Gesundheit : Vor der feindlichen Übernahme? Eine Diskussion über die Zukunftschancen des Faches

Tilmann Warnecke

"Der Soziologie ist die Gesellschaft abhanden gekommen." Diese Diagnose stammt von einem, der weiß, wovon er spricht. Der 46-jährige Heinz Bude gehört zur jüngeren Generation deutscher Soziologen und leitet den Arbeitsbereich "Politik und Gesellschaft der alten und neuen Bundesrepublik" am renommierten Hamburger Institut für Sozialforschung. Mit der zunehmenden Individualisierung, so Bude, gelte ein "Grundparadigma" der Soziologie nicht mehr. Als Bekräftigung zitierte er die Vorkämpferin gegen alle Sozialstaatstheorien, die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher: "Es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen." Bude: "Die Soziologie steht mit dem Rücken zur Wand."

Neue Perspektiven der Soziologie im 21. Jahrhundert versuchten Vertreter ihres Faches bei einer Tagung im Wissenschaftszentrum Berlin am vergangenen Wochenende herauszufinden. Vor der Gefahr des "Abrutschens in die Bedeutungslosigkeit" warnte Hans-Peter Müller von der Humboldt-Universität, wenn Soziologen keine Antworten auf die Probleme von Globalisierung oder neoliberalen Tendenzen finden. Ob Politikwissenschaft oder Ökonomie, Biologie oder Anthropologie, Medien- oder Kulturwissenschaften: Genügend andere Disziplinen stehen bereit, um die Sozialwissenschaften zu ersetzen. Diesem "feindliche Übernahmeangebot" (Bude) neue Konzepte entgegenzusetzen, war Ziel der Tagung.

Zukunftsthemen: Wissen, Macht, Geld

"Gibt es zuviel Luhmann?" fragte ein Teilnehmer während der Diskussion besorgt, und meinte damit den verstorbenen Soziologie-Papst, der für seine komplizierte Systemtheorie bekannt war. Ja, lautete die Antwort des Hagener Professors Uwe Schimank. Weg von endlosen Theoriediskussionen, weg von der "Soziologie als Literaturwissenschaft" und die Hinwendung zu "realen Phänomenen" forderte er von seinen Kollegen. Anstatt nur Kritik zu üben, müssten Soziologen alltagstaugliche Definitionen setzen, meinte Bude. "Wissen, Macht, Geld" identifizierte er als Zukunftsthemen, mit denen die Soziologie wieder den Anschluss an aktuelle Debatten finden kann.

Noch immer sitzt in der Zunft der Schock von 1989 tief: Der Zusammenbruch des Kommunismus führte nicht nur eindrucksvoll die mangelnde Prognosefähigkeit des Faches vor Augen - in Analysen der Ostblockstaaten war die Möglichkeit des Zusammenbruchs schlichtweg ignoriert worden. Der Wegfall einer Alternative zur bestehenden kapitalistischen westlichen Gesellschaft hinterließ die Sozialwissenschaften ebenfalls ratlos: "Früher konnte die Soziologie immer mit dem automatischen Anderen arbeiten. Das Projekt der Moderne ist heute abgehakt", sagt Bude. Auch jetzt versetzte die versammelte Soziologen-Schar eine Studie in leichtes Erstaunen, nach der die Generation der nach 1965 Geborenen ein "hohes System-Vertrauen" besäßen und gar keine prinzipiellen Veränderungen wünschten.

Wie eine Soziologie der Zukunft aussehen könnte, fragte Frank Nullmeier von der Universität Hamburg. Er sprach von der Durchsetzung des Wettbewerbes über den Markt hinaus: "Sieg, Gewinner, Verlierer - diese Wörter gewinnen immer mehr Bedeutung in allen Bereichen des Lebens. Wir begreifen Sozialfunktionen nicht mehr als Angestellte und Arbeiter, sondern als Gewinner und Verlierer." Für die politische Soziologie habe das die Konsequenz, dass politische Institutionen mit Wirtschaftsunternehmen gleichgesetzt werden. Die Bundesrepublik Deutschland auf einer Ebene mit Microsoft, das Land Niedersachsen mit BASF. Der Schlüssel zum Erfolg ist die Produktsetzung - egal ob von der Bundesregierung oder von Bill Gates. Damit könnten Einflussformen analysiert werden, die außerhalb der demokratischen Wege liegen. "Denn schließlich versucht auch die Bundesregierung, wirtschafliche Unternehmen zu beeinflussen."

Argumente aus der TV-Steinzeit

Gar als "Skandal" bezeichnete Harald Wenzel vom John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin die stiefmütterliche Behandlung der Massenmedien von seiten der Soziologen. Sein Vortrag zeigte aber auch, dass die Sozialwissenschaften vielleicht noch einen längeren Weg vor sich haben, bis sie in der Realität gelandet sind. "Parasoziale Sendeformate" der Echtzeit-Massenmedien war Wenzels Thema, also Medien, an denen sich Zuschauer beteiligen und sie auch beeinflussen können. Diesen nur mit Beispielen aus der TV-Steinzeit, nämlich US-Talkshows der fünfziger Jahre, beizukommen, wie Wenzel es tat, reicht im Cyberspace-Zeitalter wohl nicht mehr aus. Das Internet, Echtzeit-Massenmedium mit Teilnehmer-Interaktion par excellence, fand in Vortrag und anschließender Diskussion keine einzige Erwähnung. Der bald 50-jährige Thomas Gottschalk wurde zu einem "blondgelockten Jüngling, dessen Sendungen ich nicht sehe" (eine Teilnehmerin), aktuelle Formen von Zuschauerbeteiligung im Fernsehen wie die Prügelshows des US-Talkers Jerry Springer schienen den Soziologen gänzlich unbekannt. Trotz dieser Schwierigkeiten zeigte sich Mitveranstalter Hans-Peter Müller zuversichtlich, dass die Soziologie nicht in der Versenkung verschwinden werde. Denn, so lautet sein hoffnungsvolles Fazit: "Grundsätzlich uninteressant ist die Soziologie keineswegs."

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