Gesundheit : Von der Hexe zur liebesfeindlichen Emanze

Schon immer wurde abfällig über Frauen geschrieben – sogar die heutige Presse durchzieht eine subtile Rhetorik, wie Forschungen zeigen

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Von Anja Kühne

Frauenhass? Wer letzte Spuren sichern will, muss inzwischen nach Afghanistan reisen. Die westliche Welt ist bevölkert von selbstbewussten Girlies, starken Karrierefrauen und aufgeklärten Männern. Oder? Simon Möller, Politologe an der Humboldt-Universität, hält den Frauenhass auch in modernen Gesellschaften noch lange nicht für erledigt. Im Gegenteil. Seine Untersuchungen der seriösen amerikanischen und deutschen Presse zeigen, dass die Frauenfeindlichkeit wieder um sich greift. „Gröbste Sexismen werden wieder ganz offen geäußert", meint Möller, der zum Colloquium „Wi(e)der die Frau. Zu Geschichte und Funktion misogyner Rede" an die Freie Universität auf Einladung der Germanistinnen Ursula Kocher (FU) und Andrea Geier (Tübingen) gekommen war.

Das Vehikel, das Autoren (und auch Autorinnen) für ihre misogynen Positionen in den letzten Jahren mit großem Erfolg genutzt haben, ist nach Möller der Diskurs, der sich gegen die „politische Korrektheit" richtet. Linke und rechte Autoren greifen in dieser zuerst in den USA aufgekommenen Debatte bestimmte Inhalte und Formen emanzipatorischer Politik an: Die vermeintliche „politische Korrektheit" bedrohe die Meinungsfreiheit, die Freiheit der Wissenschaften, die Freiheit der Kunst oder die sexuelle Freiheit. Journalisten der „FAZ", der „Süddeutschen" oder des „Spiegel" verwenden im Anti-„Political Correctness"-Diskurs Möller zufolge subtile „diskursive Kniffe", um diejenigen zu diskreditieren und lächerlich zu machen, die sich für die Interessen von Frauen engagieren.

Gewöhnlich wird dazu das eigentliche politische Anliegen der Frauenrechtlerinnen auf ein anderes Bedeutungsfeld verschoben, wie Möller beobachtet hat. So etwa in der Debatte um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die einen Höhepunkt 1994 fand, als in Deutschland das Beschäftigungsgesetz eingeführt wurde. Journalisten diskutieren damals nicht die gesellschaftspolitischen Argumente der Befürworter(innen) für schärfere Gesetze. Stattdessen verschieben sie die Debatte in den Bereich der Erotik und der Intimität. Der „sensible Bereich der Liebe", so der Tenor, müsse vor einer „feministischen Reglementierungswut" geschützt werden. Radikale Übertreibungen des Feminismus der siebziger Jahre werden also klischeehaft verallgemeinert, eine feministische Hegemonie wird konstruiert.

„Als seien sie Neutren“

Weiter wird behauptet, Feministinnen wollten, dass Kollege und Kollegin miteinander umgehen, „als seien sie Neutren". Damit gelingt es, die Frauenrechtlerinnen in der Presse als liebesfeindliche Puritanerinnen darzustellen, die am liebsten alle heterosexuellen Beziehungen unterbinden würden. Hämisch kommentiert ein Journalist: „Gute Frauen machen so etwas nicht. Sie haben keinen Sex mit Männern."

Mittels solcher „diskursiven Verschiebungen" erscheinen dann sexistische Praktiken als schützenswert, Maßnahmen zu ihrer Eindämmung hingegen als Verletzung von Persönlichkeitsrechten. So schreibt eine Zeitung: „Feminismus sei, so werden junge Frauen sagen, eine verbiesterte Ideologie, die auch noch für die intimsten Momente im Leben einer Frau Vorschriften aufstellt." Diese Denkfigur macht es möglich, den Feminismus mit Fanatismus gleichzusetzen und ihn der Freiheit gegenüberzustellen.

Möller hat noch weitere Mittel im Diskurs gegen eine – angeblich dominante – Strömung einer – vermeintlichen – „sexuellen Korrektheit" entdeckt. So entwerfen die Medien Bilder von Weiblichkeit, die vordergründig von traditionellen Rollenklischees abzuweichen scheinen, wie beim Girlism. Die Medien hätten die Pop-Gruppe „Riot Grrrls" unter Verschleierung von deren ursprünglichen Absichten zur Gegenreaktion auf einen angeblich altbackenen und prüden Feminismus stilisiert, der überflüssig sei.

Weil „Feminismus" und „Politische Korrektheit" zu stigmatisierten Begriffen gemacht wurden, sind die Advokatinnen emanzipatorischer Positionen nach Möller zu immer komplexeren Darlegungen ihrer Positionen gezwungen. So manches eigentlich feministische Argument beginne mit dem Satz: „Ich bin ja keine Feministin, aber. . ." Für die Zukunft sieht Möller schwarz: Denn wie soll es gelingen, die entsprechenden Begriffe neu zu besetzen und mit anderen Konnotationen zu versehen, wenn den feministischen Stimmen der Zugang zu den Massenmedien fehlt? fragt er.

Wie lang diese Tradition subtilen, frauenfeindlichen Sprechens in die Geschichte zurückreicht, zeigte auf der Tagung Claudia Opitz (Basel) anhand der Debatte um die Hexenverfolgung im 16. Jahrhundert und speziell an Jean Bodins Schrift über den „Teufelswahn der Hexen" von 1580. Der Staatstheoretiker fordert, dass gegen Hexen hart vorgegangen wird - kleidet seine Ansicht aber überraschenderweise in eine „paradoxe Rhetorik des Frauenlobs", wie Opitz sagte. Bodin beweist die fürchterliche Gefahr, die von Hexen ausgehe, vor allem mit den Geständnissen der Hexen unter Folter: Frauen sind, wie Bodin argumentiert, bekanntermaßen besonders schamhaft. Wenn sie trotzdem unter Folter ihren Geschlechtsverkehr mit dem Teufel zugeben, sind sie also umso glaubwürdiger. Das gilt genau so, da von Frauen bekannt ist, dass sie besonders leidensfähig sind. Warum sollten sie also etwas gestehen, das sie nicht wirklich getan haben?

Mit weiteren ähnlichen Argumenten erhöht Bodin die Glaubwürdigkeit weiblicher Zeugenschaft in einem Ausmaß, das für das frühneuzeitliche Gerichtswesen neu ist. Insofern öffnet er also die Geschlechtergrenzen - aber nur, um alle Argumentationsmöglichkeiten zugunsten der Frauen damit zu desavouieren. Weder Keuschheit, noch Leidensfähigkeit sprachen von nun an eindeutig für die Frauen, wie dies in der Debatte um die Hexen vorher noch der Fall war. Den der Hexerei verdächtigten Frauen blieb also nichts, um die Vorwürfe zu entkräften.

„Weiblicher Schwachsinn“

Mit der Aufklärung kommen auch die seit Jahrhunderten tradierten Vorurteile gegen die Frau auf den Prüfstand - und das ausgerechnet im bis heute vom Machismo geprägten Spanien, wie Claudia Gronemann (Leipzig) beschrieb. Der Benediktinermönch und Frühaufklärer Benito Jeronimo Feijóo versucht im Rahmen seiner großen Enzyklopädie, den durch die Scholastik tradierten Glauben an die Minderwertigkeit der Frau zu entkräften. Den geistlichen Autoritäten, für die die Schönheit der Frau eine moralische Gefahr darstellt, hält Feijóo entgegen, Schönheit sei nicht zwingend negativ: In Ländern mit weniger schönen Frauen gebe es genau so viel Unordnung. Und auch sei die Analyse der Kopfgröße der Frau kein Argument für weiblichen Schwachsinn. Schließlich gebe es auch Männer mit kleinen Köpfen. Unter Berufung auf Descartes stellt Feijóo fest, die Dimension des Geschlechts bleibe auf den Leib beschränkt. Sie sei mithin ohne Konsequenz für den Verstand.

Diese Ansicht führt zu heftigen Attacken und zu einem bahnbrechenden emanzipatorischen Diskurs in Spanien. Doch überschreitet Feijóos Avantgardismus nicht alle traditionellen Grenzen: Denn auch seiner Auffassung nach gibt es ein - körperlich - schwaches Geschlecht. Und diesem kommt nun mal eine andere Rolle in der Gesellschaft zu: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern fungieren weiter als Begründung für die Unterordnung der Frau unter den Mann.

Simon Möllers Buch „Sexual Correctness. Die Modernisierung antifeministischer Debatten in den Medien“ ist bei Leske & Budrich erschienen und kostet 14 Euro 80.

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