Gesundheit : Wachstumsbranche

„Hair 2004“: Was Ärzte gegen Haarausfall bei Frauen unternehmen

Adelheid Müller-Lissner

Hildegard von Bingen empfahl eine Pomade aus Bärenfett und Asche, die gewissenhaft einmassiert werden sollte. Schon im Mittelalter suchten die Menschen nämlich Hilfe, wenn ihnen die Haare auszugehen drohten. Die häufigste Form des Haarverlusts, die androgenetische Alopezie, ist zwar eine Reaktion auf männliche Hormone. Doch das Ergebnis zeigt sich nicht allein bei Männern. Auch ein Fünftel aller Frauen über 20 ist zumindest leicht betroffen.

„Für Frauen ist das ein viel größeres Problem als für Männer“, sagte Wolfram Sterry, Direktor der Hautklinik an der Charité Campus Mitte, gestern aus Anlass „Hair 2004“. Auf diesem Weltkongress für Haare, der noch bis Sonnabend 450 Experten aus 38 Ländern in Berlin versammelt, wird Haarausfall bei Frauen ein wichtiges Thema sein.

Manche Mittel, wie etwa Finasterid, das zuerst gegen eine gutartige Vergrößerung der Prostata eingesetzt wurde und dann als Lifestyle-Medikament gegen Haarausfall Karriere machte, sind wegen schädlicher Wirkungen auf Ungeborene Männern vorbehalten.

Schon etwas älter sind die Erfahrungen mit dem Blutdruckmittel Minoxidil, das verdünnt in einer Lösung auf die Kopfhaut aufgetragen wird. Auch dieses Mittel war bisher nur für Männer zugelassen. Seit April gibt es auch auf dem deutschen Markt eine zweiprozentige Lösung für Frauen. Das Mittel wirkt einerseits, indem es die Wachstumsphase des Haares verlängert. In dieser Phase, die im Normalfall mehrere Jahre dauert, befinden sich etwa 80 Prozent der Kopfhaare, ehe sie in eine kurze Ruhephase und eine mehrmonatige Endphase übergehen.

Andererseits sorgt das Mittel auch für eine zunehmende Dicke des einzelnen Haars, denn es vergrößert auch die Haarfollikel, die Taschen, in denen das Haar in der Haut verankert ist. „Jede dritte Frau hat nach drei Monaten deutlich stärkeren Haarwuchs im Bereich des Mittelscheitels", sagte Elise Olsen von der Duke-Universität in den USA.

Der Haarschaft, der sichtbare Teil des Haars, besteht aus totem Material. Im Haarfollikel wird dagegen rege gearbeitet, zum Beispiel von Hormonen und von mehreren Arten von Stammzellen. Der Freiburger Haarspezialist Rolf Hofmann berichtete von Versuchen, in denen Zellen aus dem Haarfollikel der Maus entnommen, kultiviert und an haarlose Stellen verpflanzt wurden. „Danach wuchsen am Ohr Schnurrhaare.“ Es wird aber sicher noch Jahre dauern, bis solche Verfahren auch Menschen helfen können.

In der Charité-Arbeitsgruppe der Kongresspräsidentin Ulrike Blume-Peytavi wird an Verfahren gearbeitet, mit denen Wirkstoffe zielgenau in die Haarfollikel vor Ort transportiert werden können. Als „Taxis“ sollen winzige Kapseln dienen. Ihre Größe variiert je nach Zielort im Haarkanal. Bei den bisherigen Versuchen kamen 40 Prozent der Partikel an ihren unterschiedlichen Zielen an. Bisher sind die Fahrzeuge noch leer: „Die Fahrgäste der Taxis müssen noch bestimmt werden“, sagt Blume-Peytavi. Doch in einigen Jahren sind die gefüllten Molekülkapseln aus Silikon möglicherweise schon in Cremes enthalten, die man auf die Kopfhaut auftragen kann. Und die wirksamer sind als Bärenfett und Asche.

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