Gesundheit : Von Haremsschönheiten und Fundamentalistinnen

Agnes Imhof

Ganz abgesehen davon, daß niemand weiß, wo der sagenumwobene Orient eigentlich beginnt: im "Westen", der teils deutlich östlich des "Morgenlandes" liegt, setzen sich hartnäckig bestimmte Stereotypen fest, die das Bild der muslimischen Frau prägen. Karl May ließ seine Helden in Harems schmachtende Schönheiten vor grausamen Despoten retten, Gerhard Konzelmann unternahm intime Ausflüge ins - aus 1001 Nacht stammende - Schlafgemach des Kalifen Harun al-Raschid, und Mozart ließ seine Konstanze aus dem Serail des wüsten Bassa Selim entführen.

"Die" muslimische Frau an sich gibt es ebensowenig wie "den" christlichen Mann. Der Islam als eine Weltreligion ist mindestens ebenso facettenreich wie das Christentum oder jede andere Weltreligion. Er ist in Indonesien ebenso verbreitet wie in den arabischsprachigen Kernländern und in Afrika, er existiert als Minderheitenreligion in Europa, den USA und Kanada. Die Rolle der Frau in diesen sehr unterschiedlichen Gesellschaften differiert stark und wird außer von religiösen Faktoren auch von Tradition, Wirtschaft, Gesellschaftsschicht und historischen Aspekten bestimmt. Daneben spielen auch persönliche Einstellungen der Frauen eine Rolle.

Ins Zentrum der westlichen Stereotypen rückt immer wieder der "Schleier". Medienereignisse wie die "Kopftuchdebatte" stilisieren dieses Kleidungsstück zu einem religiösen Symbol des Islam. Nichtmuslime sehen ihn immer öfter auch als Symbol der Unterdrückung der Frau. Der "Schleier" als Kopftuch, Gesichtsschleier oder Ganzkörperverhüllung hat in verschiedenen Kulturen eine lange Tradition. Er signalisiert, dass die Trägerin sexuell nicht verfügbar ist - das Haar als Sexualsymbol wird verdeckt. In der christlichen Kultur kennen wir den Schleier bei Nonnen oder auch als Brautschleier. Auch das Judentum kennt die Vorgabe, dass verheiratete Frauen ihr Haar nicht zeigen dürfen, weil es nur für den Ehemann bestimmt ist. War es früher eine Haube, die verheiratete Jüdinnen trugen, so ist es heute oft eine Perücke.

Gegen die "Barbie"-Kultur

Die Empfehlung, sich in der Öffentlichkeit zu bedecken (Sure 33/59), wird im Koran damit begründet, dass die Frauen als Musliminnen erkennbar sein und nicht belästigt werden sollten. Auch den Männern empfiehlt der Koran dezente Kleidung. Fundamentalisten argumentieren damit, dass eine Frau, die ihre körperlichen Vorzüge verhülle, eben nicht zum reinen Sexobjekt degradiert werde, sondern als Mensch wahrgenommen werde. Iranische Frauenzeitschriften stellen gerne die iranische Muslima der westlichen "Barbie"-Kultur gegenüber.

Arabische Frauenrechtlerinnen hingegen fordern die Abschaffung des Schleiers als Symbol patriarchalischer Unterdrückung. Sie sehen, wie auch viele muslimische Frauen, die keiner Frauenbewegung angehören, keinen Widerspruch zwischen ihrem Selbstverständnis als gläubige Musliminnen und Selbstbestimmung in Sachen Outfit.

Die Vorgaben des Korans wurden bereits zu Lebzeiten des Propheten Muhammad im 7. Jahrhundert unterschiedlich gehandhabt. Während Städterinnen sich verschleierten, übernahmen Beduinenfrauen, die hart arbeiten mussten, diese Regeln nicht im gleichen Maß. Der Schleier ist somit keine Messlatte, an der das Recht der Frau auf Selbstbestimmung gemessen werden kann.

Wenn der Koran von allgemeinen religiösen Vorschriften spricht, so sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint. Was etwa Gebete, Almosen, Wallfahrt und andere "Säulen (Grundpflichten) des Islam" betrifft, gelten die Vorgaben für beide Geschlechter (Sure 33/35f). Im Gegensatz zum Christen- und Judentum werden im Koran Adam und Eva für den Sündenfall gleichermaßen verantwortlich gemacht (Sure 2/36).

Die Hadithe (überlieferte Aussagen und Handlungen des Propheten) äußern sich unterschiedlich zu Frauen. Das religiöse Recht (Scharia) ist zwischen dem 7. und dem 9. Jahrhundert entstanden. Es unterteilt sich in vier Schulen, deren Rechtsgrundlage - in unterschiedlicher Gewichtung - Koran, die Hadithe, Analogieschluss (qiyas) und die Übereinstimmung der Gläubigen zu einem konkreten Problem (idschma) sind.

Polygamie heute selten

Der Koran gibt bereits Anweisungen zum Personenrecht, etwa Ehe-, Scheidungs- und Erbrecht. Vieles davon findet sich in der Sure "Die Frauen" (Sure 4). Das islamische Recht übernimmt diese Vorgaben und erweitert sie. Aus moderner Sicht sind Frauen oft benachteiligt: Ihre Zeugenaussage gilt nur halb soviel wie die des Mannes, sie haben im Ehe- und Scheidungsrecht schwächere Positionen. Der Mann wird der Frau übergeordnet (Sure 2/228 und 4/34). Für einen Mann ist es einfach, sich scheiden zu lassen, für eine Frau hingegen relativ schwer. Der Mann darf bis zu vier Frauen heiraten (Sure 4/3). Auch sind Frauen nicht im gleichen Maße erbberechtigt wie Männer. Bei sexuellen Delikten (Ehebruch) werden sie härter bestraft als Männer. Die Züchtigung einer Ehefrau durch ihren Mann ist umstritten. Es gibt Koranverse, die sie erlauben, aber nicht empfehlen (Sure 4/34).

Doch wenn man diese Vorgaben mit zeitgleich entstandenen anderen Rechtssystemen vergleicht, sind Frauen im islamischen Recht in mancher Hinsicht besser geschützt. Das gilt vor allem für den materiellen Bereich. Sie haben eine Position als Rechtsperson und können Besitz haben. Sure 2/229 verbietet es Männern explizit, sich bei einer Scheidung am Besitz ihrer Frau zu vergreifen. Frauen können erben, sind geschäftsfähig (je nach Rechtsschule nur beschränkt). Die Ehe ist ein Vertrag, in dem die Frau bestimmte Rechte festsetzen kann, die einklagbar sind. Ihre Ansprüche sind vor allem materieller Art, doch kann ein Ehevertrag auch das Versprechen der Monogamie beinhalten. Die Polygamie ist ohnehin durch die Auflage, alle Frauen gleich zu behandeln (Sure 4/3), nicht mehr häufig (abgesehen von den reichen Golfstaaten).

Das islamische Recht ist, wie alle religiösen Rechtssysteme (auch das christliche Kirchenrecht), Sache der Theologen. "Die" moderne islamische Theologie an sich existiert jedoch nicht. Es gibt im Islam kein zentrales Oberhaupt wie den Papst im Katholizismus. Theologische Positionen sind also oft unterschiedlich. Doch stimmen viele moderne Theologen darin überein, daß die Scharia an die Erfordernisse der Gegenwart angepasst werden muss. Der Koran gebe Tendenzen vor, die man erfassen und verfolgen sollte: Wenn also der Koran eine Verbesserung der Stellung der Frau im Verhältnis zum alten Arabien vorsieht, so solle man als Theologe ebenfalls das Recht an moderne Gegebenheiten anpassen.

Traditioneller eingestellte Theologen hingegen bestehen vor allem auf familienrechtlichen Grundlagen. Zwar haben die meisten Länder mit islamischer Mehrheit ein säkulares Rechtssystem, doch gilt in vielen von ihnen im Familienrecht islamisches Recht oder ein an der Scharia orientiertes System.

Neben rein rechtlichen Angelegenheiten spielen jedoch auch Traditionen und Gewohnheitsrecht eine Rolle: Vor allem in Nordafrika wird die Mädchenbeschneidung ausgeübt, die keine koranische Grundlage hat. Die meisten Länder verbieten sie zwar, doch wird sie immer noch häufig praktiziert.

Fast alle muslimischen Länder schreiben die Schulpflicht auch für Mädchen vor. Dennoch werden häufig Mädchen früh von der Schule genommen, um auf eine Zukunft als Hausfrau vorbereitet zu werden und um mögliche voreheliche Sexualkontakte zu verhindern. Wie in Europa ebenfalls bis ins 19. Jahrhundert üblich, werden vielerorts Ehen von den Eltern arrangiert. Dabei werden häufig Verwandte verheiratet, etwa Cousin und Kusine. Dies soll die Stellung der Frau im Haushalt des Mannes stärken. Ihre Position ist ansonsten bis zur Geburt des ersten Kindes (besonders eines Sohnes) vor allem gegenüber der Schwiegermutter eher schwach.

Fundamentalisten gehen von der Utopie einer muslimischen Urgemeinde aus, die wiederhergestellt werden soll. Darin unterscheiden sie sich von Traditionalisten wie den Taliban, die sich an ihrer eigenen, selbstverständlich islamischen Tradition orientieren. Fundamentalisten argumentieren in puncto Geschlechterrollen meist mit dem Schlagwort der Komplementarität. Die beiden Geschlechter seien hinsichtlich ihrer Wertigkeit als Menschen und als Muslime gleich. Doch hätten sie verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Aufgabenbereiche, aus denen sich unterschiedliche Rechte und Pflichten ergäben. Demgegenüber fordern jedoch Frauenrechtlerinnen und auch Fundamentalistinnen eine stärkere Beteiligung der Frau am öffentlichen Leben, auch durch außerhäusliche Erwerbsarbeit. Die Taliban dagegen verbieten fast jede Art von Auftreten einer Frau außerhalb ihres Hauses.

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