Gesundheit : Wann es eine Scheibe mehr sein darf

Bandscheibenprothesen helfen bei Rückenschmerzen - jedoch nur in ganz bestimmten Fällen

Adelheid Müller-Lissner

Es ist eine schmerzliche Tatsache: Vier von fünf Deutschen erkranken im Laufe ihres Lebens an den Bandscheiben. Diese „Stoßdämpfer“ der Wirbelsäule sitzen wie kleine Gelpads zwischen den Wirbeln. Doch im Laufe des Lebens trocknen sie zunehmend aus und verschleißen. Im schlimmsten Fall reißt der äußere Ring, das Gel aus Bandscheibenzellen quillt heraus und kann auf Nervenwurzeln drücken. Die heftigen Schmerzen durch einen solchen Bandscheibenvorfall können das Leben zur Hölle machen.

Zwar gibt es eine ganze Reihe von Therapien, doch rückgängig machen lässt sich der Schaden an den Bandscheiben nicht. Bei unbeherrschbaren Schmerzen der Wirbelsäule blieb bislang meist nur die operative Versteifung einzelner Abschnitte, die aber mit deren Unbeweglichkeit bezahlt wurde. Außerdem drohen nach der Versteifung eines Wirbelsäulenabschnitts Schmerzen an den benachbarten Wirbeln und Bandscheiben – denn sie werden stärker beansprucht und verschleißen schneller. Neue Operationsmethoden versprechen zwar einen Erhalt der Beweglichkeit – stehen aber bei Fachleuten aus Mangel an Langzeitstudien in der Kritik.

Inzwischen hat sich eine an der Berliner Charité entwickelte Prothese, die abgenutzte Bandscheiben ersetzen und dabei die Beweglichkeit der Wirbelsäule erhalten kann, als guter Ersatz für die natürlichen Stoßdämpfer herausgestellt. Das zeigt eine Untersuchung, für die Michael Muschik, Orthopäde an der Park-Klinik Weißensee und sein Cuxhavener Kollege Ulrich Meergans 62 ihrer Patienten zwei Jahre nach dem Eingriff befragten. Bei 47 von ihnen waren die Beschwerden völlig verschwunden oder nachhaltig gebessert. Fünf Patienten brauchten allerdings doch nach einiger Zeit eine Versteifungs-Operation.

Die Prothese wurde bereits 1982 von den damaligen Charité-Orthopäden Kurt Schellnack und Karin Büttner-Janz entwickelt und inzwischen bei mehreren Tausend Patienten weltweit eingesetzt. Im Jahr 2003 hatte eine US-Firma für einen dreistelligen Millionenbetrag die Rechte für die nach den Erfindern „SB-Charité“ benannte Prothese von einer Hamburger Firma gekauft. Als erste ihrer Art wurde sie 2004 von der amerikanischen Zulassungsbehörde (FDA) genehmigt.

Karin Büttner-Janz, Leiterin der Orthopädie im Vivantes Klinikum, Friedrichshain, war Olympiasiegerin im Kunstturnen, bevor sie Medizin studierte. „Ich kam durch einen glücklichen Zufall zu diesem Thema, aber meine Sportvorgeschichte passt gut dazu", sagt sie. Anfangs waren die Berliner Orthopäden weltweit die einzigen, die solche Prothesen an der Lendenwirbelsäule einsetzten. Damals boomten längst die künstlichen Knie- und Hüftgelenke.

Die Oberfläche der Prothese aus Titan und Kalziumphosphat erlaubt es, den Knochen direkt an das Implantat anwachsen zu lassen. Die Form ist der natürlichen Bandscheibe möglichst gut angepasst. Doch die Operation kommt längst nicht für jeden in Frage, der es „mit der Bandscheibe zu tun“ hat, sagt Orthopädin Büttner-Janz.

Am Anfang sollte der Versuch stehen, mit Physiotherapie, Rückenschule und Schmerzmitteln über die Runden zu kommen. Muss dennoch ein Bandscheibenvorfall operiert werden, reicht zunächst meist die Entfernung des störenden Gewebes. Eine Prothese sei erst bei einem erneuten Bandscheibenvorfall gerechtfertigt, sagt Muschik. Voraussetzung ist außerdem, dass wirklich nur die Bandscheibe degeneriert ist und nicht auch die kleinen Wirbelgelenke. „Die Prothese kann helfen, wenn der Schmerz ganz isoliert von der Bandscheibe herkommt“, erklärt Muschik. Das ist vor allem bei älteren Patienten mit Rückenbeschwerden oft nicht der Fall. Viele leiden etwa unter einer Arthrose der kleinen Wirbelgelenke.

Bei Patienten, die über 60 Jahre alt sind, sehen Büttner-Janz und Muschik den Einsatz der Prothesen daher skeptisch. Für Patienten, die unter Osteoporose leiden und deren Wirbelkörper brüchig sind, kommt die Prothese nicht in Frage. „Das A und O ist, dass der Eingriff bei den richtigen Patienten gemacht wird“, sagt Büttner-Janz. „Sonst folgt die Enttäuschung, weil die gewünschten Ergebnisse ausbleiben.“

Und Nachbesserungs-Operationen sind sehr kompliziert und riskant. Den Versprechungen einiger Privatkliniken, auf einen Schlag gleich vier oder mehr Bandscheiben durch Prothesen zu ersetzen, stehen Muschik und Büttner-Janz deshalb ganz besonders skeptisch gegenüber. „Es wird inzwischen eindeutig zu viel operiert“, kritisiert Muschik.

Wunder kann auch die künstliche Bandscheibe nicht bewirken. Schmerzgeplagte, denen eine einzelne, nachweislich degenerierte Bandscheibe bei sonst gesundem Rücken nachhaltig Probleme bereitet, können sich aber Hoffnung machen, von der Prothese wirklich zu profitieren.

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