Gesundheit : Wahre Egoisten

Welche Forschung ist für Berlin am wichtigsten? Die Unis wollen alleine entscheiden – ohne den Rat der Wirtschaft

Uwe Schlicht

BERLIN SPART – DIE HOCHSCHULEN KÄMPFEN UMS GELD

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Das sagt der Volksmund. Aber in Berlin ist alles anders. Sprichwortweisheiten gelten hier nicht. Wenn die drei großen Universitäten sich seit Wochen um die Aufteilung der Sparauflage von 75 Millionen Euro streiten, fehlt der Konterpart, der sich darüber freut. Die Politiker und die Berliner Wirtschaft machen sich wegen dieses Streites große Sorgen. Denn eines ist offensichtlich geworden: Kaum haben die Universitäten auf mehr Autonomie gesetzt und das mit dem Argument begründet, sie könnten schneller und besser als die Politiker auf die Herausforderungen in Wissenschaft und Gesellschaft reagieren, zeigen sie sich im Streit um das Geld als wahre Egoisten. Schon bevor Wissenschaftssenator Thomas Flierl die Aufteilung der Sparsumme in Höhe von 75 Millionen Euro für die Jahre 2006 bis 2009 bekannt gegeben hat, begann der Streit. Er wird wohl bis zum Juni 2004 anhalten – dem Zeitpunkt, an dem alle drei Universitäten neue Strukturpläne vorlegen müssen und der Senator endgültig die Plafonds für jede Universität festlegen wird.

Im Frühjahr, als die neue große Einsparungsrunde für die Hochschulen in einer nachhaltigen Schädigung des Wissenschaftsstandortes zu enden drohte, hatten führende Vertreter der Berliner Wirtschaft aus der Initiative „An morgen denken“ alles vorbereitet, um in Berlin Politiker und Hochschulen in der brisanten Situation zu beraten. Mit den Vorschlägen zu den künftigen Schwerpunkten sollte eine dauerhafte Grundlage für Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gefunden werden.

Ein Hemmschuh für die Entwicklung

Diese sieht die Initiative „An morgen denken“ in der Biotechnologie (Gentechnik), der Informations- und Kommunikationstechnik, der Entwicklung von Verkehrssystemen, der Medizintechnik, der Mikrosystemtechnik und in den Optischen Technologien, in der Strukturforschung mit Hilfe von Großgeräten, die der Entwicklung neuer Werkstoffe zugute kommen. In den wichtigen Branchen Fahrzeugbau, Maschinenbau, technische Optik, Medizintechnik und Elektrotechnik seien die meisten Produkte in den letzten fünf Jahren entwickelt worden, die über 70 Prozent des Umsatzes ausmachten. Dies werde jedoch nicht ausreichend erkannt: „Der nachrangige Stellenwert von Wissenschaftspolitik ist, neben der angespannten Finanzsituation, heute das größte – von der Politik verantwortete – Hindernis für die Entwicklung des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Berlin“, heißt es in einem bisher unveröffentlichten Konzeptpapier. Der Initiative „an morgen denken“ gehören bedeutende Manager an wie Norbert Bensel (Deutsche Bahn), Gerd von Brandenstein (Siemens), Günter Stock (Vorstand Schering), Hans-Georg Junginger (Sony Europa GmbH), Jan Eder (Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer) und Manfred Gentz (DaimlerChrysler).

Ohne Zweifel liegen die wichtigsten Felder aus Sicht der Initiative „An morgen denken“ im Bereich der Ingenieurwissenschaften, der Naturwissenschaften und der Medizin. Eine ähnliche Ausrichtung findet sich auch in den Entwicklungsperspektiven für Hamburg bis zum Jahr 2012. Hamburg möchte in sechs Feldern wachsen: In den Lebenswissenschaften, der Luftfahrtindustrie, der Nanotechnologie, der Informationstechnik und den Medien, im Bereich Hafen und Logistik sowie im Welthandel. Eine Expertenkommission unter Vorsitz des früheren Ersten Bürgermeisters und ehemaligen Bundeswissenschaftsministers Klaus von Dohnayi empfahl, dass die Zahl der Absolventen in Hamburg pro Jahr von heute 3900 auf 6500 im Jahr 2012 steigen soll. Durch Umsteuerung soll es mehr Absolventen in den Ingenieur-, Natur-, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften geben, weniger aber in den Kultur- und Sozialwissenschaften.

Bei einer solchen Clusterplanung stehen Kultur- und Sozialwissenschaften nicht im Mittelpunkt. Von daher ist es kein Wunder, dass die Präsidenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität vehement gegen die Einberufung einer Expertenkommission in Berlin Front gemacht und die Manager in der Initiative „An morgen denken“ dazu gedrängt haben, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Noch heute sagt FU-Präsident Dieter Lenzen: „Berlin ist rauf und runter begutachtet worden. Jetzt muss gehandelt werden.“ Auch Präsident Jürgen Mlynek von der Humboldt-Universität ist der Meinung, die Universitäten wüssten selbst genau, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und könnten daher ihre Strukturprobleme in Absprache untereinander selbst am besten regeln.

Diese Absprache funktioniert jedoch nur zwischen der Freien Universität und der Humboldt-Universität. Seit der radikale Vorschlag von Finanzsenator Thilo Sarrazin, in den Berliner Hochschulen 200, 300 oder 400 Millionen Euro zu sparen, durch Klaus Wowereit und den Berliner Senat auf 75 Millionen Euro geschrumpft worden ist, fehlt den Universitäten der gemeinsame Gegner, und sie bekämpfen sich untereinander. Das zeichnete sich schon im Sommer ab, als der Präsident der Technischen Universität, Kurt Kutzler, die Idee der Initiative „An morgen denken“ unterstützte, in Berlin nach Hamburger Vorbild eine Expertenkommission einzuberufen. Das zeigte sich erneut, als sich unlängst herausstellte, dass auf die Technische Universität die größte Sparlast zukommen wird.

Jede Universität hat bereits eine große Sparwelle hinter sich. Als Berlin in der Zeit der großen Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen die Zahl der Studienplätze von 115 000 auf 85 000 reduzierte, mussten die Universitäten ein Viertel bis zur Hälfte ihres Professorenbestandes aufgeben. Bei jeder Universität geht es jetzt an die Substanz.

Gleichzeitig ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, die vier Universitäten besitzt. Wenn Berlin beim Bundesverfassungsgericht unterliegt, könnten die Politiker daran denken, die Zahl der Universitäten zu reduzieren. In diesem Fall wäre die Technische Universität auf der Erfolgsseite. Die Freie Universität und die Humboldt-Universität müssten die größten Opfer bringen.

Jede Universität ist stolz auf ihr Leitbild. Das erschwert eine pragmatische Lösung. Die Freie Universität ist durch ihre Gründungsgeschichte den Amerikanern verpflichtet. Die Humboldt-Universität will im Geiste von Wilhelm und Alexander von Humboldt wieder Weltgeltung erringen. Und die Technische Universität, die im Dritten Reich zur Denkfabrik für die Rüstung der Nationalsozialisten geworden war, bekennt sich zu ihrem von den Briten gegebenen Gründungsauftrag von 1946: Ingenieure dürfen nie mehr nur zu Fachidioten ausgebildet werden, sondern sollen sich der Technikfolgen bewusst werden. Seitdem gibt es Geistes- und Sozialwissenschaften an der TU.

Zurück an die Spitze

Die TU will zurück an die Spitze der Ingenieurausbildung in Deutschland und begründet ihren Anspruch auf einen geringeren Sparbeitrag mit dem Argument der „Alleinstellung“. In 24 Diplomstudiengängen sei sie einzigartig in Berlin. FU-Präsident Dieter Lenzen lässt das alles kalt. „Wenn TU-Studenten als künftige Ingenieure sich auch in Sozial- und Geisteswissenschaften ausbilden möchten, können sie das an der Freien Universität tun.“ Auch die Ausbildung der Berufsschullehrer sieht Dieter Lenzen nicht an die TU gebunden. „Schon heute findet die kaufmännische Ausbildung der Berufsschullehrer an der Humboldt-Universität statt.“

Bei den Berufsschullehrern in den technischen Fächern müsse die Schulverwaltung klären, ob sie bereit ist, solche Lehrer für den Schuldienst anzuerkennen, die ihre technische Ausbildung an einer Fachhochschule erhalten haben. Auch in dieser Frage sind sich Humboldt-Uni und Freie Universität einig. Zur Abwehr der TU-Ansprüche hat HU-Präsident Jürgen Mlynek noch ein weiteres Argument parat: Er beruft sich auf das Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das der Humboldt-Universität den 9. Rang und der FU den 13. Rang unter 80 deutschen Universitäten zubilligt, während die TU auf den 20. Rangplatz zurückgefallen ist (siehe Kasten).

Aber egal, wie die Sparlast nun verteilt wird: Die 85 000 Studienplätze lassen sich nicht mehr halten – obwohl Klaus Wowereit und Wissenschaftssenator Thomas Flierl das Gegenteil behaupten.

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