Gesundheit : Wahrsagerin Elizabeth Teissier: Schmetterling der Soziologie

Jörg von Uthmann

Als Jean-Baptiste Colbert, der Premierminister Ludwigs XIV., 1666 die Académie des Sciences gründete, schloss er die Astrologie von den wissenschaftlichen Disziplinen aus. Zwölf Jahre später, nach dem Prozess gegen die Wahrsagerin und Giftmischerin Voisin, bedrohte ein königliches Dekret Voraussagen der Zukunft mit der Verbannung. Dass die Astrologie nun wieder an die Sorbonne zurückgekehrt ist, hat die Franzosen schockiert. Vier Nobelpreistäger haben jetzt in einem gemeinsamen Brief an Erziehungsminister Lang gegen das Feigenblatt, das die Universität Paris V dem volkstümlichen Aberglauben verschaffte, protestiert. Auch die Presse schießt aus allen Rohren auf die ehrwürdige Institution, die sich vor Verlegenheit windet.

Die Aufregung gilt der Promotion einer Frau, die bisher nicht eben durch wissenschaftliche Leistungen aufgefallen war. Elizabeth Teissier, née Germaine Hanselmann, machte sich zunächst als Modell bei Chanel und später als Sterndeuterin einen Namen. Die Großen und Mächtigen des Landes, François Mitterrand eingeschlossen, suchten gern ihren Rat. Entsprechend mondän ging es bei der soutenance ihrer Doktorarbeit zu - einer dem deutschen Rigorosum vergleichbaren Zeremonie: Die 280 geladenen Gäste, die die Bänke des Amphitheaters Liard drückten, kannten sich in den Boutiquen der Rue du Faubourg St. Honoré ersichtlich besser aus als in den spartanischen Gewölben der Sorbonne. Der Titel der zweibändigen, 900 Seiten umfassenden Dissertation lautet: "Epistemologische Situation der Astrologie, dargestellt anhand der Ambivalenz Faszination-Ablehnung in den postmodernen Gesellschaften". Keine naturwissenschaftliche Arbeit also, sondern eine soziologische. Madame Teissier erhielt für ihre akademischen Bemühungen die Note "très honorable" ohne Glückwunsch.

Nun beschäftigt sich die Soziologie schon seit langem mit Gegenständen, die außerhalb des strengen Wissens liegen. Max Webers Untersuchungen über die protestantische Ethik, Émile Durkheims "Grundformen des religiösen Lebens" oder Raymond Arons "Opium der Intellektuellen" (über die Religion des Kommunismus) sind Klassiker der Disziplin. Der Unterschied zwischen den Klassikern und Madame Teissier ist, abgesehen vom schwülstigen Titel, der Blickwinkel: Weber, Durkheim und Aron behandeln ihr Thema als Außenstehende - etwa wie ein Zoologe Schmetterlinge oder Mäuse seziert. Madame Teissier fühlt sich dagegen selbst als Schmetterling: Als ihr Doktorvater, Michel Maffesoli, bei der soutenance darlegte, selbstverständlich gehe es nicht darum, die Astrologie zur Wissenschaft zu erheben, rief sie temperamentvoll dazwischen: "Doch, doch! Sie ist eine Wissenschaft!" Nur widerstrebend gehorchte sie Maffesolis Aufforderung, gefälligst zu schweigen, und grummelte: "Ich hab doch nicht 900 Seiten für die Katz geschrieben!"

Auch in ihrer Arbeit zählt sie eine Reihe von "unwiderleglichen Beweisen für den Einfluss der Planeten" auf. Unter anderen Eideshelfern bemüht sie den eminenten Gelehrten Gunther Sachs, Ex-Ehemann von Brigitte Bardot, der in seinem "Dossier Astrologie" herausgefunden haben will, dass BMWs besonders häufig von "Waagen" gekauft werden, Audis dagegen von "Löwen".

Maffesoli, der nicht nur von Naturwissenschaftlern und der Presse angegriffen wird, sondern auch von Kollegen der eigenen Disziplin, ist sich keiner Schuld bewusst: Dass es auch anfechtbare Partien in einer Dissertation gebe, sagt er, sei normal. "Die Astrologie ist das Problem von Madame Teissier, nicht meins." Er sieht sich als Opfer einer Kampagne, deren wahrer Grund 20 Jahre zurückliegt, als er seinen Lehrstuhl gegen einen Mitbewerber aus der Bourdieu-Schule eroberte. Das hätten ihm die einflussreichen Anhänger Bourdieus nie verziehen.

Auch andere haben an Pierre Bourdieu, dem hellsten Stern am französischen Soziologenhimmel, mancherlei auszusetzen. In ihrer Schrift "Le savant et la politique" attackiert ihn seine Kollegin Jeannine Verdès-Leroux als "soziologischen Terroristen", der, von einem manichäischen Weltbild beseelt, aus seinen angeblich objektiven Forschungen nur das heraushole, was er vorher hineingesteckt habe - nämlich seine eigenen Vorurteile. Nicht minder umstritten ist eine zweite Koryphäe des Fachs, Jean Baudrillard. In der amüsanten Abrechnung zweier Physiker, Alan Sokal und Jean Bricmont, mit den ignoranten Anleihen französischer Geistesgrößen bei den Naturwissenschaften ("Impostures intellectuelles") ist Baudrillard einer der Hauptangeklagten. Selbst Auguste Comte, der Vater der Disziplin und Erfinder des Wortes "Soziologie", der doch den unaufhaltsamen Fortschritt vom theologischen zum metaphysischen und zum positiven Zeitalter predigte, benahm sich wie ein Sektenführer: Der positivistische Gläubige hatte sich zu bekreuzigen, indem er mit dem Finger die Stellen am Kopf berührte, wo die Phrenologie Liebe, Ordnung und Fortschritt vermutete.

Die Urkunde, die es Madame Tessier erlaubt, den Doktortitel zu führen, ist noch nicht ausgestellt. Bisher hat der Präsident der Universität allen Forderungen widerstanden, die Dissertation von Naturwissenschaftlern überprüfen zu lassen oder zumindest klarzustellen, dass eine Legitimation der Astrologie nicht beabsichtigt sei. Nicht ohne Grund befürchtet er, dass ein solches Nachkarten Schule machen und die Naturwissenschaften zur Aufseherin der Geisteswissenschaften erheben könnte. Selbst bei einer weit schwerer wiegenden Entgleisung wie der Promotion des négationniste Henri Roques, der 1985 die Zuverlässigkeit des Gerstein-Berichts bestritten hatte, zögerte die Universität Nantes, den skandalösen Inhalt der Dissertation zu überprüfen. Der Doktorgrad wurde Roques schließlich wegen eines Formfehlers aberkannt: Die soutenance hatte im falschen Saal stattgefunden.

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