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Die Fähigkeit, Wissenschaft zu betreiben, wurzelt im steinzeitlichen Spurenlesen und Jagen

Rolf Degen

Wissenschaft und Technik, die herausragenden Denkleistungen des Menschen, haben das Angesicht der Erde nachhaltig verändert. Durch seine Fähigkeit, Hypothesen aufzustellen, Informationsstücke zusammenzusetzen und allgemeine Gesetze abzuleiten, hat sich der Homo sapiens auf Gedeih und Verderb über die Natur gestellt. Wenn die Zeichen nicht trügen, geht diese geistige Sonderbegabung in unserer Stammesgeschichte auf einen unerwarteten Vorläufer zurück: auf die Meisterschaft im Spurenlesen.

Erst seit einer verhältnismäßig kurzen Zeit hat unsere Gesellschaft die Institutionen und Rituale geschaffen, die den Fortschritt der Wissenschaft ermöglichen. Diese Entwicklung hat in wenigen Jahrhunderten bahnbrechende Veränderungen des Alltages bewirkt. Aber wo kommt unsere Fähigkeit, Wissenschaft zu betreiben, eigentlich her? Sie kann unmöglich eine spezielle, in der Evolution gewachsene Anpassungsleistung sein, sagt der Anthropologe Peter Carruthers vom University of Maryland College. Die Tradition des Forschens ist so jung, dass ihr ein viel älteres kognitives Rüstzeug zu Grunde liegen muss.

Ein besonderes Talent

Ist die „Wissenschaftsfähigkeit“ einfach nur eine hochgezüchtete Form des Lernvermögens? Oder handelt es sich um ein ganz besonderes „Talent“, das die Evolution uns irgendwann in der Frühzeit zur Lösung eines spezifischen Problems schenkte? Nach Ansicht von Carruthers sprechen die Daten eher für ein Talent, dessen Nichtbesitz dem Neandertaler womöglich zum Verhängnis wurde.

Höhlenmalereien und andere archäologische Indizien deuten darauf hin, dass der anatomisch moderne Mensch, der vor 130000 Jahren in Afrika die Bildfläche der Evolution betrat, die Meisterschaft in einer revolutionären Kulturtechnik errungen hatte. Das „Ablesen“ von Tierfährten verrät laut Carruthers einen abstrakten und kreativen Zugang zu den Geheimnissen der Natur, der alle früheren Formen des Informationsgewinnes übersteigt.

Bereits Tiere wissen aus Erfahrung über gewisse Regelmäßigkeiten Bescheid, zum Beispiel die Farbe reifer Früchte. Doch die Bedeutung von Tierspuren kann man nur durch abstraktes Denken und das kreative Aufstellen und Testen von Hypothesen erschließen. Da man Großwild selbst mit Speeren und Giftpfeilen nicht auf der Stelle niederstrecken konnte, war eine oft tagelange Verfolgung der verwundeten Beute unumgänglich.

Da die Fähigkeit heutzutage direkt nicht mehr gefordert wird, können wir uns kaum vorstellen, welches „detektivische“ Kombinationsvermögen der Rückschluss von nur schlecht wahrnehmbaren Abdrücken auf die Identität und Lokalisierung eines Tieres verlangt. Umgetretene Grashalme oder verrückte Kiesel sind oft alles, was von der Beute bleibt. Der frühe Mensch musste die gelesenen Spuren richtig interpretieren und neben dem Alter auch die Größe der Tiere, ihre Laufgeschwindigkeit, Laufrichtung und Zahl abschätzen. Die Deutung musste in eine räumliche Vorstellung von der Topographie des Jagdgebietes übertragen werden, denn nur so ließ sich eine wirksame Koordinierung der Jagdgruppe bewerkstelligen.

Die frühzeitlichen Jäger mussten also wie ein moderner Wissenschaftler Hypothesen über nicht beobachtete Verhaltensweisen und Phänomene aufstellen, die in ein beträchtliches angesammeltes Hintergrundwissen eingebettet waren. Wie würde sich wohl ein Zebra in diesem Terrain verhalten? Das Fortschreiten der Jagd ähnelte dann oft dem Hypothesentesten, wobei sich die Vorhersagen über die Beute an neu gefundenen Spuren immer wieder messen musste. Dafür war die Fähigkeit unabdingbar, Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen, die keinen Anspruch auf Wahrheit hatten. Erst die Sprache, eine weitere kulturelle Sonderleistung, gab dem Menschen den geistigen Freiraum, alternative Annahmen zwanglos durchzuspielen. „Jeder, der das geistige Rüstzeug besitzt, professionell Spuren zu lesen, besitzt auch die Grundlagen, um Wissenschaft zu betreiben“, bringt es Carruthers auf den Punkt.

Frauen mögen gute Jäger

Beobachtungen haben gezeigt, wie weit unsere nächsten Verwandten, die Affen, von dieser Fähigkeit entfernt sind. Obwohl Raubtiere für sie enorme Bedeutung haben, schenken sie der Kriechspur einer Schlange nicht die geringste Aufmerksamkeit. Carruthers vermutet auch, dass dem Neandertaler die Unfähigkeit zum professionellen Spurenlesen vor etwa 40000 Jahren zum Verhängnis wurde. Beim damaligen Temperaturanstieg bildete sich der Schnee zurück. Dadurch erhöhten sich die Anforderungen an Spurenleser plötzlich ungemein. Und der Neandertaler verschwand in der Versenkung.

Wie hoch die Anforderungen sind, kann man auch daran ablesen, dass es ein Spurenleser bei den zeitgenössischen Naturvölkern erst mit einem Alter von 40 Jahren zur vollen Meisterschaft bringt. 20-Jährige, die als Teenager bereits einige Übung mit der Verfolgung kleiner Tiere gewonnen haben, tragen nur ungefähr ein Viertel der Jagdbeute eines 40-Jährigen heim.

Man könnte denken, dass die Fähigkeit zum Jagderfolg einen Vorteil im Daseinskampf gibt und sie daher im Laufe unserer Entwicklung fest im Erbgut verankert wurde. Naturvölker achten aber sehr genau auf eine gleichmäßige Verteilung der Beute. Der erfolgreiche Jäger schlägt also nicht mehr Fleisch für sich selbst heraus.

Andererseits haben tüchtige Jäger besonders viele Chancen bei Frauen und pflanzen daher ihr Erbgut auch besonders erfolgreich fort. Die Anlage, die die Fähigkeit zum Spurenlesen – und zum Betreiben von Wissenschaft – transportiert, wird nach dieser Vermutung durch Frauen ausgewählt.

Aber um die Fähigkeit beim Mann zu erkennen, muss die Frau sie auch selbst besitzen. Das erklärt laut Carruthers am Ende, wieso Männer und Frauen die gleichen geistigen Voraussetzungen für die Forschung haben: Eigenschaften, die auf sexueller Auslese basieren, werden durch ein „Koppelungsgleichgewicht“ auf beide Geschlechter verteilt.

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