Gesundheit : Walter Benjamin: Der Grenzgänger

Kerstin Decker

Estación de Francia, Barcelona. Der Zug ist schon da. Am Gleis 6 steht "Walter Benjamin Port Bou". Ein Philosoph im Fahrplan? Walter Benjamin würde erschrecken. Nicht, weil es noch immer ungewöhnlich ist, dass Sonderzüge zu toten Philosophen fahren. Aber Benjamin glaubte an die Magie der Namen. "Nichts bindet die Menschen so an die Sprache wie ihr Name", hat er gesagt.

"Walter Benjamin Port Bou". Nicht mal ein Bindestrich trennt den deutschen Philosophen und den kleinen Ort an der spanischen Grenze, wo er sich am 27. September 1940 das Leben nahm - und wo sich jetzt, sechzig Jahre später, die "Internationale Walter Benjamin Gesellschaft" gründet. Überall, denkt man auf Anhieb, hätte Benjamin mehr hingepasst als nach Port Bou. Nach Berlin, wo er geboren wurde. Oder nach Paris, das er liebte. Und über das er sein "Passagenwerk" schrieb, eine Urgeschichte des 19. Jahrhunderts. Aber vielleicht passt dieser spröde schöne Grenzort Port Bou ja doch - zu dem Grenzgänger Benjamin.

Die Kirche Santa Maria de Port Bou, hoch überm Dorf und der Bucht, füllt sich mit den zweihundert Teilnehmern der Internationalen Benjamin-Konferenz. Wissenschaftliche Kongresse über einen säkularisierten Juden beginnen sonst fast nie in katholischen Kirchen. Genausowenig wie man für tote Juden und Selbstmörder hier sonst ein Abendmahl liest. Aber Benjamin bekam eins. Und ein ordentliches katholisches Begräbnis dazu. Ein Grenzgänger-Begräbnis. Gehirnbluten, stand auf dem Totenschein, nichts von Morphiumtabletten.

Der Bürgermeister von Port Bou sagt, dass Grenzorte seltsame Niemandsländer sind. Keiner kommt, um zu bleiben. Benjamin blieb vierundzwanzig Stunden nach der langen Flucht aus Frankreich zu Fuß über die Pyrenäen. Er besaß ein amerikanisches Visum und den Brief Horkheimers, in dem stand, dass er Mitglied des New Yorker Instituts für Sozialforschung sei. Erst Anfang der neunziger Jahre fand man den Brief und seine letzte Hotelrechnung im alten Rathaus von Port Bou, das jetzt die "Casa Benjamin" wird. Aber der Philosoph hatte kein französisches Ausreisevisum. Am nächsten Tag sollte er abgeschoben werden, zurück nach Frankreich. Wochen zuvor schrieb er seine "Thesen über den Begriff Geschichte". In deren Mitte steht Paul Klees "Angelus Novus", der Engel, in dessen Flügeln sich ein Sturm verfangen hat. Der Fortschrittssturm. Nun kann der Engel die Flügel nicht mehr schließen.

Auf-der-Flucht-Sein, die Haupt-Existenzform der Zukunft. Schon jetzt gibt es mehr Flüchtlinge als nach dem Zweiten Weltkrieg. Kurz vor dem Friedhof fuhrt ein schmaler Tunnel steil hinab zum Meer. Unten schäumt Gischt über die Steine. Als die Treppe plötzlich abbricht, lesen wir die fast durchsichtigen Benjamin-Worte: "Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion gewidmet." Wieder das Namensmotiv. Wer unbenannt ist, existiert nicht mehr. Benennen ist Ins-Dasein-Rufen, ist Unsterblich-Machen. Dani Karavan, der israelische Künstler, hat es mit seinem Tunnel nachgeholt. Auch das ist eine "historische Konstruktion". Auch das eine "Passage".

Als Hannah Ahrendt nach Port Bou kam, fand sie nicht mal mehr Benjamins Namen. Jetzt tritt Stephane Hessel, der vormalige französische Diplomat, vor den großen Findling, den die Gemeinde Benjamin gesetzt hat. Oder besser: nur noch seinem Namen. Hessel legt einen Stein auf das Grab. Er ist wie Benjamin in Berlin geboren. Er überlebte die Konzentrationslager Dora und Buchenwald. Sein Vater hat mit Benjamin zusammen Proust übersetzt. Sie waren die ersten. Sie glaubten wie Proust, dass das Absolute niemals eine Idee, eher schon eine Rüsche am Kleid ist. Auf dem Findling steht: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." Was meint das? Die Verdammung der Kultur, der nutzlosen Rüschen, die Verdammung Prousts? Oder schreibt es die Barbarei fest im Namen der Kultur?

Ein Vexierbild. Dialektik im Stillstand, wie Benjamin sagen würde. Was führt heraus? Radikales Aufwachen!, schlägt Irving Wohlfarth aus Reims vor. Der erste Vortrag am ersten Konferenztag ist einer übers Aufwachen. Denken ist lebenslanges Aufwachen, sagt Wohlfarth, der Philosoph. Die Welt aber schläft. Und wir alle sind das Schlafkollektiv, immer noch. Das Auditorium im Festsaal der Universität von Barcelona wird hellwach. Sämtliche spanische Könige blicken auf sie hinab, als eine Frau schließlich die alles entscheidende Frage wagt: "Was können wir uns heute unter Revolution vorstellen?" Vielleicht hat sie gerade an das Lied über Lenin gedacht: "Er rührte an den Schlaf der Welt!" Natürlich gibt es auch ein böses Aufwachen. Oder wachträumte Benjamin, als er Messianismus und Marx zusammendachte? Wohlfarth sprach nun über die Windverhältnisse. Zuwenig Rückenwind, und dass man bis auf weiteres eine Gruppe zur Interpretation des "Passagenwerks" gründen sollte. Der Engel der Geschichte, überlegen wir, muss inzwischen schon einen Orkan in den Flügeln haben, gemessen an der Windstärke des Fortschritts. Kultur und Barbarei. Für unser Globalisierungs-Zeitalter wäre das vielleicht so zu übersetzen: Der rasenden Integration der Welt entspricht ihre ebenso rasende Desintegration. Und was verstehen Revolutionen schon vom Internet?

Auch Bernd Witte, der neue Vorsitzende der Internationalen Benjamin Gesellschaft, ist unzufrieden mit der Schlaf- und Aufwachdialektik. Das 19. Jahrhundert wollte das Aufwachen sozial organisieren, das 21. will es technisch, zuletzt aber wache eben doch jeder für sich allein auf. Und der Schreibende - Benjamin! Kafka! - tue es ohnehin "wie ein Toter im Grab". Bedeutet Totsein nicht eine gewisse Steigerungsform des Schlafens? Aber Witte hat ja Recht. Benjamin taugt nicht zur Handlungsanleitung. Wichtig ist, was er sah. Walter Benjamin sah soviel wie nur ganz wenige unter denen, die überm Denken das Sehen nicht verlernt haben und überm Sehen nicht das Denken. Wichtig an Benjamin ist die unvergleichliche Flügelspannweite seines Denkens. Dazwischen fängt sich ein augenblickshaft zur denkenden Anschauung stillgestellter Sturm. Witte, Stephane Moses aus Jerusalem und viele andere zeichnen dessen Motive nach. Benjamin, anders als sein Engel der Geschichte, ließ sich nicht wegtreiben. Nicht mal hin zu dem kulturellen (nicht politischen) Zionismus seines Freundes Gershom Scholem. Zuletzt bleiben lauter Unauflösbarkeiten, wie jene glückhafte deutsch-jüdische Kultursynthese selbst, der Benjamin entsprang.

Vielleicht macht es die Größe eines Denkers aus, wie sehr er gegen sich selbst denken kann. Benjamin mit seiner Goethe-, Baudelaire-, Proust- und Kafka-Heimat sah das neue Barbarentum als Chance. Die Modernen sind so arm an Erfahrung? Versuchen wir es trotzdem! Der "destruktive Charakter" will nur eins - Platz schaffen? Recht hat er! Im Film "versenkt ... die zerstreute Masse das Kunstwerk in sich" - umso besser. Nein, Benjamin hätte keine Angst vorm Internet gehabt.

"Es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht in ihm gemeint erkannte." In Port Bou und Barcelona wurde eine Gesellschaft gegen das Verschwinden gegründet. Walter Benjamin selbst aber, das begreift man hier schnell, ist längst schon eingewandert in die Gegenstände seiner Untersuchungen. Zumindest sein Name. Wong Kar Wais Film "Smoke" - wie da einer jeden Tag denselben Tabakladen fotografiert! - das ist vollendet benjaminisch, sagt jemand. Oder Uwe Johnsons "Jahrestage". Und Wenders erst. Überhaupt müssen wir den "Himmel über Berlin" ganz neu interpretieren. Bruno Ganz, der Engel, wird Mensch am Schluss? Der Engel der Geschichte könnte sich das überlegen.

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