Gesundheit : Vom Winde verweht

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Von Hartmut Wewetzer

Der 3. Juli 2002 war einer der vielen schwarzen Tage, den die europäische Pflanzen-Biotechnik in letzter Zeit erleben musste. Schon seit Jahren ist die „grüne“ Pflanzen-Biotechnik in Europa blockiert. Der kommerzielle Anbau ist verboten. Das Europäische Parlament ging nun noch einmal einen großen Schritt weiter: Es verschärfte die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Diese müssen jetzt auch gekennzeichnet werden, wenn sie sich in nichts von herkömmlichen Produkten unterscheiden, wie Zucker oder Öl. Und bereits bei einem Anteil von 0,5 Prozent an gentechnisch veränderten Lebensmitteln muss gekennzeichnet werden.

Aber Europa könnte zum Außenseiter werden. Denn die grüne Gentechnik ist andernorts im Aufwind. Das wiederum dürfte etliche Streitereien und Querelen mit sich bringen. Nämlich dann, wenn gestrenge europäische Gen-Jäger in Nahrungsmitteln verdächtige Erbanlagen oder ihre Spuren finden.

Weltweit wurden 2001 auf 52 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen geerntet. Das entspricht der Größe Spaniens. An der Spitze stehen die USA (68 Prozent der Anbaufläche), Argentinien (22 Prozent), Kanada (6 Prozent) und China (3 Prozent). Angebaut werden Soja (63 Prozent der Anbaufläche), Mais (19 Prozent), Baumwolle (13 Prozent) und Raps (5 Prozent).

Schutz gegen Schädlinge

Kommerziell angebaut werden bisher ausschließlich Pflanzen der „ersten“ Generation. Sie haben einzelne Gene in ihr Erbgut eingepflanzt bekommen, die sie gegen Unkrautvertilgungsmittel (Herbizide) oder Schädlingsbefall schützen. Diese Pflanzen können zwar den Verbrauch an Chemikalien verringern, haben aber keinen direkten Nutzen für den Käufer. Der bereits angepflanzte „Gen-Mais“ ist für den Verbraucher so gut oder so schlecht wie jede andere Maissorte auch.

Anders sieht es mit den Pflanzen der „zweiten“ und „dritten“ Generation aus. Sie enthalten mehr von bestimmten erwünschten Inhaltsstoffen, etwa von gesunden Fettsäuren, oder gleich ganz neuartige Eigenschaften - zum Beispiel die eines essbaren Impfstoffs. Aber diese Entwicklungen aus dem Biolabor sind noch nicht auf dem Markt.

Nie zuvor wurden Lebensmittel vor ihrer Vermarktung so intensiv getestet wie Produkte der grünen Gentechnik. Fest steht inzwischen, dass alles, was zugelassen ist, gesundheitlich unbedenklich ist. Anders als mitunter behauptet stellt das Einfügen eines Gens keine neuartige, bislang unbekannte Bedrohung dar. Unbedenklich heißt: gleichwertig mit herkömmlichen Pflanzen. Das Risiko der Über- oder Fehlernährung - das Hauptproblem der reichen Länder - besteht natürlich mit und ohne Gentechnik.

Bei der Suche nach Risiken konzentrieren sich die Wissenschaftler im Augenblick auf den „Genfluss“. Sie erforschen, welche Spuren (die Gentechnik-Gegner sprechen von „Verunreinigungen“) die neuartigen Pflanzen in der Umwelt hinterlassen und wie sehr die neuen Erbanlagen auf andere Organismen übergehen.

Seit es Lebewesen gibt, gibt es auch Genfluss. Das gilt auch für gentechnisch veränderte Pflanzen. Sie tauschen über den Pollen ihre Gene aus. Man weiß inzwischen, dass sich der Pollen dieser Pflanzen teilweise über Kilometer ausbreiten und andere Pflanzen bestäuben kann. Über einen solchen Fall berichtete die australische Ökologin Mary Rieger im Fachblatt „Science“ am Beispiel von Raps.

Gentransfer unvermeidlich

Der war zwar nicht gentechnisch verändert worden, enthielt aber auf herkömmliche Art erzeugte genetische Veränderungen, die ihn widerstandsfähig gegen Herbizide machten. Diese Eigenschaft breitete sich auf 63 Prozent der anderen Rapsfelder aus, mit einer Reichweite von bis zu drei Kilometern. Die Verbreitung war mit durchschnittlich 0,03 Prozent allerdings sehr gering.

Bereits im März 2002 veröffentlichte die Europäische Umweltagentur mit Sitz in Kopenhagen einen Bericht auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien, in dem sie zu dem Schluss kommt, dass der genetische Transfer via Pollen von Biotech-Pflanzen zu anderen Sorten oder verwandten Wildpflanzen unvermeidlich sei. Eine „genetische Reinheit“ verwandter Kulturpflanzen sei unter den gegenwärtigen Bedingungen in Europa nur schwer aufrechtzuerhalten.

Aber welche ökologische Bedeutung hat der Gentransfer? „Genfluss ist so normal und natürlich wie die Landwirtschaft selbst“, stellt die Zeitschrift „Nature Biotechnology“ fest. „Entscheidend für die Risikobewertung ist, was die Gene machen, nachdem sie sich ausgebreitet haben.“ Eine pauschale Antwort auf die Frage, wie gefährlich Genfluss für die Umwelt ist, gibt es nicht. Jede Pflanze und ihre Umgebung müssen für sich bewertet werden.

So hängt die Ausbreitung einer Erbanlage wesentlich davon ab, ob die Pflanze nahe Verwandte in der Umgebung hat, die zur gleichen Zeit blühen. Auch muss das Gen einen Überlebensvorteil bieten.

„Wir wissen noch zu wenig, deshalb sollten wir den Genfluss ernst nehmen“, sagt die Ökologin Allison Snow von der Ohio State University. Wenn es gute Gründe für die Annahme gebe, dass der mögliche Gentransfer Probleme mit Unkraut verschlimmere oder die Artenvielfalt gefährde, sei es besser, den gewerbsmäßigen Anbau einer transgenen Sorte hinauszuzögern, bis diese Fragen geklärt seien.

Aber Snow stellt auch fest: „Ein Gen ist ein Gen - soweit wir wissen, verhalten sich nachträglich eingefügte Erbanlagen genauso wie herkömmliche Pflanzengene, wenn sie auf andere Arten übergehen.“

Dem stimmt auch das Wissenschaftlerteam unter Leitung von Philip Dale vom John Innes Centre in britischen Norwich zu. „Wir können keine überzeugenden wissenschaftlichen Argumente finden, die zeigen würden, dass Gentech-Pflanzen sich grundsätzlich anders als herkömmliche Pflanzen verhielten“, schreiben die Forscher im Fachblatt „Nature Biotechnology“.

Auch Dale ist der Ansicht, dass jede Art von potenziellem Genfluss für sich bewertet werden muss. So ist Widerstandsfähigkeit gegen Pflanzenschutzmittel nur dort bedeutsam, wo dieses Mittel eingesetzt wird.

Dagegen kann ein Gen, dass vor Insekten schützt – wie das Bt-Erbmerkmal beim Gen-Mais – Pflanzen einen Überlebensvorteil verschaffen. Aber selbst diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. So entbrannte ein heftiger Streit über den wissenschaftlichen Gehalt einer Studie, die im November 2001 im Fachblatt „Nature“ erschienen war.

Darin behaupteten Forscher, „Fußspuren“ von genetisch verändertem Bt-Mais im Erbgut einer alten mexikanischen Maissorte gefunden zu haben - in ihren Augen eine potenzielle Gefahr für die genetische Vielfalt. Aber zumindest das Bt-Gen ist in Mexiko kein Vorteil für den Mais. Denn der mexikanische Maisschädling ist unempfindlich gegen das Bt-Gift, anders als seine europäischen oder nordamerikanischen Verwandten.

Besonders bedacht werden müssen nach Ansicht von Philip Dale und seinen Kollegen die ökologischen Folgen bei transgenen Nutzpflanzen, die Kälte aushalten oder auch in salzigen Böden wachsen können. Weil es sich um neuartige „Pflanzentypen“ handle, müsse man besonders sorgfältig die möglichen Folgen auf die Umwelt studieren. Allerdings sind solche Pflanzen erst in der Entwicklung.

Biobauern klagen

Aber der Genfluss taugt auch als Totschlag-Argument. „Eine gentechnikfreie Landwirtschaft muss auch in Zukunft möglich sein“, stellte kürzlich der grüne Umweltpolitiker Reinhard Loske fest.

Wenn aber jedweder Pollen „weit und weiter“ fliegt, wie die „Neue Züricher Zeitung“ feststellte, dann kann der völlige Verzicht auf gentechnisch veränderte Pflanzen - etwa in der Bio-Landwirtschaft - nur aufrechterhalten werden, wenn die grüne Gentechnik weiterhin verboten bleibt. Oder jedenfalls bis ans Ende aller Tage auf ihre Sicherheit geprüft wird und nie kommerziell angebaut wird.

In Kanada wurden die Saatguthersteller Monsanto und Aventis Cropsciense bereits von Biobauern verklagt, weil deren Raps-Ernte von „Gen-Raps“ verschmutzt war. Aber gibt es einklagbares Recht auf genetische Sauberkeit? Kann man etwas einfordern, für das man selbst den Maßstab (keine Gentechnik) aufgestellt hat?

Zündstoff für hitzige Debatten wird es auch künftig mehr als genug geben. Denn die grüne Gentechnik ist für die einen das Fundament zukünftiger Landwirtschaft, in der wegen des Bevölkerungswachstums immer mehr Ertrag gefordert wird. Umweltaktivisten und Biobauern lehnen sie dagegen grundsätzlich ab und bekämpfen sie, weil sie sie prinzipiell für riskant und überflüssig halten.

Europas Behörden greifen unerbittlich durch, wenn sie die „grüne Gefahr“ wittern. In der Schweiz wurden 1999 Hunderte Hektar mit Mais abgebrannt. Nicht etwa, weil dieser Mais gentechnisch modifiziert war, sondern lediglich, weil er mit fremden Genen „kontaminiert“ war. In Frankreich wurde vor zwei Jahren Raps auf einer Fläche von 600 Hektar vernichtet - auch dieser nicht etwa genetisch verändert, sondern nur „unrein“.

Am härtesten aber traf der Genfluss die Firma Aventis in den USA. Deren – gesundheitlich unbedenklicher – „Starlink"-Mais war zwar als Tierfutter, aber nicht für menschlichen Verzehr zugelassen. Spuren des genetisch veränderten Getreides fanden sich in Tacos und anderen Maisprodukten. Es folgte eine große Rückruf- und Vernichtungsaktion. Der Schaden: eine Milliarde Dollar.

„Es ist höchste Zeit, dass die Industrie den Genfluss ihrer Produkte ernst nimmt“, kommentiert das Fachblatt „Nature Biotechnology“. „Denn es sieht nicht so aus, als ob die Sorgen um die Umwelt verschwinden werden.“

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