Gesundheit : Von Flach- und Tiefbohrern: Viskos gespülte Hörer an der TU

Renate Kossmehl

Pünktlich um 15 Minuten nach zwölf Uhr sitzt Dozent Stefan Schmid im Hörsaal 16 im neunten Stock hoch über dem Ernst-Reuter-Platz. "Nun warte ich nur noch auf die Studenten", sagt er und zieht einen Mundwinkel nach unten. Taschenrechner, ein dicker Ordner und ein Stapel Skripte zum Austeilen liegen sorgfältig nebeneinander platziert auf dem Pult. Bald betreten die ersten beiden Hörer in das Klassenzimmer. Der Vorlesungsbeginn wurde um fünfzehn Minuten verschoben, lassen sie den Vortragenden wissen. Nach und nach erscheinen vier weitere in dem nicht mehr ganz zeitgemäß eingerichteten Raum. Der Kurs ist nun komplett.

Blonder zu Bohrlöchern

Sinn und Zweck von Bohrspülungen bei der Erdölförderung stehen auf dem Lehrplan der Vorlesung "Flach- und Tiefbohrtechnik" für das Grundstudium. Die Veranstaltung ähnelt mehr einer Schulstunde als einer Vorlesung. Die Hälfte der Anwesenden beteiligt sich zunächst eifrig an der Erörterung der Frage, warum man beim Bohren kilometertiefer Löcher eine Bohrspülung braucht. Nach kurzer Zeit diskutiert ein besonders interessierter blonder Student allein mit dem Dozenten über Druck und Gegendruck im Bohrloch und die Einstellung der Spülungsdichte.

Dann wird die nächste Frage aufgeworfen: Woraus setzt sich eigentlich die Spülung zusammen? Der blonde Student hat eindeutig die Vorderhand in der als Vorlesung ausgewiesenen Veranstaltung gewonnen und liefert einen Bestandteil der Spülung nach dem anderen. Wenn es Bentonit gibt, gibt es denn auch Zementit, will er wissen. Doch der Vortragende findet die Frage wohl nicht besonders schlau und führt stattdessen den Begriff des Wasserbindevermögens ein. Weitere Bestandteile sind gefragt, die anderen fünf Anwesenden schrecken auf.

Bentonit oder Zementit?

Auch die beiden Zuerstgekommenen, die sich die Fensterplätze mit der guten Aussicht gesichert haben, müssen nun ran. Wird die Spülung viskoser, wenn man besagten Bentonit zusetzt? Schweigen, dann Vermutungen. Zementit gibt es nicht, erfährt man endlich. Die Anwesenden werden von der Fragerei erlöst, als die dritte Folie zu den Spülungsbestandteilen und den Zusatzstoffen auf den Projektor gelegt wird. Ein Student am Fenster reibt sich verschlafen die Augen, während die Kommilitonin vor ihm ihren Oberkörper wieder vom Tisch erhebt. Die Viskosität sei wirklich ein wichtiges Thema, betont der Dozent. Wegen der besonderen Tragweite wird diese ein anderes Mal abgehandelt, wenn ausreichend Zeit zum Tiefbohren in unbekannte Wissensbereiche zur Verfügung steht.

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