnhalle streichen sollen. Nicht nur die einzelnen Schulen sollen künftig mehr Verantwortung tragen, sondern auch die kommunalen Schulträger. Sie sollen die "regionale Bildungslandschaft" vernetzen, also die Zusammenarbeit mit anderen Bildungsträgern, mit der Jugendhilfe und mit Betrieben organisieren.

Misstrauische Lehrer

Von Anfang an wollte man einen kompetenten Partner für diesen Großversuch. Das konnte nur die Bertelsmann-Stiftung sein. Sie richtet das Projektbüro ein und stellt den Projektleiter. Der bringt seine Erfahrungen aus dem Projekt "Schule & Co" mit. Und die besagen: Ohne ein "starkes Team" von Lehrkräften lässt sich ein so großes Reformvorhaben nicht stemmen. Warum ist die Bereitschaft der Lehrer zur Beteiligung so gering, wie zum Beispiel in Köln? Ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber allem, was von oben kommt, vor allem von der Schulministerin, macht sich auch gegenüber der "Selbständigen Schule" fest. Eine bessere Informationspolitik und eine ruhige Hand gegenüber den Lehrerverbänden erhofft man sich nicht nur bei der Bertelsmann-Stiftung von der Schulministerin. Erst einmal Unterstützung gewinnen, Lehrer und Schulleiter nicht überfordern, ist daher die Devise der Bertelsmann-Stiftung. Deswegen sollen zunächst nur die Schulen in den Genuss der personellen und finanziellen Freiheiten kommen, die schon am Bertelsmann-Projekt "Schule & Co." teilgenommen haben.

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