Gesundheit : Von Bettelmönchen und Nomaden

Germanisten und Historiker ringen um die Anerkennung ihrer ungenauen Wissenschaften – seit den Gebrüdern Grimm

Steffen Richter

Was ist mit den Geisteswissenschaften in Deutschland los? Noch bis vor einem Jahr konnte kein Zweifel daran bestehen, dass die Bundesrepublik ihren Geisteswissenschaftlern immerhin eine symbolische Hochschätzung entgegen bringt. Die wertvollste Banknote, den 1000-DM-Schein, zierten die Konterfeis der Brüder Grimm. Die hatten bekanntlich nicht nur Kinder- und Hausmärchen gesammelt, sondern waren auch die Stammväter der Germanistik. Eine Rede, die Jacob Grimm 1846 in der Frankfurter Paulskirche hielt, gilt als Gründungsurkunde des Faches. Sie trägt den Titel: „Über den Werth der ungenauen Wissenschaften.“

Den Wert des ungenauen Wissens zu preisen, hatte sich auch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften vorgenommen, als sie jetzt zum „Tag der Geisteswissenschaften“ lud. Man wollte heraus aus der Schmollecke, den Legitimationsdruck gegenüber Elementarteilchenphysik, Biomedizin und Nanotechnologie endlich abstreifen. Jürgen Trabant, Romanist an der FU, versprach denn auch statt „Jammern“ eine „selbstbewusste Leistungsschau“ unter dem Motto: „Heiterkeit, Schönheit und Tiefe“.

Schönheit freilich hatte Kant als „interesseloses Wohlgefallen“ definiert. Die Geisteswissenschaften also hätten jeglichem Nutzen zu entsagen? Und schon befand man sich inmitten der traditionellen Frontstellung zu den Naturwissenschaften. Immer noch geistert Charles Percy Snows Zwei-Kulturen-Theorie von 1959 durch den Raum. Snow hatte damals polemisch auf ein reales Missverhältnis aufmerksam gemacht: Shakespeare gelesen zu haben, gelte sehr wohl als Kultur, den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu kennen aber nicht. Lieblingsfeind der meisten Geisteswissenschaftler ist auch heute noch Odo Marquardts Kompensationstheorie, nach der die Beschäftigung mit Literatur und Kunst vor allem den Zweck erfüllt, Modernisierungsschäden abzufedern.

Entlang der alten Dichothomie von Natur und Kultur bewegte sich die Auftaktdiskussion. Wolfgang Frühwald, Literaturwissenschaftler und Präsident der Humboldt-Stiftung, las die Geschichte der Wissenschaften als eine „Geschichte des Rückzugs der Sprache“. Von der Standard- sei sie zur Formel- und schließlich zur Computersprache verkommen. Der Zugang zur Wirklichkeit finde zunehmend sprachlos statt, das Experiment habe die Theorie hinter sich gelassen. Was Frühwald als eine nüchterne Bestandsaufnahme verstanden wissen wollte, verbirgt jedoch kaum den althergebrachten kulturpessimistischen Gestus. Denn Geschichts- und Kommunikationslosigkeit kann nur wittern, wer die (alten) neuen Paradigmen Bild und Musik einfach ausblendet. Dieter Simon beschrieb – nicht zum ersten Mal – die Geisteswissenschaftler in den Figuren von Bettelmönch, Kassandra und Hofnarr. Es bliebe ihnen nur, „Linien in den Sand zu ziehen und zuzuschauen, wie sie verwehen“.

Das ist brillant, gewiss. Doch liegt all den Verfallsgeschichten die seltsame Vorstellung zugrunde, wir kämen aus einem Goldenen Zeitalter des Geistes und der Sprache. Dabei ist die Rede von der Krise immer schon integraler Bestandteil der modernen geisteswissenschaftlichen Diskurse gewesen, wenn nicht ihr Stimulans.

Jüngere Fachkolleginnen brachten frischen, von kulturwissenschaftlichem Geist inspirierten Wind in die Debatte. Doris Kolesch, Romanistin und Theaterwissenschaftlerin an der FU, merkte kritisch an: Die Fahnenwörter Kritik, Orientierung, Sinnstiftung oder historische Selbstverortung würden nicht taugen, den Geisteswissenschaften zu einer einheitlichen Identität zu verhelfen. Ihre Stärke liege vielmehr in der Heterogenität, denn die mache recht eigentlich Kultur aus. Koleschs Plädoyer für die „Zirkulation der Begriffe und Methoden“ oder ihr Bild des Geisteswissenschaftlers als „Nomade“ sind tatsächlich eher geeignet, die betonierten Fronten aufzuweichen. Auch fällt es in diesem neuen, mobilen Koordinatensystem des Denkens leichter, die unauflösbare Verwobenheit von Natur und Kultur zu erkennen. War es in den großen Legitimationsdebatten am Ende der 80-er Jahre noch möglich, die Geisteswissenschaften auf die Hermeneutik als „Leitmethode“ einzuschwören, bröckelt dieser Konsens nun. Das kulturwissenschaftliche Selbstverständnis der neuen Forschergeneration speist sich aus einem erfreulich disparaten Spektrum, das von Gender- bis Postcolonial-Studies reicht.

Dass Schönheit und Nutzen sich nicht ausschließen müssen, bewies Stephan Seidlmayer, Leiter des Altägyptischen Wörterbuches an der Akademie. Er führte am Beispiel der Nilüberflutungen vor, wie die Natur das menschliche Denken schon seit Urzeiten in Bewegung setzte. Stefan Maul, Assyriologe aus Heidelberg, zeigte in seiner Vermessung der mesopotamischen Wissenskultur die Untauglichkeit unserer eigenen Perspektive für fremde Kulturen. Am nur scheinbar entlegenen Gegenstand führte er vor Augen, wozu geisteswissenschaftliche Arbeit nicht nur hilfreich, sondern unabkömmlich ist: der unabschließbaren Produktion von Verständnis und Toleranz.

Dass Geisteswissenschaften nicht beständig ihr Existenzrecht unter Beweis stellen müssen, dürfte spätestens nach der Pisa-Studie jedem einleuchten. Immer noch vermitteln sie Schlüsselqualifikation zur Beherrschung elementarer Kulturtechniken, die auch und gerade im Zeitalter elektronischer Medien nicht obsolet geworden sind. Für das, was unter der großen Flagge der Geisteswissenschaften segelt – von staubtrockener Textphilologie bis zu kunterbunter Kulturwissenschaft – war der „Tag der Geisteswissenschaften“ eine gelungene Werbeveranstaltung in eigener Sache.

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