Gesundheit : Vorgezeichneter Weg

In einer Langzeitstudie verfolgten Psychologen die Entwicklung von kindlichen Fähigkeiten und sozialem Verhalten

Adelheid Müller-Lissner

Der eine lernt schnell sprechen, traut sich aber auf keine Rutschbahn, die andere zieht sich schnell zurück, wenn Fremde kommen, malt aber mit Hingabe farbenprächtige Bilder. Schon Drei- bis Vierjährige sind ausgesprochen verschieden. Kann man im Kindergartenalter Prognosen darüber abgeben, was aus den Kleinen später einmal werden wird?

Einige Aufschlüsse über diese Frage liefert jetzt die „Logik“-Studie, deren Ergebnisse kürzlich auf einer Fachtagung vorgestellt wurden. Generell waren die Forscher überrascht, wie viele charakteristische Fähigkeiten und Eigenheiten junger Erwachsener sich schon im Kindergartenalter deutlich abzeichneten. Daraus zu folgern, dass sie den Kindern bereits in die Wiege – genauer in die Gene – gelegt worden sind, wäre jedoch voreilig. So zeigte sich etwa bei den motorischen Fähigkeiten eine klare Abhängigkeit von den Anregungen, die Eltern ihren Kindern von klein auf mit Sport und Spiel geben.

Die Langzeituntersuchung startete 1984 in München mit 200 Kindern der Jahrgänge 1980 und 1981, die gerade in den Kindergarten gekommen waren. Bis 1993 wurden sie pro Jahr dreimal mehrstündig getestet. Weitere Untersuchungen fanden dann nach einiger Zeit statt: 1998 und wieder 2003/04 wurden die 152 verbliebenen Teilnehmer, zuletzt junge Erwachsene Anfang 20, nochmals befragt und getestet. Die einprägsame Abkürzung der Untersuchung, die, von der Volkswagenstiftung gefördert, vom Max- Planck-Institut (MPI) für psychologische Forschung unter Leitung des ehemaligen Direktors Franz Weinert in München begonnen und später von einem Team um Wolfgang Schneider von der Uni Würzburg fortgesetzt wurde, steht für „Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen“. Interessiert waren die Psychologen nicht nur an der Entwicklung der Intelligenz, des sprachlichen Gedächtnisses, der Rechtschreibung und der mathematischen Fähigkeiten, sondern auch an Persönlichkeitsmerkmalen wie Selbstvertrauen, Aggressivität oder Schüchternheit und dem moralischen Empfinden.

Kinder wachsen nach individuellen Rhythmen. Wer mit fünf klein ist, kann mit zehn seine Klassenkameraden schon überholt haben. Die Rangfolge der Altersgenossen bei Mathematik oder Rechtschreibung scheint aber stabil zu sein. „Kein Teilnehmer, der nicht bereits in der zweiten Grundschulklasse überdurchschnittliche Leistungen im Lösen von Textaufgaben zeigte, war in der elften Klasse gut oder sehr gut“, sagt Elsbeth Stern vom Berliner MPI für Bildungsforschung, die diesen Bereich untersuchte. Erstaunlich fanden die Psychologen, dass sich hier der Erfolg der jungen Erwachsenen anhand des Abschneidens im Vorschulalter genauso präzise vorhersagen ließ wie aufgrund der Ergebnisse des Grundschülers. Anders gesagt: Durch den Mathematikunterricht verringern sich die Unterschiede zwischen den Kindern nicht, sondern nur der Mittelwert der Kenntnisse und Fähigkeiten steigt an. Zum Teil ist das eine Frage der Intelligenz: Um beim Lösen kniffliger Textaufgaben Erfolg zu haben, muss jeder ein bestimmtes Maß davon mitbringen. „Nicht aus jedem Kind ist alles zu machen“, sagt Bildungsforscherin Stern.

Andererseits wird auch der Intelligenteste keinen Erfolg haben, ohne das notwendige Wissen erworben zu haben. Die Studie zeigt, dass Kinder ohne frühes Interesse an Zahlen auch später in Mathematik nicht sehr gut werden. „Schon wenn man ab und zu mit den Kindern Brettspiele wie ,Mensch-ärgere-Dich-nicht‘ spielt, kann man solche Talente fördern“, sagt Stern. In der Schule werde zu wenig dafür getan, frühe Förderungsdefizite auszugleichen: „Kinder mit guten geistigen Voraussetzungen, denen die elterliche Förderung in der Vorschulzeit fehlte, konnten später keinen Kick nach vorne machen, und das spricht eher gegen die Qualität des Schulunterrichts.“

Ähnliche Schlussfolgerungen lassen sich für die Rechtschreibung ziehen: Lesen und schreiben fällt Kindern leichter, die früh ein Bewusstsein für Sprache entwickeln können. Wer mit sieben Jahren mehr Fehler machte als seine Mitschüler, schrieb auch als 23-Jähriger überdurchschnittlich viel falsch. Zwischen dem 17. und dem 23. Lebensjahr fand überhaupt keine Verbesserung mehr statt. Die Basis an Grundfähigkeiten lasse sich besonders gut in den ersten Jahren legen, folgert Projektleiter Wolfgang Schneider. Da müsse schulische Bildung ansetzen.

Auch die moralische Entwicklung beginnt früh. „Erstaunlich, dass Kinder schon mit vier bis sechs Jahren einfache moralische Regeln kennen und verstehen“, sagt Gertrud Nunner-Winkler vom Münchner MPI. In der Moralentwicklung unterscheiden Psychologen jedoch zwischen der Kenntnis der Regeln und der inneren Motivation, sich danach zu richten. Kindergartenkinder wissen zwar recht gut, dass man anderen nichts wegnehmen sollte, sie geben aber meist ungerührt zu Protokoll, ein Schokoladendieb fühle sich gut – weil er die Beute genießen kann. Mit der Zeit ändert sich diese Sicht der Dinge. Doch die Entwicklung der moralischen Motivation scheint individuell recht unterschiedlich zu verlaufen. Zwar gibt es im Schnitt einen Anstieg, doch eine Gruppe von Studienteilnehmern hatte mit 17 sogar niedrigere Werte als mit acht Jahren. Die Forscher können sich noch keinen rechten Reim auf diese Befunde machen. Fest steht jedoch, dass es deutliche Geschlechterunterschiede gibt. Vor allem Jungen, die sich in Tests stark mit männlichen Geschlechterstereotypen wie Durchsetzungsfähigkeit identifizierten, waren weniger bereit, sich moralkonform zu verhalten.

Wichtig sei für die Herausbildung ethischer Maßstäbe, ob die Vorstellungen dazu in Elternhaus, Schule und Freundeskreis übereinstimmen. „Wenn das der Fall ist, ist abweichendes Verhalten seltener“, sagt Nunner-Winkler. Anders als beim Umgang mit Zahlen gibt es hier auch später noch Überraschungen. „Wir erleben heute eine Ich-nahe, urteilsbezogene Bindung an die Moral, und in der Adoleszenz kann der Heranwachsende nochmals reflexiv Stellung nehmen“, sagt die Psychologin.

Auch das Persönlichkeitsmerkmal Schüchternheit war bei vielen Kindern vorübergehend. „Nur bei sehr extremer Ausprägung ist Schüchternheit im Kindergartenalter ein Risikofaktor für spätere Minderwertigkeitsgefühle“, fasst Jens Asendorpf von der Berliner Humboldt-Universität zusammen. Meist brauchen junge Erwachsene, die als Kinder gehemmt waren, einfach nur etwas länger, bis sie in Beruf und Partnerschaft Fuß fassen. Bedenklicher findet der Psychologe, was sich beim Merkmal Aggressivität ergab: Wer in der Kindergartengruppe zu den Aggressivsten zählte, erreicht später deutlich seltener den Bildungsabschluss, den seine Intelligenz erwarten ließe. Und er trägt ein zwölffach erhöhtes Risiko, als Erwachsener straffällig zu werden.

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