Gesundheit : Vorsicht, Nietzsche!: "Nur Narr, nur Dichter, nur Werbetexter"

"nietzsches 5. Evangelium" nennt der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk seine Grabrede, die er heute Abend anlässlich von Friedrich Nietzsches 100. Todestag in Weimar halten wird. Bereits auf einer Nietzsche-Tagung, die im Juli in Schloß Elmau stattfand (vergleiche Tagesspiegel vom 24.7.), wurde die Rede gehalten, aus der im Folgenden einige Auszüge veröffentlicht werden.

Wie sich zeigt, ist Sloterdijks Nietzsche-Bild - das auch im vergangenen Jahr im Streit um Sloterdijks kontroverse "Regeln für den Menschenpark" eine wichtige Rolle spielte - durchaus einseitig. "In Schutz nehmen" möchte Sloterdijk den Nietzsche des "Zarathustra" gegenüber anderen Auslegungen, die sich auf seine diskursiveren Schriften stützen.

Schon 1983 feierte Sloterdijk in Nietzsche den Vordenker einer "neuheidnischen Kultur". Noch in seiner letzten Veröffentlichung "Die Verachtung der Massen" (erschienen im Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2000), wird Friedrich Nietzsche zum Gewährsmann für eine "potenzierte Verachtung". Nietzsche so heißt es dort, liefere "die plausibelste Beschreibung des Mehrheitsverhaltens in modernen Gesellschaften" weil "es dem Erniedrigungsbedürfnis des erniedrigten Selbstbewusstseins eben die Beinahe-Allgegenwart bescheinigt, die ihm in empirischer Hinsicht tatsächlich nahekommt." Auch in seiner auf der Elmau gehaltenen Rede erscheint Nietzsche als Gegner des "way of life" der "neuen flexibilisierten Massen". Manche dieser Affekte scheint Peter Sloterdijk zu teilen, wie die folgenden Ausschnitte belegen. such

Wie über Nietzsche sprechen? ... Sollen wir hervorheben, dass er wie noch nie ein Autor die Distinktion betont und die Vulgarität angezogen hat, sollen wir feststellen, dass mit ihm die Ära des Narzissmus einsetzte, der sich als "Aufstand der Massen", dann als "Große Politik", schließlich als Diktatur des globalen Marktes manifestieren sollte, sollen wir zugeben, dass mit ihm die Geschichte der akademischen Philosophie beendet war und die Kunstgeschichte des Denkens begann? ...

Ich möchte Nietzsche als Katastrophe in der Geschichte der Sprache beschreiben, und den Nachweis erbringen, dass seine Intervention als literarischer Neuevangelist einen Einschnitt in die alteuropäischen Verständigungsverhältnisse darstellt... .

Nietzsche möchte einen Menschentypus provozieren, der nicht mehr fragt, der einen absoluten Potlatsch als die eigentliche Grundform der Koexistenz ansieht. In dieser Weise ist Nietzsche jemand, der einen Vorschlag zu einer höheren Steuerreform macht. Er möchte die zukünftige Geschichte als Wettbewerb der Großzügigen um freiwillige Aufnahme in einen Höchststeuersatz... .

Das Thema des 20. Jahrhunderts ist Selbstbezüglichkeit... . Nietzsche setzte seinen Namen als Markennamen für ein erfolgreiches immaterielles Produkt durch, für eine literarische Lifestyle-Droge, oder einen gehobenen way of life, das nietzscheanische Design des Individualismus... .

Nietzsche hat die moderne Sprache freigesetzt: nur Narr, nur Dichter, nur Werbetexter. Und eben weil die Lifestylemarke Nietzsche noch immer eine deutliche Attraktion abstrahlt, hat sie sich im letzten Drittel des 20.Jahrhunderts beim Einsetzen der neuen individualistischen Hochkonjunktur von den Einbrüchen erholen können, die sie infolge ihrer Kopien durch faschistische Redakteure erlitten hat.

Es liegt auf der Hand, dass der Autor Nietzsche auch beim damaligen fatalen Stand der Edition für den Nationalsozialismus unmöglich war, und dass auch die Marke Nietzsche nur in engen Grenzen zur Vervielfältigung in der faschistischen Popkultur sich anbot. Dies zu verstehen muss man berücksichtigen, dass der Faschismus prozedural nichts anders ist, als der Einbruch der Pop- und Kitschkultur in die Politik... .

Hitlers Erfolgsstrategie als Pop- und Kitschpolitiker bestand darin, einen Pop-Nationalismus mit einem Event-Militarismus so zu verbinden, dass er den Massennarziß auf dem kürzesten Weg befriedigte... . In energetischer Sicht ist der Faschismus die Eventkultur des Ressentiments, eine Definition im Übrigen, von welcher aus die anstößige Konvertierbarkeit der linken Affekte in rechte und umgekehrt verständlich wird. Weil und solange Öffentlichkeit als Regietheater des Ressentiments funktioniert, ist die Austauschbarkeit der Texte immer vorausgesetzt.

Die Erfolgsmarke Nietzsche konnte in den semantischen Werbefeldzügen der NS-Bewegung insoweit immer eine Rolle spielen, als man ihre Meditationen, die unversöhnlichen invidualistischen und avantgardistischen Grundwertungen wegließ... . Was sind die USA, wenn nicht das Produkt einer Erklärung der Unabhängigkeit von der Bescheidenheit oder der Kultur? ...

Auf dem Feld der Marken hat Emersons Entwurf den Sieg über Nietzsche davon getragen. Darum sind heute alle Nonkonformisten, nicht freie Geister. Und unsere durchschnittlichen Gedanken und Gefühle sind allesamt made in USA, nicht made in Sils-Maria.

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