Gesundheit : Wandelnde Thermoskannen

Eisbären sind perfekt gegen Kälte geschützt. Was aber geschieht, wenn Klimawandel die Arktis schmelzen lässt?

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Von Monika Rößiger

„Einen Eisbären auf der Pirsch“, so heißt es bei Jägern am Polarkreis, „bemerkt man erst, wenn er einen am Genick packt.“ Die weißen Raubtiere sollen sogar so schlau sein, ihre im Schnee verräterische schwarze Schnauze mit der Tatze abzudecken. Das klingt eher nach Jägerlatein, jedenfalls hat noch kein Freilandforscher ein solches Verhalten beobachtet.

Was Wissenschaftlern mehr Sorge bereitet, ist die Zukunft der arktischen Riesen. 22000 bis 25000 Eisbären, so die Weltnaturschutzunion (IUCN), leben heute rund um den Nordpol, auf dem Eis des Meeres und den angrenzenden Küstengebieten. Gegen Kälte sind sie gewappnet, nicht aber gegen steigende Temperaturen und kürzer werdende Eisperioden. Ein doppelt gewebter Pelz und viel Speck auf den Rippen schützen vorm Frieren. Ihre Haut ist von feiner Unterwolle bedeckt, auf der ein Spezialfell aus wasserabweisenden Haaren liegt.

Die bis zu 600 Kilogramm schweren Kolosse, die man auch als wandelnde Thermoskannen bezeichnen könnte, kennen nur einen Nachteil: Es wird ihnen schnell zu heiß. Vor Überhitzung schützen sie sich durch Langsamkeit und ein kühlendes Bad im Meer. Ihren gemächlichen Trott unterbrechen sie nur für einen kurzen Sprint zum Robbenfang, bei dem sie bis auf 40 Kilometer pro Stunde beschleunigen können.

Steigende Temperaturen wirken sich gleich mehrfach verhängnisvoll für Polarbären aus. Erstens können sie ihren Pelz nicht ausziehen, zweitens wird das sommerliche Packeis weniger und die Wintereisdecke dünner. Eis brauchen die Bären aber, um von dort aus die fettreichen Robben jagen zu können. Denn ohne Robben könnten sie sich nicht die bis zu elf Zentimeter dicke Speckschicht anfuttern, die gegen die Kälte schützt und von der sie während des Sommers zehren.

Eine der größten Populationen hält sich in Kanada rund um die Hudson-Bay auf. Dort liegt auch der kleine Ort Churchill. Nirgendwo sonst versammeln sich so viele weiße Riesen. Im Herbst streifen bis zu 1200 Bären durch die Region, um das Zufrieren der Bucht abzuwarten. Meist sind sie hungrig, denn sommers an Land gibt es nur karge Kost: Beeren, Wurzeln und Mäuse. Auf der Suche nach Essbarem kommen einige Bären auch in die Siedlung, fleddern Müll und schrecken selbst vor „Hausbesuchen“ nicht zurück.

Da eine direkte Begegnung mit dem größten Landraubtier der Erde für Menschen lebensgefährlich ist, wehren sich die rund 900 Einwohner Churchills rabiat: Herumstreuner werden betäubt und in Arrest genommen. Sie bekommen nur zu trinken, kein Futter. Nach zwei Wochen werden sie auf dem Eis freigelassen. Obwohl Fasten zum Leben eines Polarbären gehört, soll sie diese unangenehme Erfahrung lehren, einen Bogen um die Siedlung zu machen.

Schlimmeres als Beugehaft droht den Eisbären nun durch den Klimawandel und die chemische Belastung ihres Lebensraumes. Obwohl die Polarregion fern der Industrie liegt, gelangen Schadstoffe über Luft- und Meeresströmungen dorthin und reichern sich in der Nahrungskette an. Das gilt vor allem für schwer abbaubare, hochgiftige Chemikalien wie DDT oder polychlorierte Biphenyle (PCB), die zwar in vielen Ländern mittlerweile verboten sind, aber als Altlast weiter in der Umwelt präsent sind.

Da Eisbären am Ende der Nahrungskette stehen, sind sie „wahrscheinlich mit mehreren Hundert Chemikalien belastet2, heißt es in einem Bericht der IUCN-Experten. Die am stärksten verseuchten Eisbären leben demnach im Nordosten Grönlands, in der Barentsee und im Kara-Meer. Die Umweltgifte können das Hormon- und Immunsystem stören und gelten als möglicher Grund für die zunehmende Zwittrigkeit bei Jungtieren, die Ende der 90er Jahre auf Spitzbergen festgestellt wurde.

In der Hudson-Bay wirkt sich die früher einsetzende Eisschmelze negativ auf die Vermehrung der Eisbären aus. Es bleibt ihnen weniger Zeit, um sich an den gut gefüllten Fleischtöpfen des Meeres zu laben. Das ist besonders hart für Bärinnen, die sich im Frühjahr gepaart haben: Sie brauchen nun extra viel Speck auf den Rippen, bevor sie im Sommer an Land gehen. Die Monate bis zur Geburt der Jungen – im Dezember oder Januar – überdauern sie nämlich nahezu fastend. Dabei können sie bis zur Hälfte ihres Körpergewichts verlieren. Und je weniger Reserven sie haben, desto weniger Junge können sie aufziehen.

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