Gesundheit : Vor 100 Jahren nur 54 Seiten stark

Colin Guthrie King

Wenn die Leistung einer Universität sich an der Menge ihrer Vorlesungen messen ließe, dann könnte sich die Humboldt-Universität zu Berlin in diesem Jahrhundert brüsten, erhebliche Fortschritte gemacht zu haben. Vor hundert Jahren umfasste nämlich das Vorlesungsverzeichnis der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität nur 54 Seiten, gefüllt mit Lehrveranstaltungen, die selten öffentlich waren. Eine der wenigen Veranstaltungen für Berliner Bürger war die Vorlesung "Über das Wesen des Christentums" von Professor Harnack.

Nicht nur in den theologischen Fächern waren die meisten Lehrveranstaltungen "privatim" oder "privatissime und unentgeltlich". In der Rechtsgelahrtheit kamen die deutsche Nation und ihr preußischer Protagonist nicht zu kurz. Es gab die "Geschichte der deutschen Reichsverfassung seit dem 13. Jahrhundert" sowie "Preußisches allgemeines Landrecht". Diese Überschrift findet sich gleich für drei verschiedene Veranstaltungen zur Rechtsentwicklung in Preußen. Der Jurist, der sich hierfür interessierte, konnte auf die Veranstaltung über "Die Epochen der Geschichte der preußischen Politik vom Großen Kurfürsten bis zur Gegenwart" als Grundlage in Geschichte und Geographie zurückgreifen. Die "wissenschaftlichen strafrechtlichen Übungen" waren jedoch "für Herren, die ihre akademischen Studien abgeschlossen haben".

Die Veranstaltungen, die in den Bereich der Heilkunde fielen, waren mit Abstand die zahlreichsten. "Arbeiten im Laboratorium für Vorgerücktere" waren täglich und privatissime. Vor genau hundert Jahren besuchten Studenten der medizinischen Fächer Vorlesungen "über den feineren Bau der Sinnesorgane, besonders des Menschen, mit praktischen mikroskopischen Übungen", "über die Krankheiten des Greisenalters" oder "über die Einflüsse des modernen Schulunterrichts auf den kindlichen Organismus (Schulkrankheiten)". Ein fester Magen war sicherlich eine Teilnahmevoraussetzung für die Besucher der "praktischen Übungen in Bougiren, Katheterisieren, Cystoskopiren und Urethroskopiren am Lebenden", die dienstags und donnerstags zur Mittagsstunde stattfanden.

Unter den Philosophischen Wissenschaften findet man zwei Namen, die noch heute bekannt sind: Dilthey und Simmel. Im Wintersemester 1899/1900 bot Wilhelm Dilthey (1833-1911) eine Veranstaltung über die "Allgemeine Geschichte der Philosophie bis auf die Gegenwart, in ihrem Zusammenhang mit der Cultur" an, während Georg Simmel (1858-1918) über die "Philosophie des 19. Jahrhunderts (mit Rücksicht auf die Lebensprobleme der Gegenwart)" las.

Unter den Titel der Staats-, Cameral- und Gewerbewissenschaften wurde politische und volkswirtschaftliche Theorie zusammengebracht: "Moderne Social- und Staatstheoretiker von Rousseau bis auf Nietzsche" hieß eine Vorlesung. Die andere behandelte die "Handels- und Colonialpolitik" und über die "volkwirtschaftliche und sociale Bedeutung der Maschine" wurde ebenfalls doziert. Auch in dieser Fakultät war Simmel vertreten mit "Sociologie (mit besonderer Berücksichtigung der Staatsformen)" - eine Überschrift für gleich mehrere Seiten des Vorlesungsverzeichnisses.

Das heutige Vorlesungsverzeichnis hat einen Umfang von 470 Seiten, das vor 100 Jahren hatte nur 54 Seiten. Das kann als Zeichen für den Zuwachs des Wissens gewertet werden, ob wir aber heute deshalb auch über größere Gelehrte als vor 100 Jahren verfügen, das ist eine ganz andere Frage.

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