Gesundheit : Vom Ende eines Anfangs

JESSICA SÄNGER

Mit hohem Fieber sitze ich im Zug.Ich muß auf dem schnellsten Wege nach Berlin, um die einzige Feriensprechstunde meines Linguistikdozenten wahrzunehmen, für die er die Rückgabe und Besprechung der Hausarbeiten angekündigt hat.Ich schleppe mich zur Uni, der Prof begrüßt mich freudig und setzt in aller Ruhe Kaffee auf, um mir dann mit einem süffisanten Lächeln zu eröffnen, daß er es noch nicht geschafft hat, die Arbeit zu korrigieren.Abgegeben hatte ich sie mit meiner Co-Autorin vor über einem Monat! Vielleicht waren 32 Seiten doch ein wenig viel für ihn.

Der Semesteranfang rückt näher, und es geht um die letzten Scheine meines Studiums an der FU.Doch als ich mich zu einem vierstündigen Seminar mit dem Thema meines Prüfungsschwerpunktes anmelden will, ist die zuständige Sekretärin bereits im Urlaub und die Teilnehmerliste ist voll.Egal, es gibt ja noch andere Seminare.Und so fange ich schon an, mir in Gedanken neue Prüfungsgebiete zu suchen.

Eine Woche später ist es soweit: der erste Semestertag.Wohl präpariert und voller Elan komme ich zur Uni, doch das winzige Institut, in dem ich meinen "fachfremden Schein" ableisten soll, ist verschlossen, und die Vorbesprechung des Seminars ist um eine Woche verschoben, da der Dozent noch auf Reisen ist.Das nächste Seminar auf meinem mühevoll zusammengestellten Stundenplan findet auch noch nicht statt, weil es Terminschwierigkeiten gibt.Am Schwarzen Brett hängt ein Zettel, auf dem man uns wissen läßt, daß neue Terminvorschläge bis nächste Woche eingereicht werden können.Auch für das begleitende Exkursionsseminar müssen Ort und Zeit erst in der folgenden Woche bei einer "Vorbesprechung" diskutiert werden.Fazit des ersten halben Unitages: Von dreien meiner fünf Seminare ist zu Semesterbeginn noch nicht bekannt, wann, wo und ob sie überhaupt laufen werden!

Am Abend dann eine Entschädigung: ein Hauptseminar, das mit der ersten angekündigten Sitzung auch tatsächlich stattfindet, und was noch erstaunlicher ist, ein Dozent, der sehr gut vorbereitet ist.Doch: Ich bin die einzige von 30 Studierenden, die sich bereits die Textgrundlage dieses Seminars besorgt hat (es ist mir bis zum Koma peinlich!).Trotz allem ist es eine interessante Sitzung, da der Dozent sich über die Kürzungen unserer Bibliothek ausläßt, die dieses Semester nur noch mit 38 Prozent ihres bisherigen Etats auskommen muß.In düstersten Farben schildert er die für uns relevanten Studienveränderungen.Die teure Fachliteratur des letzten Semesters wurde bereits - diebstahlsicher - im Tresor eingeschlossen und sämtliche Neuanschaffungen bis auf weiteres gestrichen.Während der Dozent nun über die innere Zerrissenheit Schillers referiert, kann ich mich plötzlich einer gewissen Identifikation nicht erwehren.

Ausgelaugt komme ich um neun Uhr abends nach Hause, wo mein Freund sich mißmutig den Frust seines ersten Unitages von der Seele redet.Unsere Berichte gleichen sich.In seinem kleinen Institut fällt der Großteil der Hauptseminare aus, weil der einzige Ordinarius plötzlich alle obligatorischen Sprach-Grundkurse, für die keine Stellen bewilligt worden sind, übernehmen muß.Wir sind beide deprimiert und schon nach dem ersten Tag jeglicher Freude am Studium beraubt.Es muß wohl vielen so gehen, denn die Nummer zur Anmeldung für das Seminar über "Motivationsprobleme im Studium" war heute Vormittag drei Stunden lang belegt (danach war das Sekretariat geschlossen!).

Ein neuer Tag mit neuen Veranstaltungen.Der zweite Unitag dieses Semesters.Ich laufe schnell zum Bus, in einer Stunde fängt die erste Vorlesung an.Das Auditorium ist voll, doch die Dozentin kommt einfach nicht.Nach einer halben Stunde Warten packe ich meine Sachen und fahre entnervt wieder eine Stunde lang zurück nach Hause.Morgen werde ich erneut um acht Uhr an der Uni sein und versuchen, doch noch einen Platz in dem Seminar zu ergattern, für das die Teilnehmerliste schon voll und die Sekretärin noch im Urlaub ist.

Die Autorin studiert Lateinische Philologie und Germanistik auf Lehramt.Mittlerweile hat sie die ungastliche Berliner Universität verlassen und studiert in Tübingen.

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