Gesundheit : Vom Maschinenschlosser zum Atom-Sezierer - Der Pionier der Elektronenmikroskopie wurde 80

Gert Lange

Manchem auf gelehrtes Ansehen bedachten Wissenschaftler mag Heinz Bethges Auftreten in den akademischen Gremien immer etwas rätselhaft erschienen sein. Er hielt sich gern zurück, schmauchte seine Pfeife und hinterließ eher den Eindruck einer Vaterfigur als den eines Institutsdirektors. Sprach er dann doch über Kristallphysik oder Forschungsstrategie, wurde seinem Urteil besondere Wertschätzung zuteil.

Als der 1919 in Magdeburg geborene seine Maschinenschlosser-Lehre begann konnte sich niemand vorstellen, dass er von 1973 bis 1990 Präsident der deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina werden würde. Abitur als Externer, Studium der Technik in Köthen, Berlin und Halle, unterbrochen durch Wehrmacht und Gefangenschaft, waren die nächsten Etappen.

Die Akademie der Wissenschaften der DDR beauftragte ihn 1960, in Halle eine Arbeitsstelle für Elektronenmikroskopie in einer verfallenen Gaststätte zu gründen. In einer Hälfte des Tanzsaales arbeitete die "Mannschaft", von der Bethge lobend sprach, in der anderen war die Mensa der Studenten untergebracht. 1969 konnte das Institut für Festkörperphysik und Elektronenmikroskopie auf dem Hallenser Weinberg gebaut werden, dem Bethge zu hohem internationalen Ansehen verhalf. Unmittelbar nach der Wende ging daraus das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik hervor. Im Flur des Gebäudes war lange Zeit ein seltsamer Raumschmuck zu bewundern: das erste in der DDR gebaute Elektronenmikroskop. Jedes Teil hierfür hatte Bethge selbst gezeichnet; mit den Mechanikern wurde tagelang probiert, wie die Linsenelektronen, die man damals bevorzugte, am besten zu polieren wären. Später wurde ein japanisches Höchstspannungs-Elektronenmikroskop gekauft, mit dem die bedeutenden Entdeckungen gelangen: An realen Kristallen konnte zum ersten Mal der Ab- und Aufbau einzelner Atomlagen sichtbar gemacht werden. Die abbildende Oberflächenanalyse, für die Herstellung dünner Schichten ganz wichtig, leitete eine neue Ära der experimentellen Mikroskopie ein.

"Ein Gerät allein macht es nicht", davon ist Heinz Bethge überzeugt. Auf die Fragestellung kommt es an, und es muss scharf gefragt werden." Dazu brauche man die Anforderungen aus der Praxis, die die Probleme stelle. "Die Wissenschaft wiederum darf ihre Vornehmheit nicht auf die Spitze treiben, indem sie experimentell nur vom Markt lebt." Im vergangenen Jahr ist Heinz Bethge mit dem Nationalpreis ausgezeichnet worden, gestern feierte er seinen 80sten Geburtstag.

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