Gesundheit : Vorlesung über "Boy Meets Girl" trifft Campus-Testerin ins Herz

Sonja Kastner

Regelmäßig schleichen sich Campus-Mitarbeiter inkognito in Vorlesungen und üben schonungslose Kritik - oder sprechen überschwängliches Lob aus.

Ohne dass Bodo Rollka die Stimme erheben muss, wird es ruhig in dem gut gefüllten Vorlesungsraum der Hochschule der Künste. Der Professor für Text im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation lächelt freundlich in die Runde.

Es scheint hier niemandem schwer zu fallen, gedanklich an das anzuknüpfen, was in der letzten Sitzung im alten Jahrtausend besprochen wurde: Das ewig Unterhaltung versprechende Motiv von "Boy Meets Girl", die Story von Liebe und Herzschmerz, die die medialen Traumfabriken in unzähligen Fernseh-Shows oder Kinofilmen in immer neuen Facettierungen produzieren. Rollka geht es um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Werbung und Unterhaltung, um die Parallelen oft verschmähter Groschenromane und Werbespots beispielsweise, die jedoch, so bemerkt Rollka augenzwinkernd, Angehörigen aller Bevölkerungsschichten amüsante Abwechslung vom harten Alltag verschaffen.

Einstimmiges Nicken der Zuhörer.

In der Werbung verhelfe das Prinzip "Boy Meets Girl" einem schnöden Produkt durch emotional aufgeladene Aussagen zu einer schillernden Persönlichkeit. Rollka warnt jedoch die eifrig mitschreibenden Erstsemester, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht: Auch wenn Werbung am rechten Ort, zur rechten Zeit mit dem rechten Angebot genussvolle Unterhaltung sei, als Unterbrechung spannender Spielfilme gerate sie meist zum Ärgernis. Was ist schon Persil gegen Humphrey Bogart?

Kurze Denk- und Rauchpause.

Bodo Rollka belegt seine Beobachtungen durch eine Fülle von Theorien unterschiedlicher Disziplinen: Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften, Soziologie oder Psychologie. Die grauen Zellen der Zuhörer scheint er damit zum Glühen zu bringen - Haare werden gerauft, leise wird getuschelt. Nun legt Rollka richtig los. Mit feiner Ironie spricht er von den oft unterschätzten Zuschauern, den "Reflex-Amöben mit Fernbedienung", die ihre Talkshow-Darlings bewundern. Plausibel stellt er Bezüge zwischen dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu und den trivial scheinenden Schnulzen aus dem Schlager-Funk her.

Dass selbst Examenskandidaten den äußerst geistreichen, aber mitunter weit gespannten Bögen von der Antike bis zur Postmoderne nur mit ahnungslos großen Augen folgen können, nimmt der Professor schmunzelnd hin. Resümierend zitiert er einen Kollegen: "Unterhaltung ist nicht immer lustig. Aber nichts ist weniger lustig, als Unterhaltung zu definieren!" Bodo Rollka gelingt es in seiner Vorlesung jedoch meisterhaft, dies zu widerlegen.Bodo Rollka, "Werbung und Unterhaltung", HdK Berlin, Mierendorffstr. 28-30, Raum 101, dienstags 12 bis 14 Uhr.

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