Gesundheit : Vom Fan zur Frau

Rollenspiele beim Erwachsenwerden: Mädchen, die für Girl Bands und Boy Groups schwärmen, üben für später

Sandra Löhr

Jeder kennt die Bilder: Kreischende Fans, die bei Popkonzerten ohnmächtig zusammenbrechen, wenn die Boy Group auf die Bühne kommt. Aufgeregte Teenager mit Zahnspangen, die eine Hotel-Lobby belagern, wenn sich ein Star in der Stadt aufhält. 12-Jährige, die ihre Nachmittage damit verbringen, die Tanzformationen und das Make-up der „No Angels“ nachzuahmen. Was vielen Eltern oder Erwachsenen entweder ein ironisch-amüsiertes Lächeln abringt oder sie ärgert, weil den Kindern von der Popindustrie viel Geld für teure CDs, Konzert-Tickets und Fanartikel abgeknöpft wird, hat die Erziehungswissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin Bettina Fritzsche jetzt in einer Studie untersucht, für die sie rund 30 Mädchen interviewte. Dabei kam sie zu überraschenden Ergebnissen.

Denn offenbar ist die Begeisterung von 10 - bis 17-jährigen Mädchen für Boy Groups und Girl Bands weder schädlich noch nutzlos. Im Gegenteil. Sie können sogar für Mädchen in der schwierigen Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden hilfreich sein.

Spielerische Identifikation

Bettina Fritzsche arbeitete vor ihrer Dissertation drei Jahre lang als Sozialpädagogin mit verschiedenen Mädchengruppen. Das war Mitte der Neunzigerjahre, und Retorten-Gruppen, wie „Backstreet Boys“ und „Spice Girls“ schossen gerade wie Pilze aus dem Boden. Fritzsche beobachtete die Mädchen dabei, wie die sich mit den unterschiedlichen, oft holzschnittartigen Charakteren der einzelnen Bandmitglieder beschäftigten und sich durch Nachahmung von Gesten, Kleidung und Tanzschritten spielerisch mit ihnen identifizierten. Eine besondere Rolle nahmen dabei die Girl Groups ein. Bands, die aus mehreren jungen Frauen bestehen, von denen jede einen bestimmten Typus darstellt: Sportlich, verträumt, ausgeflippt oder rebellisch, wie bei den englischen, mittlerweile aufgelösten, „Spice Girls“. Die Mädchen tauschten bei der Beschäftigung mit ihren Stars immer wieder die Rollen, so dass jede von ihnen einmal eine andere sein konnte und variierten die Typen auf ihre eigene Art und Weise. „Ich wollte mich mit den Mädchen beschäftigen, weil sie mit diesem Verhalten den Schritt von der Kindheit in das Jugendlichenleben gehen und erste Identitäts- und Weiblichkeitsentwürfe ausprobierten“, fasst Bettina Fritzsche das Thema ihrer Doktorarbeit zusammen.

Im Vergleich zur Techno- und Hip-Hop- Kultur, die eher männlich dominiert ist und in den letzten Jahren ein verstärktes sozialwissenschaftliches Interesse auf sich gezogen hat, sind fankulturelle Aktivitäten von Mädchen in der Pop-Kultur in der Forschung bisher wenig beachtet worden. Dabei ist für viele junge Mädchen das „Fan-Sein“ offenbar eine Übung, um sich mit den Anforderungen des Erwachsenwerdens auseinander setzen und zwar besonders mit denjenigen Anforderungen, die mit der Geschlechtsidentität verknüpft sind. Denn der Übergang von der Kindheits- in die Mädchenphase geht oft mit massiven Verunsicherungen und einer Krise des Selbstbewusstseins einher. Die Mädchen stehen plötzlich einer neuen, komplizierten Welt voller geheimnisvoller Regeln gegenüber. Wie reagiere ich auf Jungen? Was muss man anziehen? Wie sich bewegen, um der scheinbaren Rolle einer Frau gerecht zu werden?

Girl Groups übernehmen in dieser Phase einerseits eine Vorbild-Funktion, ähnlich einer großen Schwester, andererseits eröffnet die Beschäftigung mit ihnen einen Experimentierraum, in denen man sich mal als verführerisch, selbstbewusst oder aufmüpfig erleben kann, ohne dass diese Konstruktionsversuche verschiedener Identitäts- und Weiblichkeitsentwürfe im Alltag oder späteren Leben Bestand haben müssen.

Während die Girl Groups also als eine Art Laborwerkstatt dienen, werden mit den Boy Groups die Feinheiten der romantischen Liebe geübt oder durch Nachtanzen der männlichen Bewegungsabläufe, ein Wechsel der sozialen Geschlechterrolle ermöglicht. Mädchen probieren sich in diesem Feld dann gerne als Jungen aus.

Madonna: „Express yourself“

„Fansein hat ja eine große Ähnlichkeit mit dem Gefühl von Liebe“, sagt Bettina Fritzsche. Die intensive Beschäftigung mit den Stars kann eine Nähe vortäuschen, die im Bedarfsfall mit einem Knopfdruck des CD- oder DVD-Players ausgeschaltet werden kann. Anders als in einer Partnerschaft, in der es darum geht, Kompromisse zu finden, behält der jugendliche Fan hier die Kontrolle über Nähe oder Distanz zu der angebeteten Person. Die Unerreichbarkeit der Stars wird dabei meistens nicht als störend empfunden.

„Irgendwie ist es ein Reiz, dass man die nicht erreichen kann“, findet die 13-jährige Antje, die schon früh begann, sich mit der Welt der Pop-Stars zu beschäftigen. Ein Phänomen, dass Bettina Fritzsche bei ihren Interviews öfter begegnete. Lag beispielsweise das Eintrittsalter für Bravo- oder Popcorn-Leser früher bei elf bis zwölf Jahren, sind es heute schon achtjährige Mädchen die zur Zeitschrift greifen.

Auch mit den Zeiten, als Pop noch Rebellion war, hat die Jugendkultur um die Boy Groups und Girl Bands nur noch sehr wenig zu tun. Bedeutete Pop für Jugendliche einst so etwas wie Widerstand gegen den gesellschaftlichen Konformismus, bringt diese Jugendkultur es fertig, Rebellion und Anpassung zu vereinen. Die paradoxe Botschaft der Bands lautet daher: „Sei anders, sei individualistisch, sei rebellisch – nur dann gehörst du dazu!“

Der Zwang zum Individualismus ist damit größer geworden und die Persönlichkeitsentwicklung, die in Rebellion gegen gesellschaftliche Anforderungen erfolgt, ist mittlerweile selbst ein normiertes Leitbild, das es zu erreichen gilt. Madonnas Song aus den Achtzigern „Express yourself“ erhält somit fast einen drohenden Unterton. Denn was ist, wenn es im jugendlichen Fan gar nichts gibt, was sich ausdrücken möchte, weil er in diesem Alter meistens nur nach einem Vorbild sucht, an dem er sich orientieren kann?

Deswegen sind für die Mädchen auch die selbst geschaffenen Freiräume am wichtigsten, die sich mit der Fankultur erleben lassen. Es wird zusammen getanzt, es werden Motto-Partys veranstaltet und alles gesammelt und getauscht, was es von den jeweiligen Bands gibt. Dadurch benutzen die Mädchen die Medien nicht nur als passive Konsumenten vorgefertigter Produkte, sondern nehmen die Angebote der Massenmedien als eine Art Steinbruch für ihre selbst zusammengebastelte Fan-Kultur. Die Bands sind dabei keine entfernten Idole für sie, sondern werden Fantasiegestalten, die mühelos in die eigene Welt geholt werden. „Die Fankultur bringt nicht unbedingt Widerstand hervor, sie macht aber eigensinnige und widerständige Handlungen möglich“, so Bettina Fritzsche. „Die Mädchen schaffen sich ihre eigenen Räume und das ist für den Prozess der langsamen Emanzipation von den Eltern ganz wichtig.“

Und wer sich als Erwachsener wegen der oft klischeehaften Identitäts- und Weiblichkeitsentwürfe sein Unbehagen nicht verkneifen kann, der kann beruhigt sein. Denn irgendwann lässt die Faszination für die etwas einfach geschnitzten Vorbilder auch wieder nach. Spätestens mit 16 oder 17 Jahren finden die meisten Mädchen die Bands einfach nur noch „doof“.

Bettina Fritzsche: „Pop-Fans – Studie einer Mädchenkultur“. Verlag Leske + Budrich, Opladen, 2003. 289 Seiten. 19,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar