Gesundheit : Vom Mittelalter zur Love Parade

Brillanter Geschichtserzähler: Der französische Historiker Jacques Le Goff wird 80 Jahre alt

Wolfram Eilenberger

Stellen wir uns vor, mit dem Neujahrstag würden sämtliche Bücher, Dokumente, Inschriften und Datenbanken des Abendlandes durch einen unbekannten Zauber ausgelöscht. Dem alten, schriftgelehrten Europa blieben nur seine Sprachen und Gewohnheiten zur lebendigen Erinnerung. Die Menschen würden umgehend mit dem Erzählen von Geschichten über ihr gemeinsames europäisches Erbe beginnen. Nicht alle Geschichten wären gleich relevant, informiert und wahrhaftig. Nur eine kleine Schar gedächtnisstarker Spezialisten wäre in der Lage, der überaus aktuellen Rede von einem „alten Europa“ einen wirklich historischen Sinn zu verleihen, indem sie dem Kulturraum bis ins 4. Jahrhundert nachgeht. Unter den lebenden Europäern wäre mit einer solchen Erinnerungsaufgabe niemand besser betraut als der französische Historiker und Mittelalter-Spezialist Jacques Le Goff, der am 1. Januar 80 Jahre alt wird.

Träume und Obsessionen

Le Goff stellt in seinen Forschungen nicht große Staatsmänner und ihre Taten in den Vordergrund, auch nicht Kriege oder die Entwicklung einzelner Staaten. In der Tradition seiner großen Vorgänger und Lehrer der Annales-Schule – Marc Bloch, Lucien Febvre und Fernand Braudel – konzentriert sich Le Goffs Geschichte vielmehr auf mittelalterliche Wirtschafts- und Sozialstrukturen, die Europas Werden bis heute prägen, auf tradierte Denkgewohnheiten, Feste und volkstümliche Bräuche, die langlebige kollektive Identitäten stifteten. Sein Augenmerk richtet sich auf damals wie heute handlungsprägende europäische Mythen, Träume, Ängste und Obsessionen.

Le Goffs Geschichte einer europäischen Mentalität, deren Wurzeln er im christlichen Mittelalter ausmacht, bewegt sich zwischen den Disziplinen. Sprachwissenschaft und Soziologie finden sich ebenso eingebunden wie Psychoanalyse, Wirtschaftswissenschaft und Biologie. So verband er einleuchtend Innovationen der Geldwirtschaft mit der kirchlichen Erfindung des Fegefeuers im 12. Jahrhundert. Oder er erzeugte eine überraschende Kontinuität von der Gestalt des Heiligen zum Ritter, vom Höfling bis zum rechtschaffenen Bürger oder vom Ideal städtischer Höflichkeit zur postmodernen Coolness. Vom mittelalterlichen Karneval führt Le Goffs informierter Einfallsreichtum ungebrochen zur Feierkultur in heutigen Fußballstadien und der enthemmten Körperlichkeit der Love Parade, vom befreienden Lachen der Volkskultur schließt er auf zum leeren Gekicher der Spaßgesellschaft.

Es ist nicht nur diese seltene Fähigkeit zum überraschenden Übergang und zur produktiven Synthese verschiedenster Disziplinen und Methoden, sondern auch seine klare Sprache und stilistische Brillanz, die Jacques Le Goff in den letzten 40 Jahren zum bedeutendsten französichen Historiker werden ließen.

Immer deutlicher formulierte Le Goff dabei das übergreifende Forschungsprogramm einer historischen Anthropologie: Sie untersucht die Geschichtlichkeit des Menschen, seine Selbstbeschreibungen und Handlungsdispositionen vor dem Hintergrund seiner biologischen, zivilisatorischen und nicht zuletzt medientheoretischen Voraussetzungen. Es konnte nicht ausbleiben, dass eine derart anspruchsvolle und komplexe Ausrichtung bei Le Goff auch in eine Problemgeschichte der Geschichtsschreibung führte. Das jeweilige wissenschaftliche Verständnis von Geschichte selbst wurde auf seine Voraussetzungen untersucht.

Le Goffs entschlossene Abwendung von großen politischen Ereignissen, seine Konzentration auf den mittelalterlichen Alltag, auf die vielfältigen Formen mündlicher Überlieferungen, auf die Geschichte der Körperlichkeit, des Festes und der Küche öffneten nicht nur der Mediävistik weltweit neue Wege, sondern bildeten auch erste Schritte zur Überwindung des Ethnozentrismus in der Geschichtswissenschaft und damit der bereits methodisch bedingten Kolonisierung fremder, noch ungeschriebener Geschichte durch die Europäer.

Trotz aller Dämonen und Besessenheiten, die das mittelalterliche Europa hervorbrachte und die unsere Kultur nach Le Goff bis heute nachhaltig belasten, sieht er den alten, mittelalterlichen Traum von Europa als einem politisch geeinten Kulturraum als ein unbedingt fortsetzungswürdiges Projekt. Neben dem Anti-Judentum, den Ideologien des reinen Blutes, der sündhaften Sexualität und unbewältigter Nationalismen, erkennt Le Goff vor allem das Bild des Orients als eine der langwierigsten und verheerendsten Fixierungen europäischer Mentalität.

In der alten europäischen Vorstellungswelt war der Orient nicht nur ein Ort der Wunder und des Mysteriums, sondern nach Le Goff vor allem ein Ort „aller Gefahren, aller Bedrohungen: Epidemien kommen von dort, und wenn es auch ganz am Ende, im äußersten Orient, hinter Indien, ein irdisches Paradies gibt, so leben hinter den Mauern die Völker der Apokalypse, und ein Tag wird kommen, an dem sie den Anti-Christ herbeibringen, die Mauern niederreißen und Europa erstürmen“, so schrieb Le Goff 1996 in seiner Schrift „Das mittelalterliche Europa und das Europa von morgen“. Und auch wenn, wie Le Goff dann fortfährt, der „Orient des Erdöls heute eine Obsession ganz anderen Inhalts ist, so steht sie doch in einer Linie mit dieser mittelalterlichen Fixierung“.

Wie leicht sich diese tief in unserer Mentalität verankerten Obsessionen wieder mobilisieren und im Verbund mit einer ebenfalls höchst mittelalterlichen Ideologie des „gerechten Krieges“ noch heute politisch instrumentalisieren lassen, hat die neueste Geschichte gezeigt. So hänge die Zukunftsfähigkeit des alten Europas humanistischer Werte, das Le Goff bereits in den Renaissancen des 9. und des 12. Jahrhunderts ansetzt, vor allem davon ab, ob es sich in Zukunft gegen seine eigenen Obsessionen erfolgreich zu schützen vermag.

„Manipulierte Bilder“

Ein höchst wirksamer Selbstschutz besteht mit Le Goff in der entschlossenen Kultivierung von wissenschaftlichen Tugenden, die bereits das alte Europa hervorbrachte. Zu diesen europäischen Kernerrungenschaften zählt nicht zuletzt „die historische Forschung, die den kritischen Umgang mit Quellen einschließt“. „Unsere Medien“, schreibt Le Goff, „täten gut daran, die Erfordernisse des kritischen Umgangs mit Zeugnissen nicht zu vergessen, anstatt uns mit gewalttätigen, wenn nicht sogar manipulierten Bildern zu erschlagen.“ Die monumentalen, in alle großen europäischen Sprachen übersetzten Werke des französischen Historikers bilden auch in dieser Hinsicht einen bleibenden Standard.

Neu erscheint Ende März in deutscher Sprache Jacques Le Goffs: Die Geburt Europas im Mittelalter. 320 Seiten, gebunden, Verlag C. H. Beck. 24, 90 Euro

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