Gesundheit : Vorzeigestadt für ein langes Leben

Der demografische Wandel bietet Chancen für Medizinmetropole und Wissenschaftszentrum Ein Gastbeitrag von Ulf Fink und Franz Dormann vom Verein Gesundheitsstadt Berlin.

Neugierig. Ältere Menschen sind heute biologisch gesehen fünf Jahre jünger als die Vorgängergeneration. In 20 Jahren ist die Welt ohne aktive Alte nicht mehr vorstellbar. Foto: dpa
Neugierig. Ältere Menschen sind heute biologisch gesehen fünf Jahre jünger als die Vorgängergeneration. In 20 Jahren ist die Welt...Foto: picture alliance / dpa

Wenn die Bundesregierung dieser Tage ihre Demografiestrategie vorlegen wird, dann geht es vorrangig um ein Ziel: Die Chancen eines längeren Lebens für den Einzelnen wie für die Gesellschaft zu erkennen und zu nutzen. Ja, es geht um Chancen. Ohne die Herausforderungen der demografischen Entwicklung kleinreden zu wollen: Viel zu lange haben wir die alternde Gesellschaft nur als Kostenfaktor betrachtet, aber ignoriert, dass diese Entwicklung auch eine neue Quelle für Wachstum und Wohlstand sein kann. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass in einer sich verändernden Gesellschaft völlig neue Nachfragen und damit neue Märkte entstehen. Ob Wohnen, Kommunikation, Technik oder Mobilität – es wird um neue Produkte und Dienstleistungen in fast allen Lebensbereichen gehen. Und Deutschland könnte wieder mal Exportnation sein, denn in großen Teilen dieser Welt altert die Bevölkerung.

Neben wirtschaftlicher Kraft und Innovationsfähigkeit hat Deutschland einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber vielen anderen Ländern: Es ist der „Gesundheitsvorteil“. Die Zahl der Jahre, die wir in guter Gesundheit leben, nimmt stetig zu und biologisch sind die heute 60-Jährigen im Schnitt fünf Jahre jünger als ihre Vorgängergeneration. Dass Siebzigjährige Marathon laufen, Achtzigjährige ehrenamtlich Firmen beraten und Neunzigjährige über Skype mit ihren Enkeln telefonieren, mag heute noch die Ausnahme sein. In zwanzig Jahren, wenn jeder dritte Deutsche über 60 ist, wird die Welt ohne diese gesunden, aktiven Alten nicht mehr vorstellbar sein.

Ökonomen haben ausgerechnet, dass jedes Jahr an zusätzlicher Lebenserwartung – ein Indikator für Gesundheit – einen Zuwachs von sieben Prozent Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt bedeutet. Gesundes Altern bedeutet also nicht nur eine Steigerung der Lebensqualität, sondern auch der Produktivität. Diese Tatsache ist in der Öffentlichkeit ebenso wenig bekannt, wie der Fakt, dass für das Gesundheitssystem die höchsten Kosten unmittelbar vor dem Ende des Lebens entstehen, egal ob jemand mit 40, 60 oder 90 Jahren stirbt. Die Kosten nehmen in einer alternden Gesellschaft deshalb nicht automatisch zu, sie verlagern sich bloß weiter nach hinten.

Das alles spricht dafür, dass Deutschland von der demografischen Entwicklung enorm profitieren kann. Vorausgesetzt die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden richtig gesetzt. Berlin hat jetzt die Chance, die Weichen auf „Zukunftskurs“ zu stellen. Die Hauptstadt ist nicht nur das Zentrum der politischen Entscheidungen, sondern auch die Stadt der (Lebens-)Wissenschaften und eine kreative Keimzelle obendrein. Hier werden die Themen des demografischen Wandels diskutiert, hier treffen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik am besten zusammen. Innovative Einzellösungen, die in Deutschland entwickelt werden, könnten hier zu einem großen Ganzen zusammengeführt werden. Warum also sollte Berlin die Chancen einer alternden Gesellschaft nicht zur „Hauptstadtsache“ erklären? Die Berliner Altersmedizin und -forschung ist bundesweit einmalig aufgestellt und legt zusammen mit Dutzenden Berliner Wissenschaftseinrichtungen, Pharma-, Biotech- und Medizintechnikunternehmen entscheidende Grundlagen für gesünderes Altern. Vorrangiges Ziel ist neben der Prävention, dass Menschen trotz Krankheiten so lange wie möglich ein lebenswertes Leben führen können.

Deshalb arbeiten Berliner Forscher und technologienahe Unternehmen auch maßgeblich an der Entwicklung sogenannter „AmbientAssistedLiving“-Produkte, kurz AAL, mit. Die technischen Hilfsmittel sollen ein eigenständiges Leben in vertrauter Umgebung ermöglichen und somit auch Angehörige entlasten und verhindern, dass Menschen vorzeitig zum Pflegefall werden. Sie reichen von Sensorarmbändern, die Vitaldaten messen, bis hin zu ausgefeilten Sicherheits- und Überwachungskonzepten. Gegenwärtig werden vom Bund, insbesondere vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), beachtliche Fördermittel in die Entwicklung dieser Technologien gesteckt. 25 Millionen Euro hat das BMBF zum Beispiel in das Verbundprojekt „SmartSenior“ investiert. Mehr als die Hälfte der 28 Partner stammt aus der Hauptstadtregion.

Der Markt für technische Assistenzsysteme gilt als aussichtsreicher Wachstumsmarkt und wird allein in Deutschland auf 87 Milliarden Euro geschätzt. Allerdings gibt es noch erhebliche Hemmnisse, vor allem, weil diese Produkte nicht zur Regelversorgung gehören. Mit einer Ausnahme: Notrufsysteme für zu Hause. Den entscheidenden Anstoß für diese Entwicklung hat der Staat gegeben, indem er die Bezahlung eines einfachen Notrufsystems als Leistung der Pflegeversicherung vorgesehen hat, damit Pflegebedürftige nicht im Heim, sondern zu Hause leben können. Der bereits gut entwickelte Markt für Notrufsysteme ist ein wunderbares Beispiel, welchen Effekt so ein Anstoß von staatlicher Seite hat.

Es gibt viele weitere Bereiche, wo eine Anstoßwirkung sinnvoll wäre, etwa im Bereich Wohnen. Nicht einmal ein Prozent der Wohnungen in Deutschland sind heute altersgerecht. Eine gigantische Aufgabe, dies zu ändern. Studien haben gezeigt, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen und ein positives Wohnumfeld die Pflegekosten um 30 Prozent senken können, vor allem deshalb, weil die Menschen länger aktiv bleiben. Gesellschaftliche Teilhabe etwa durch ehrenamtliches Engagement spielt hierbei eine wichtige Rolle. Konzepte zu entwickeln, die Wohnen in den eigenen vier Wänden mit sozialen Dienstleistungen und Technik verknüpfen, sind daher eine Schlüsselaufgabe und eine kluge Investition zugleich.

Mit ihrer Dichte an Mietwohnungen und sozialen Einrichtungen ist die Hauptstadt prädestiniert dafür, die Pilotregion für neue Wohnmodelle zu werden. Für Wohnungsbaugesellschaften und Dienstleister eröffnen sich hier völlig neue Geschäftsfelder und für Berlin die Chance, sich als Stadt des langen Lebens zu profilieren. So wie das Otto Bock Science Center eine Bühne für Menschen mit Behinderung ist, so kann Berlin zum Schaufenster des gesunden Alterns werden, national und international. Zumal es in der Hauptstadt eine hohe publizistische Aufmerksamkeit gibt.

Denn wenn Deutschland seine Produkte und Konzepte exportieren will, braucht es eine Vorzeigeregion, ein Silicon Valley des langen Lebens. Die Metropole könnte, wenn jetzt strategische Weichen dafür gestellt werden, künftig Industrienationen und Schwellenländer davon überzeugen, dass gesundes Altern und selbstbestimmtes Leben auch für Hochbetagte möglich sind. Und dass Deutschland die passenden Konzepte und Produkte für ein langes Leben hat. Die Chancen des demografischen Wandels sind ganz klar auch eine Chance für Berlin.

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