Gesundheit : Von den Bäumen runter

Ein drei Millionen Jahre altes Kinderskelett verrät, wie Frühmenschen lebten

Roland Knauer

Eine gewaltige Überschwemmung in der Tiefebene Äthiopiens keine zweihundert Kilometer vom Golf von Aden hat dem dreijährigen Mädchen wohl das Leben gekostet. Vom Hochwasser mitgerissener Sand und Schlamm begrub die Leiche unter sich. Das Sediment wandelte sich allmählich in Gestein. Es dauerte 3,3 Millionen Jahre, bis ein Teil des Schädels frei gewaschen wurde. Jetzt beschreiben Forscher im Fachmagazin „Nature“ (Band 443, Seite 296) den im Jahre 2000 entdeckten Fund als das älteste bekannte Skelett eines derart jungen Vorfahren des Menschen.

Einer der Autoren ist Zeresenay Alemseged vom Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie, der das Fossil fünf Jahre lang untersuchte. Sorgfältig klopfte der in Äthiopien geborene und ausgebildete Forscher ein winziges Stückchen nach dem anderen von den Knochen des Mädchens. Dann wusste er: Der Fund ist eine Sensation.

Ähnlich aufregend waren bereits 1974 die Überreste eines anderen Frühmenschen gewesen, die in der gleichen Gegend Äthiopiens gefunden worden waren. Die Forscher gaben ihm den Namen „Lucy“. Und da das jetzt entdeckte Mädchen etwa zur gleichen Zeit lebte und zur gleichen Frühmenschenart Australopithecus afarensis wie Lucy gehört, wurde das Mädchen eben „Lucys Kind“ getauft.

Lucys Kind könnte für die Frühmenschenforscher noch wichtiger als Lucy werden, meint Jean-Jacques Hublin. Der Franzose leitet am Leipziger MPI die Abteilung „Humanevolution“, in der auch Alemseged forscht. „Das Skelett von Lucys Kind ist fast vollständig, sogar winzig kleine Knöchelchen sind noch da, die sonst fast nie erhalten bleiben“, sagt Hublin. Vollständige Skelette von jungen Frühmenschen sind daher sehr selten. Der nächste vergleichbare Fund liegt mehr als drei Millionen Jahre näher an der Gegenwart. Es handelt sich um ein Neandertaler-Kind, dessen Überreste in Syrien gefunden wurden. Berühmt ist auch das 1924 in Südafrika gefundene ebenfalls dreijährige Kind von Taung, das vor zwei Millionen Jahren starb, von dem aber wenig mehr als Teile des Schädels erhalten waren.

„Aus den Fossilien junger Individuen können wir viel lernen“, erklärt Hublin. Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen und den recht nahe verwandten Schimpansen ist die Zeit des Heranwachsens. Während ein Schimpanse elf Jahre braucht, um ein vollwertiges Mitglied seiner Gruppe zu werden, dauert es beim Menschen mit rund zwanzig Jahren fast doppelt so lange, bis er vollständig erwachsen ist.

„Die Frühmenschen scheinen in dieser Hinsicht näher bei den Schimpansen gelegen zu haben“, sagt Hublin. Dies schließt er aus den Überresten eines Frühmenschen, der vor 1,6 Millionen Jahren in Kenia lebte. Ganze acht Jahre war der Junge alt, wie feine „Wachstumsringe“ seiner Zähne verraten. Mit gut 160 Zentimetern war er schon recht groß. Daraus lässt sich schließen, dass die Frühmenschen damals mit etwa zwölf Jahren erwachsen gewesen sein müssen.

Besonders interessante Schlüsse zieht Hublin aus der Schulter von Lucys Kind. Australopithecus afarensis lief ja bereits auf zwei Beinen. Dies zeigen verschiedene Anpassungen des Skeletts. Die Schultern von Lucys Kind ähneln verblüffend einer Gorillaschulter. Die Fingerknochen sind wie bei Schimpansen leicht gebogen.

Diese Biegung kommt vom Hangeln im Kronendach der Bäume. So ist auch die Schulter der Gorillas sehr gut für den Tarzan-Schwung von Baum zu Baum geeignet. Dort oben sind kleinere Weibchen und Jung-Gorillas bestens vor Raubtieren am Boden geschützt.

Nur die einige hundert Kilo schweren Gorilla-Männchen sind zu schwer für die Baumkronen – sie müssen allerdings auch am Boden keinen Feind außer dem Menschen fürchten. Ähnlich wie die Gorilla-Youngster hangelte sich wohl auch der Nachwuchs der Frühmenschen der Gattung Australopithecus durchs Geäst. All das lässt sich am Skelett von Lucys Kind ablesen.

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