Gesundheit : Von cool bis hot

TOM HEITHOFF

Die Jazzklassen der Hochschule der Künste geben heute ihr Jahreskonzert VON TOM HEITHOFF

"Wir wissen noch nicht, was wir übermorgen spielen", sagt David Friedman, Vibraphonist und Professor in der Jazzabteilung der HdK.Die Studenten seiner "Advanced Impro"-Klasse proben für das jährliche Abschlußkonzert. Die Auswahl fällt schwer."Welcher Vater kann schon sagen, welches seiner Kinder er am liebsten hat?" fragt Friedman lachend.Aber dann liegen da die Noten auf den Pulten.Es wird nicht lange überlegt, sondern gespielt.Anders läßt sich keine Entscheidung treffen. Der Schlagzeuger Maurice de Martin wirbelt ein Vorspiel auf dem Becken.Der Kontrabaß springt trocken herein, während das Piano ruhig und regelmäßig eine Phrase wiederholt.Als Trompete und Saxophon die Melodie einführen, ist der Rhythmus schon zu übermächtig, zu hektisch geworden.Friedman bricht ab: "Warum verdoppelst du die Baßlinie?" fragt er den Drummer.Es sei zuviel Groove für den Anfang, er wünscht sich etwas Komplementäres, mehr Klänge. "Seid ihr zufrieden?" fragt Friedman nach dem zweiten Durchlauf.Keine Begeisterung im Kellerprobenraum.Friedman hält das Stück in dieser Version einfach für zu lang."Es trägt nicht drei, vier Solisten".Man versucht es mit zwei Soli, Piano und Trompete, das genügt.Und tatsächlich, plötzlich blüht das Stück.Friedman ist zufrieden. Wie bringt man einen Musiker zum "richtigen" Improvisieren? Das, was zu improvisieren ist, steht nicht auf dem Blatt.Der Dozent kann folglich nicht die Umwandlung von Noten in Töne üben, sondern er muß die Stimmung erzeugen, die Improvisation ermöglicht."Ich kann nur Fähigkeiten erspüren und herauskitzeln, kurz: den Rahmen schaffen." Der Musiker muß nicht nur eigene melodische Ideen erschaffen, sondern auch mit den anderen Bandmitgliedern harmonische und rhythmische Spannungen und Auflösungen erzeugen."Das Geheimnis der Improvisation liegt im Verhältnis zwischen Anpassung an ein gemeinsames Grundkonzept und der Fähigkeit, selber spontan Impulse zu geben und aufzunehmen", sagt Friedman. Das nächste Stück beginnt mit einem langen Intro des Pianos.Auf einer absteigenden Linie gleiten Akkorde von jeder Melodie verlassen zu dem Anfangsthema der Komposition.An dieser Stelle sollen Drums und Baß einsteigen.Doch der Pianist macht den Übergang, den Tempowechsel zum Thema nicht deutlich genug, so daß der Drummer nicht weiß, wann er einsetzen soll.Viermal läßt Friedman diese Passage wiederholen. Sprung zu einer anderen Besetzung.Die Studenten der Abschlußklasse spielen ein Stück mit einer ruhigen, fast coolen Grundfarbe, das sich in regelmäßigen Abständen aufbäumt.Piano und Vibraphon grundieren mit warmen Akkorden, das Schlagzeug vibriert leise.Dann schälen Gesang und Vibraphon die zweistimmige Melodie heraus.Friedman achtet hier vor allem auf die Übergänge."Wenn das Vibraphon hineinkommt, wird das Piano schon von alleine zurückweichen".Er reguliert mit ausgebreiteten Armen die Lautstärke, dämpft nach einem Crescendo die Dynamik und legt wieder Spannung in den Klang. "70 bis 80 Prozent des Gespielten sind Improvisation", sagt Saxophonist Claas Willeke, "es gibt Themen, die immer wieder auftauchen, doch alles andere ist nicht vorhersehbar." Er ist sich sicher, daß kein Solo zweimal identisch gespielt wird.Alles hänge ab von der Stimmung des einzelnen, der Gruppe, dem Ort.Ob die Musiker wohl auch heute abend so gut gestimmt sind...? Das Konzert mit fünf Combos findet am Donnerstag um 19 Uhr 30 im Konzertsaal Bundesallee 1- 12 statt.Der Eintritt ist frei.Informationen zum Studium unter 3185 2100.

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