Gesundheit : Von Göttern und Propheten - Ein esoterischer Blick auf die Kulturgeschichte Europas

Yvonne Wieden

Eine Sicht, die sich gerade in den letzten Wochen bewährt hat: der Blick zurück nach vorn. Auch die Abguss-Sammlung Antiker Plastik gegenüber dem Schloss Charlottenburg versucht sich darin mit der Ausstellung "Millennium: Antike Sternengötter und der Berliner Hofastrologe Johann Carion". Dargestellt werden 2500 Jahre Astrologie: von der Antike über die Kunst der Reformationszeit bis in die Gegenwart. Griechisch-römische Statuen, antike Tempel, Leonardo da Vincis Abendmahl und die Kuppel des Berliner Reichstags erfahren aus astrologischer Perspektive eine ebenso faszinierende wie ungewöhnliche Neuinterpretation. Zu den Ausstellungsstücken gehört das eigens erworbene Horoskop-Relief des Antiochos I., das einen prächtigen Löwen sowie eine besondere Konstellation der Planeten zeigt, aus der sich das Datum des 7. Juli 62 v. Chr. ableiten lässt - der Tag, den Antiochos I. zu seiner Vergöttlichung bestimmt hatte. Auch berühmte Plastiken werden aus der Sterndeuter-Perspektive vorgestellt. So die Statue des Hermes von Olympia. Der geflügelte Götterbote Hermes entspricht in der Astrologie dem Planetengott Merkur, der im Horoskop für den Intellekt des Menschen steht. Zudem wurden zahlreiche historische Instrumente zur Messung der Planetenbewegungen und Horoskope von Kaisern, Kriegen und Weltuntergängen zusammengetragen.

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Wiederbelebung kosmologischer Themen in der Renaissance. Dabei gleitet sie zuweilen ins Spekulative ab. Denn ob Leonardo da Vinci seine Apostel im Mailänder Abendmahl wirklich als Vertreter je eines Sternzeichens angelegt hat, ist nicht eindeutig zu belegen. Häufig geht es dem Ausstellungskurator Jürgen Hoppmann auch gar nicht um Beweise. Zum Beispiel, wenn er Parallelen vom römischen Pantheon (erbaut im Jahr 121) zum Berliner Reichstag zieht. "In beiden Fällen erinnern die versetzten Kreisbahnen im Kuppelinneren an die Spähren, die Kreisbahnen der Planeten", erklärt der Astrologe. Die Betrachter dürfen es als Anregung verstehen.

Zum Glück werden ansonsten überwiegend Tatsachen geboten. Dazu gehören die Weltuntergangs-Prophezeiung des 1499 geborenen Berliner Hofastrologen Johann Carions. Dieser hatte seinem Fürsten, Joachim I., für den 19. Februar 1524 eine große Sintflut vorausgesagt. Die Sterne standen ungewöhnlich in jenen Tagen, wie erhalten gebliebene Drucke zeigen: Alle sichtbaren Planeten trafen im Sternzeichen Fische zusammen. In Panik soll deshalb der gesamte Berliner Hofstaat auf den Kreuzberg, die höchste Erhebung der Region, gezogen sein. Dass die Welt dann doch nicht unterging, hat Carions Karriere nicht geschadet, später sollte er noch sein berühmt gewordenes Geschichtsbuch, die "Cronica Carionis", schreiben. Doch Carion bleibt in der Fülle der Exponate eher eine Randfigur.

Spätestens hier zeigt sich, dass der Ausstellungstitel vor allem als Lockmittel für ein Publikum gewählt wurde, das zum Millennium nach dem Besonderen sucht. Am Ende stellt man mit Kurator Hoppmann zumindest eines fest: Dass sich der Glaube an die Sterne durch die gesamte Kulturgeschichte Europas zieht, mit fast den gleichen Symbolen und Deutungen wie vor mehr als 2000 Jahren. So hofft auch der Leiter der Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Klaus Stemmer, dass sich die von diesem Thema ausgehende Faszination möglichst viele Besucher lockt. Dennoch trennen ihn Welten von seinem Kurator Hoppmann: "Die Astrologie will ihre Daseinsberechtigung nachweisen. Wir Archäologen dagegen wollen aufklären", betont Stemmer. Als Forscher zählt aber auch für ihn, dass die die Astrologie in der Antike und der Renaissance vielen Menschen mindestens ebenso wichtig war wie vielen noch heute.Abguss-Sammlung, Schlossstr. 69b, bis

6. Februar; Do bis So 14 - 17 Uhr.

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