Gesundheit : Vorfreude, die schönste Freude

Unsere Fantasie setzt die rosa Brille auf: Auch die Erinnerung ist immer besser als die Realität

Rolf Degen

Ferienreisen, Geburtstage und andere Festlichkeiten sind für die meisten Menschen „Highlights“, die dem schnöden Alltag etwas Glanz verleihen. Doch aus der zeitlichen Entfernung wirken solche Anlässe offenbar brillanter als im Augenblick des Erlebens. Nach neuen Forschungsergebnissen nehmen wir die betreffenden Erfahrungen vorher und nachher durch eine rosarote Brille wahr.

Die psychologische Forschung weiß schon lange, dass die meisten Menschen sich selbst, ihr Leben und ihre persönliche Zukunft schön färben. Wir legen übermäßiges Gewicht auf unsere positiven Eigenschaften, überbetonen die Vorzüge unserer Situation und fühlen uns überdurchschnittlich stark gegen unangenehme Entwicklungen gefeit. Die Zerrlinse in unserer Selbstbetrachtung verbrämt in unseren Erwartungen und Erinnerungen aber auch angenehme Freizeitaktivitäten wie Reisen oder Feste, berichten die Psychologen Michael D. Robinson von der North Dakota State Universität und Gerald L. Clore von der Universität von Virginia.

Drei verschiedene Studien erbrachten den Beweis für die rosarote Sicht. Bei der ersten Untersuchung wurden Amerikaner, die eine Europareise unternahmen, einen Monat vorher, während des Trips und einen Monat später nach ihren Empfindungen befragt. An der zweiten Studie waren Probanden beteiligt, die vor dem Erntedankfest, während der Feier und eine Woche später über ihre Einschätzung der Situation Auskunft gaben. In der dritten Untersuchung wurden die Gefühle abgefragt, die die Teilnehmer vor, während und nach einem dreiwöchigen Fahrradtrip mit dieser Unternehmung verbanden.

Einhelliges Ergebnis: Sowohl die Erwartungen als auch die Erinnerungen an die betreffenden Erlebnisse waren rosarot getürkt. Die Probanden versprachen sich vorher mehr Genuss und weniger Unbehagen, als ihnen dann in der Realität zuteil wurde. Aber auch im Rückblick spielten sie die negativen Seiten herunter und bauschten die befriedigende Seite der Erfahrung auf. So sahen lediglich fünf Prozent der Teilnehmer voraus, dass Gefühle der Enttäuschung aufkommen könnten. Zum Zeitpunkt der jeweiligen Erfahrung räumten jedoch 61 Prozent ein, eine gewisse Enttäuschung zu empfinden. Doch hinterher erinnerten sich nur noch elf Prozent der Versuchspersonen daran, dass sie solche dunklen Anwandlungen gehabt hatten.

Eine Ursache für den Sehfehler ist nach Ansicht der Forscher ein Trend zum „Fokalismus“: Wenn Menschen die emotionalen Folgen eines Ereignisses vorhersagen, konzentrieren sie sich zu sehr auf diese eine Sache und verkennen die vielen anderen Umstände, die ihr künftiges Befinden ebenfalls tangieren werden. Unsere abstrakten Vorstellungen von Urlaub und Feiern sind durch die Eckpfeiler Entspannung, Romantik und Gemütlichkeit geprägt. Unschöne Details wie Geldverschwendung, unangenehme Kontakte, Schlaflosigkeit oder körperliches Unwohlsein kommen in dem Klischee nicht vor. Weil diese störenden Aspekte nicht in die Vorstellung passen, werden sie aus der Erinnerung gelöscht.

Zudem nimmt die „Buchhaltung" in unserem Kopf in dem Augenblick, in dem ein angestrebter Zustand Realität wird, eine Art Abrechnung vor. Waren unsere hochgesteckten Erwartungen berechtigt, oder gibt es Anlass zur Reue, weil eine andere Entscheidung besser gewesen wäre? Aber auch diese nörglerischen Gedanken, die unweigerlich auftreten, werden im Rückblick verdrängt. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft“, lässt George Orwell den „Großen Bruder“ in „1984“ skandieren. Unser „totalitäres Ego“ fabriziert und revidiert seine Geschichte und verfolgt bei der Beschönigung seines Lebens Praktiken, die einem Historiker schlecht anstünden.

Andere Wissenschaftler stellten fest, dass Menschen auch die Erfahrung ihres Geburtstages in den Erwartungen und Erinnerungen verbrämen. Am Jahrestag selbst fühlten die Probanden sich genauso gut wie an einem beliebigen anderen Tag. Es ist vorerst offen, in welchen Lebensbereichen Menschen diese Form des Selbstbetruges betreiben, meinen die Psychologen. Gewisse Erfahrungen sind vermutlich Ergebnis-abhängig: Bei einem Fußballspiel kommt es vermutlich darauf an, ob die eigene Mannschaft das Spiel gewinnt.

Die Bereitwilligkeit, mit der wir unsere Erinnerungen schönen und präparieren, könnte verhindern, dass wir aus unseren Erfahrungen lernen, meinen die Psychologen. „Wer seine Vergangenheit ständig im günstigen Licht umschreibt, kommt am Ende mit den Anforderungen der Zukunft nicht klar.“

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