Gesundheit : Vorbeugen ist besser als heilen

Rosemarie Stein

Krankheit und Behinderung ist keineswegs immer schicksalhaft, nicht einmal, wenn sie angeboren ist. In Deutschland kommen zum Beispiel jährlich etwa tausend Kinder auf die Welt, deren Fehlbildungen zu 70 Prozent zu verhindern gewesen wären, hätten ihre Mütter Folsäure eingenommen. Das aber bezahlt die Kasse nicht. "Ich begreife das nicht", sagte der Berliner Epidemiologe Wolf Kirschner bei einem Fachgespräch, zu dem Klaus-Dirk Henke vom "Europäischen Zentrum für Staatswissenschaften und Staatspraxis" geladen hatte.

Kirschner kann auch nicht begreifen, dass wir noch immer keine Gesundheitspolitik haben, nur eine "Krankenkassen- und Kostendämpfungspolitik". Er muss es wissen: Er sitzt in der Berliner Gesundheitsverwaltung. Drei bis vier Prozent, so rechnete Henke als Gesundheitsökonom vor, werden von den Milliarden, die uns das Gesundheitswesen kosten, für Prävention ausgegeben, der Löwenanteil für Krankheit.

Vorbeugen ist besser als heilen, weiß der Volksmund, aber heilbar sind die heute vorherrschenden chronischen Krankheiten oft nicht, nur behandelbar - so lange wir uns das noch leisten können. Wäre Vorbeugen auch billiger? Das ist schwer nachzuweisen, wie Henke mit komplizierten Kosten-Nutzen-Abschätzungen demonstrierte. Es geht ja nicht nur darum, länger zu leben, sondern länger in Gesundheit zu leben.

Das heißt zum Beispiel: Man darf bei der Frage des ökonomischen Nutzens von Prävention nicht mit dem verhüteten tödlichen Herzinfarkt eines 65-Jährigen zufrieden sein. "Was ist, wenn er zwar noch 15 Jahre lebt, aber die meiste Zeit pflegebedürftig ist, etwa wegen Altersdemenz?", fragte Arpo Aromaa, von der Public-Health-Universität Helsinki. Aus Finnland konnte er aber Positives berichten. Dort waren Präventionskampagnen so erfolgreich, dass man angesichts des guten Gesundheitszustandes auch der Älteren jetzt erwägt, das Rentenalter heraufzusetzen.

Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Krankheiten diskutierten die Experten die Schwierigkeiten, auch bei uns das "Krankheitswesen" (Schuster) endlich zum Gesundheitswesen zu machen. Die Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Rauchen sind längst bekannt. Deutschland sei Spitzenreiter bei der medizinischen Versorgung Herz-Kreislauf-Kranker, aber trotzdem sei ihre Sterblichkeit eher zu hoch, sagte der Münchner Internist Peter Scriba. Als Mitglied des "Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen" plädiert er für ein bundesweites Programm, um die Risikofaktoren in den Griff zu bekommen, etwa mit einer Anti-Tabak-Kampagne.

Bei solchen Programmen hätte man viele Wege zu gehen und alle Beteiligten einzubinden, nicht nur innerhalb des Gesundheitswesens, fordern die Sachverständigen. In Finnland mobilisierte man zur Aufklärung über ausgewählte Risikofaktoren (Cholesterin- und Blutdruckerhöhung sowie Rauchen) außer den Gesundheitsdiensten die örtlichen Verbände und Vereine, darunter einen mächtigen Hausfrauenverein, Politiker und Presse, Industrie und Landwirtschaft. Es wurde sogar eine neue cholesterinarme Rapssorte entwickelt.

Eine solche bevölkerungsweite Strategie verbessert Verhalten und Verhältnisse. Laut Sachverständigenrat ist sie auch kosteneffektiv, "wenn auf umfangreiche, kostentreibende Screening-Untersuchungen weitestgehend verzichtet werden kann". Also keine ungezielten Filteruntersuchungen für alle. In zweiter Linie empfehlen die Sachverständigen individuelle Vorbeugung für besonders Gefährdete.

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